Dalai Lama-Schwester: "Er ist mein Guru"

KURIER-Interview: Die Schwester des Dalai Lama äußert Verständnis für die Proteste in Tibet und erzählt über ihren Bruder.

Jetsun Pema, 68, ist eine charismatische Frau. Seit 1964 sorgt sie mit ihren Kinderdörfern für Tausende tibetische Flüchtlingskinder im indischen Exil. Sie war Frauenministerin und kämpft im Ausland um Hilfe für Tibet. Bekannt ist sie aber in der ganzen Welt als die Schwester des Dalai Lama. Mit dem KURIER sprach sie über ihren Bruder und die aktuelle politische Situation.

KURIER: Vergangene Woche wurde die olympische Fackel von einer Tibeterin auf den Mount Everest gebracht. Was denken Sie darüber?
Jetsun Pema: Wenn die Chinesen das machen wollen, haben die Tibeter keine Möglichkeit, es abzulehnen. Ich weiß nicht, ob es die Tibeterin unter Druck gemacht hat. Seitdem die Aufstände in Lhasa niedergeschlagen wurden, lebt die Stadt in Angst.

Sollte die Welt die Olympischen Spiele boykottieren?
Seine Heiligkeit war niemals dagegen, China die Olympischen Spiele zu geben. Die Chinesen machen immerhin ein Viertel der Weltbevölkerung aus.

In Tibet herrschen seit dem Einmarsch der Chinesen Folter, Unterdrückung und Zerstörung. Die Welt meint, dass sei nicht in Ordnung, treibt aber milliardenschweren Handel mit China. Sind Sie deshalb frustriert?
Ja, das ist entmutigend. Alles ist nur vom Geld bestimmt. Wenn man sich für Tibet einsetzt – was kriegt man dafür? Das ist das Problem.

Der Dalai Lama sagt, dass es keinen Hass gegen China geben soll. Aber gerade die jungen Tibeter leiden. Wie soll es weitergehen?
Der Protest richtet sich nicht gegen die Chinesen, sondern gegen die Politik der chinesischen Regierung. Sie hat viel versprochen und nichts gehalten.
Die Tibeter sind frustriert. Wenn Leute die Hoffnung verlieren und nur Angst haben, dann werden sie aggressiv. Ich habe Verständnis dafür. Die Dialoge mit China bringen kein Ergebnis, es muss etwas passieren. Es ist schwierig, auf gleicher Ebene mit China zu diskutieren. Wir sind im eigenen Land Leute zweiter Klasse.

Was denken Sie wird passieren, wenn der 14. Dalai Lama tot ist?
Es gibt eine demokratische Exilregierung, die stabil ist. Ob der Dalai Lama da ist oder nicht – die Tibet-Frage wird weiterbestehen. Seine Heiligkeit sagt immer: Ob es einen nächsten Dalai Lama gibt, hängt von den Tibetern ab.

Es fällt auf, dass der Dalai Lama oft lacht. Warum? Was bewundern Sie an ihm?
Er nimmt alles locker, er ist voller Humor. Das ist sein Pluspunkt in dieser Situation. Humor ist eine gute Medizin für die Gesundheit und die Seele. Ich bewundere seine Weisheit, seine Einfachheit, seine Toleranz, Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit.

An was erinnern Sie sich, wenn Sie an Ihrer beider Kindheit denken? Wie ist das Verhältnis zueinander jetzt?
Als ich geboren wurde, war er schon Dalai Lama im Potala Palast. Wenn wir dort hingingen, mussten wir immer ganz ruhig und respektvoll sein. Jetzt ist er mein Guru. Wir sehen uns vor allem, wenn ich ein Problem habe.

Hoffen Sie, dass Sie nach Tibet zurückkehren können?
Ja. Das ist die Hoffnung jedes Tibeters. Wir wissen nicht wann – aber wir geben niemals auf. Jetzt kann ich nicht zurück. Ich stehe auf einer schwarzen Liste. Mittlerweile sind nur mehr sechs Millionen Tibeter in Tibet, dem gegenüber stehen 7,5 Millionen Chinesen. Bald werden keine Tibeter mehr in Tibet sein.

Was hat sich seit den Aufständen im März verändert?
Eine neue Form von Energie ist unter den Tibetern. Sie fühlen, dass sie etwas tun müssen. Wir haben jetzt viel internationale Öffentlichkeit. Wir wissen aber nicht genau, was vor sich geht. Seine Heiligkeit ist sehr beunruhigt.

 

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