
focus.de, 13.02.2010
US-Präsident Barack Obama will
den Dalai Lama treffen - und Peking schäumt. Die
Konfrontation wird schärfer.

George
W. Bush hat es gemacht. Auch sein Vater und Bill
Clinton. Jetzt will Barack Obama die Tradition
amerikanischer Präsidenten fortführen und sich
ungeachtet harscher Kritik aus Peking mit dem
religiösen Oberhaupt der Tibeter, dem Dalai Lama,
treffen. Selbst wenn der 74-jährige "Ozean der
Weisheit" - anders als Staatschefs aus aller Welt -
nicht im Oval Office empfangen wird, stehen ihm bei
seinem Besuch am Donnerstag die Türen des Weißen
Hauses und die Herzen Millionen amerikanischer
Buddhisten weit offen.
Dabei geht es bei dem Treffen um weit mehr als um
eine Geste religiöser Wertschätzung. Mit ihm wird
vonseiten Amerikas, aber auch in China, knallharte
Politik gemacht. Barack Obama hält die Einhaltung
der Menschenrechte - auch in Tibet - hoch. Peking
wiederum will vor Instabilität warnen, die von
Separatisten wie dem Dalai Lama ausgehen soll. Die
Begegnung müsse abgesagt werden, wetterte am Freitag
dementsprechend ein Außenamtssprecher in Peking.
Andernfalls könnten die Beziehungen zwischen den USA
und China ernsthaft Schaden nehmen. Aus Rücksicht
auf das Regime hat Obama eine frühere Gelegenheit zu
einem Treffen mit dem Dalai Lama platzen lassen. Das
brachte ihm Ärger mit Kongressabgeordneten und
Menschenrechtsaktivisten ein. Noch einen Rückzieher
wird es nicht mehr geben.
Respekt
Für die Führung in Peking gilt
der Dalai Lama als Staatsfeind Nummer eins, der vom
indischen Exil aus die Abspaltung Tibets forciert.
Wer ihn empfängt, erläuterte ein hoher chinesischer
Diplomat dem KURIER, verletzte nicht die Regierung,
sondern das ganze Volk.
Mit ihrer angekündigten Waffenlieferung an das
"abtrünnige" Taiwan haben die USA schon zuvor eine
offene Wunde der chinesischen Einheitspolitik
berührt. Die Quittung folgte auf dem Fuß: China
kündigte das Einfrieren der Militärbeziehungen an
und drohte mit Sanktionen gegen US-Firmen, die mit
dem Waffenhandel in Verbindung stehen. Jetzt rechnen
Beobachter damit, dass der für April geplante
US-Besuch von Staatschef Hu Jintao verschoben wird.
Stärke und
Macht
Peking geht es bei seiner starren
Haltung vor allem um Machterhalt - und um die
Bewahrung des Einparteiensystems, was nach Ansicht
einflussreicher Kader nur mit Stärke und Autorität
gelingen kann. Gerade vor dem für 2012 anstehenden
Führungswechsel.
Beim Thema Dalai Lama wissen sie die breite Mehrheit
der Han-Chinesen hinter sich. Das erzeuge Einigkeit
über innenpolitischen Querelen hinweg, so die
Sinologin Susanne Weigelin-Schwiedrzik zum KURIER.
Und es relativiere zudem das positive Image des
US-Präsidenten im Land. In China ist sein Besuch bei
den Leuten gut angekommen - "besser als im Rest der
Welt, wo wir ja mittlerweile gemerkt haben, dass
seine schönen Reden verblassen". Eine zu innige
Umarmung der beiden Super-Mächte kann innenpolitisch
- aber auch im Wettstreit um die Durchsetzung
eigener Interessen - im Wege stehen.
|