Die Minderheitenpolitik in China
china-observer.de, 24.01.2010
Als Deng Xiaoping 1978 die Macht
übernahm, verfolgte China eine einigermaßen moderate
Minderheitenpolitik.2 Der Staat setzte die Prioritäten eher bei der
Koexistenz der ethnischen Gruppen als bei einer Integrationspolitik.
Bei der 1982 vorgenommenen Novellierung der Verfassung der VR China
aus dem Jahr 1954 wurde die regionale Autonomie der ethnischen
Minderheiten zumindest auf dem Papier gestärkt.
Als Reaktion auf die
Unabhängigkeitsdemonstrationen in Tibet in den späten 80er Jahren
schritt die VR China zu der „wirtschaftlichen und kulturellen
Integration der ethnischen Minderheiten“. Dies wird im chinesischen
Weißbuch zur Minderheitenpolitik3 unterstrichen. Darin heißt es:
„Die Betonung auf allgemeinem Wohlstand und der Entwicklung aller
ethnischen Gruppen ist die Grundlage der chinesischen
Minderheitenpolitik.“4
Die VR China erklärt die
Grundlagen ihrer ethnischen Politik wie folgt:
-
Gleichwertigkeit der
ethnischen Gruppen
-
Regionale Autonomie
-
Ihre
Eigenständigkeit unterstützende Maßnahmen im politischen,
wirtschaftlichen, kulturellen und Bildungsbereich
-
Verbot der
Rassendiskriminierung.
I. Politische Vertretung
Die VR China behauptet, die Anzahl
der Beamten aus den ethnischen Minderheiten sei ständig im Steigen
begriffen; 2006 habe es im ganzen Land 2.994 Millionen von ihnen
gegeben. Das sei 3,8 mal soviel wie 1978.5 Es stimmt zwar, daß alle
Gouverneure der fünf autonomen Provinzen ethnischen Minderheiten
entstammen. In Wirklichkeit findet man jedoch auf der
Entscheidungsebene nur wenige Beamte, die zu ethnischen Minderheiten
gehören. Nach Schätzungen sind 50% der Regierungskader Tibeter, aber
in den Entscheidungsgremien sind sie kaum vertreten und haben keinen
Einfluß.
Die wichtigste und mächtigste
Position in einer autonomen Minderheiten-Provinz ist die des
Parteisekretärs. Derzeit wird sie in keiner der fünf autonomen
Provinzen von einem Angehörigen einer ethnischen Minderheit
eingenommen.6 Seit Einrichtung der „Autonomen Region Tibet“ im Jahr
1965 hat noch nie ein Tibeter diesen Posten innegehabt.
II. Wirtschaftliche
Entwicklung
Peking behauptet, die
wirtschaftliche Entwicklung der einheimischen Bevölkerung in Tibet
genösse oberste Priorität. In den 80er Jahren wurden dafür zwei
Modelle diskutiert. Beim ersten sollten die Tibeter aktiv in den
Entwicklungsprozeß miteinbezogen werden und dabei sogar eine
führende Rolle übernehmen. Das zweite Modell favorisierte die rasche
Entwicklung, die in ihren ersten Phasen mit Hilfe erfahrener und
qualifizierter Han-Chinesen vonstatten gehen sollte. Mitte der 80er
Jahre entschied sich die Führung der VR China für das zweite Modell.
Beim Dritten Arbeitsforum zu Tibet
der chinesischen Regierung 1994 lag der Schwerpunkt auf der
„Stabilität und Sicherheitswahrung“ mittels wirtschaftlichen
Fortschritts. Auf dem Vierten Arbeitsforum von 2001 wurde nochmals
die Bedeutung der Strategie betont, wirtschaftlichen Wohlstand zu
generieren, um auf diese Weise nationalistische Bestrebungen
auszuschalten.
Das chinesische
Entwicklungsmodell
Seine Struktur beruht nicht auf
den Rechten und Bedürfnissen der Betroffenen:
-
Ein sich auf die
Rechte beziehender Ansatz ist nicht erkenntlich, da die Tibeter
an den sie betreffenden Entscheidungen in keiner Weise beteiligt
werden und keine wirkliche Autonomie besitzen.
-
Von einem Ansatz bei
den Bedürfnissen fehlt jede Spur. Die staatlichen Investitionen
konzentrieren sich hauptsächlich auf die Entwicklung der
Infrastruktur wie Fernstraßen, Eisenbahnen usw. Bei den
sogenannten „harten Infrastruktureinrichtungen“ wird das
Hauptgewicht der Entwicklung auf Handel, Dienstleistungen sowie
Regierungs- und Parteiverwaltung gelegt - alles Bereiche mit
minimaler tibetischer Beteiligung. Chinas Bemühungen um
wirtschaftliche Entwicklung gehen an 80% der Tibeter völlig
vorbei, die nach wie vor Subsistenzwirtschaft betreiben oder
nomadische Viehzüchter sind.
Im von der chinesischen Regierung
herausgegebenen Weißbuch wird der Vorrang von Infrastrukturprojekten
betont. Es heißt darin: „Bauprojekte genießen Priorität, denn sie
sollen eine verläßliche Grundlage für die weitere Entwicklung
bieten.“7
Unzureichende Anstrengungen im
Hinblick auf den menschlichen Entwicklungsstand
Gemäß dem Bericht des
UN-Entwicklungsprogramms von 1997 kombiniert der Armutsindex
Maßstäbe wie die Lebenserwartung, die Lese- und Schreibfähigkeit,
Langzeitarbeitslosigkeit und
relatives Einkommen in einem
einzigen zusammengefaßten Maßstab.8
Wie man sieht, sind die
staatlichen Ausgaben für Bildung, Gesundheit und Landwirtschaft
relativ gering und Tibet liegt in allen genannten Bereichen weit
hinten.
Der Entwicklungsexperte Gabriel
Lafitte argumentiert, daß sich Tibet trotz immenser staatlicher
Mittel, die nach Tibet flössen, auf der UN-Nationenliste [wenn es
denn eine Nation wäre] mit Ländern wie Ruanda, Sudan, Somalia und
Mozambique die untersten Plätze teilt.9 Eine andere Expertin, June
Teufel Dreyer, sagte: „Selbst ein nur flüchtiger Blick auf das
Statistische Jahrbuch Chinas wird bestätigen, dass die TAR bei jedem
Indikator buchstäblich an unterster Stelle rangiert:
Gesamteinkommen, Pro-Kopf-Einkommen, Alphabetisierung, ja sogar bei
der statistischen Lebenserwartung.“10
Wirtschaft als politisches
Kontrollwerkzeug
Nach chinesisch-marxistischer
Auffassung neigt eine wohlhabende Bevölkerung weniger zu
nationalistischen Ansichten als eine arme. Der ehemalige
Parteisekretär der TAR, Chen Kuiyan, erläuterte einmal: „Alleine
wirtschaftliche Entwicklung, besseres Ansehen unseres Landes und
wachsender Wohlstand werden die Leute vom Separatismus abbringen und
zu korrekten Einschätzungen befähigen. Nur so werden sie ihre
Ambitionen zur Spaltung des Landes überwinden.“11 Die Mehrzahl der
Entwicklungsprojekte in Tibet wie das “Programm zum Aufbau des
Westens“ dienen letztlich dem politischen Zweck der
Aufrechterhaltung der Stabilität.
Der chinesische Intellektuelle
Wang Lixiong sagte einmal zu Recht: „Wirtschaftlicher Profit als
‚Köder’ sowie die ‚Rohrstock-Politik’ des massiven politischen
Drucks haben während der vergangen 13 Jahre in Tibet einen
oberflächlichen Frieden gewährleistet. Aber die Unruhen von Lhasa in
der jüngsten Vergangenheit haben erneut bewiesen, dass diese Art der
Politik nicht zur Lösung der tibetischen Frage taugt. Das bestehende
politische System in China läßt den Behörden aber keine andere
Möglichkeiten, um Tibet zu regieren.“12
Urban orientierte Entwicklung
Die städtischen Gebiete Tibets, wo
die meisten han-chinesischen Immigranten, aber nur 20% der
tibetischen Bevölkerung leben, profitieren in erster Linie von
Chinas Entwicklungspolitik.
Gongmeng („Offene
Verfassungsinitiative“) ist eine in Peking ansässige
Juristenvereinigung, sozusagen ein Thinktank. In ihrem
Untersuchungsbericht heißt es: „Der Modernisierungsprozeß bringt die
Landwirtschaft in ihrer Rolle als traditionelle Sparte in eine
verwundbare Position… Der Lebensstandard in Lhasa ist nicht
schlechter als in einer beliebigen Stadt in den [besser]
entwickelten Han-Gebieten… Wenn man in dieser Periode der raschen
Modernisierung und überhasteten Marktorientierung tibetische Gebiete
mit von Han bewohnten oder auch unterschiedliche Regionen wie
städtische und ländliche innerhalb der tibetischen Gebiete
miteinander vergleicht, so zeigt sich immer und überall ein
unerbittlicher Trend zu wachsender Ungleichheit.“13
Tibeter als marginalisierte
Gruppe
In dem Bericht heißt es: „Die
Menschen, die den größten Nutzen aus der pulsierenden Wirtschaft
ziehen, sind die nicht-tibetischen Zuwanderer; den Tibetern mangelt
es an Kapital und Kenntnissen, was stark zu ihrer zunehmenden
Marginalisierung beiträgt. In Lhasa gibt es an jeder Ecke
Restaurants mit Sichuan-Küche, die von Leuten aus Sichuan betrieben
werden. Taxifahrer sind in der Regel nicht-tibetische Immigranten
aus Henan, Sichuan und Shaanxi.“14
Der Bericht fährt fort: „Auf Grund
mangelnder Qualifikationen und chinesischer Sprachkenntnisse haben
die Tibeter im Hinblick auf den Erwerb beruflicher Fertigkeiten und
Anpassung an das Wertesystem keine Chance, beim
Modernisierungsprozeß in wirtschaftlichen Wettbewerb mit
Nicht-Tibetern zu treten.“
Wang Lixiong ist der Ansicht, dass
die Regierung zwar die Einwanderung in großem Maßstab nicht
organisiert, aber sehr wohl dazu ermutigt. Das führt zu dem von ihm
als die Sinisierung Tibets bezeichneten Phänomen, in dem er den
Hauptgrund für alle derzeitigen Konflikte sieht.15
Bruttoinlandsprodukt versus
menschliche Entwicklung
Der Zufluß von
Regierungssubventionen nach Tibet soll angeblich zum Wachstum des
Bruttoinlandsprodukts (BIP) geführt haben. Allerdings haben sich
daraus weder Einkommenssteigerungen noch eine Verbesserung der
Lebensbedingungen für die tibetische Bevölkerung ergeben. Das liegt
daran, dass sich die Zuschüsse der Zentralregierung auf den
staatlichen Sektor konzentrieren.
Tibetische Entwicklung versus
chinesische Entwicklung
Chinesen und Tibetern sind
unterschiedlicher Meinungen über die eigentliche Bedeutung des
Begriffs „Entwicklung“. „Für die Tibeter hat ein gutes Leben mehr
mit Freiheiten wie der Religionsfreiheit, der Achtung vor dem
Menschen und dem Leben zu tun - mit der Art von Wohlgefühl, die sich
einstellt, wenn man anderen Gutes erweist.“ (Gongmeng Report).
Die Behörden der VR China beharren
dagegen stur auf ihrem alten Entwicklungsmodell. Im chinesischen
Weißbuch zur Minderheitenpolitik heißt es: „Der Staat ist davon
überzeugt, dass die Beschleunigung der sozialen und wirtschaftlichen
Entwicklung von Minderheitenregionen grundlegend für die Lösung der
ethnischen Fragen in China sind.“
Robert Barnett resümiert die
Entwicklungsproblematik in Tibet als „Vergeudung von politischem
Kapital durch Eingriffe ins kulturelle Leben.“16
Falsche offizielle Statistiken
Berichte untergeordneter Stellen
an die zentrale Führung sind oft übertrieben und basieren auf
gefälschten Statistiken. Dem UNDP zufolge hinkt die TAR anderen
Regionen in China in den Bereichen Einkommen, Armut, Gesundheit und
Bildung weit hinterher. Deshalb muß man sich unbedingt darüber klar
sein, dass das Bruttosozialprodukt (BSP) und das Bruttoinlandprodukt
(BIP) nicht immer ein akkurates Bild der wirtschaftlichen
Entwicklung abgeben.
Durch die Übertreibungen der
lokalen Beamten werden die Entwicklungsstatistiken verzerrt, was zu
falschen Darstellungen des Entwicklungsstandes führt. Luwo Tsetan
berichtet über ein derartiges Vorkommnis:
„Als im Oktober 2007 [im Bezirk
Chigdril, Golog] die Daten über die allgemeine neunjährige
Schulpflicht und die Eliminierung des Analphabetentums bei
Jugendlichen und Erwachsenen erhoben und verarbeitet wurden, hat man
den Bezirk dazu verpflichtet, mehr als 1.300 Schüler anzugeben.
Tatsächlich verzeichnete die Schule aber 700 Schüler. Einige dieser
Schüler gehörten zu einer bestimmten Mittelschule, andere waren
Absolventen der tibetischen Schule, hüteten aber tatsächlich Vieh
für ihre Familie, und wieder andere waren Mönche. Sie alle kamen,
als die Inspekteure im Anmarsch waren, in die Schule und gingen
sofort nach deren Abreise wieder nach Hause. Man hatte den Schülern
sogar eine Belohnung angeboten, falls sie sich für die Schule
registrieren ließen, und obwohl sie sich dort nur zwei Monate lang
aufhielten, wurden sie im Bericht als vierjährige Intensiv-Klasse
aufgeführt.“17
Aufgrund solcher Vorkommnisse
erklärte Gyaltsen Norbu, ehemaliger Vorsitzender der TAR-Regierung,
1997: „Wir sollten, wenn es um die Hilfe für die Armen geht, diese
ungesunden Tendenzen wie Prahlerei und Übertreibung und Vertuschung
der Wahrheit vor höheren Ebenen unterlassen.“18
III. Bildung
Ideologisch-politische
Bildungsinhalte
Das Bildungswesen in Tibet soll
die Schüler dazu bringen, den Kommunismus und das „Mutterland“ zu
lieben.

Mit der Wiederaufnahme der
Kampagne für „Patriotische Umerziehung“ im Jahr 2009 und der
Integration des Unterrichts für ethnische Einheit ins Bildungs- und
Prüfungssystem wurde die ideologische Indoktrinierung weiter
intensiviert. Die Kommission des chinesischen Ministeriums für
Bildung und staatliche ethnische Angelegenheiten gab am 26. November
2008 den „Leitfaden für die Erziehung zur ethnischen Einheit in
Schulen“ heraus, der die Minderheitenpolitik der kommunistischen
Partei unterstützen soll. Besonderer Wert wird dabei auf die Punkte
„Schutz der Einheit des Mutterlands“ und „Widerstand gegen den
Separatismus“ gelegt19.
Assimilation
Da Assimilation das Ziel der
Regierung ist, gibt es in Tibet nur sehr eingeschränkte religiöse,
historische und kulturelle Bildungsmöglichkeiten. Geschichte,
Traditionen, Sprachen und Kulturen von Minderheiten werden weder
gebührend respektiert noch gelehrt, obwohl dem eigentlich so sein
sollte. Das kann man ganz deutlich aus dem nationalen
Standard-Lehrplan ersehen, der im gesamten Bildungssystem überall in
China zur Anwendung kommt. „Obwohl sich Geographie, Landwirtschaft,
Klima, Sprache und lokale Bräuche stark unterscheiden, werden
dennoch im ganzen Land dieselben Fächer anhand derselben
Unterrichtsmaterialien gelehrt.“20
So kommt es, dass Kindern aus
Minderheiten ein Unterlegenheitsgefühl bezüglich ihrer ethnischen
Identität eingeimpft wird. Sie fühlen sich minderwertig, weil sie in
ihrem Unterrichtsmaterial keinerlei Bezug zu ihrer eigenen Kultur
oder Geschichte finden. Wenn sie merken, dass es keine Lehrinhalte
gibt, die sie auf ihre Herkunft stolz sein lassen, verlieren sie
ihre Selbstachtung und das Interesse an der Schule. Das zeigt sich
auch an der hohen Rate von Schulabbrechern bei Kindern von
Minderheiten.“21
Die Lehrpläne sollten auch
Weltgeschichte, tibetische und chinesische Geschichte beinhalten.
Tibetische Sprache
Eine positive Entwicklung der
schulischen Bildung bleibt solange fraglich, wie das Sprachproblem
nicht gelöst ist. Sprache wird definiert als „Träger der Kenntnisse
und Erfahrungen, die eine Nation oder Kultur im Laufe ihrer
Geschichte erworben hat.“22
Im Hinblick auf die Probleme mit
der chinesischen Sprache in Tibet sagte Professor Badeng Nima: „Seit
Tibet dem Einfluß der chinesischen Wirtschaft ausgesetzt ist, hat
sich die Sprachenproblematik immer mehr verschärft.“23 Ungeachtet
der gesetzlichen Garantien für die sprachlichen Rechte von
Minderheiten wird in Verwaltung und Handelsverkehr die chinesische
Sprache benutzt. Seit 1997 ist sie auch die Hauptunterrichtssprache
an fast allen tibetischen Schulen.
Das Tibetische sollte in den
Lehrplänen, als Unterrichtssprache und in Handels- und
Verwaltungssachen Priorität genießen.
Rhetorik und Realität
Im Februar 2009 rückte China in
den Blickpunkt der „Allgemeinen Regelmäßigen Länderüberprüfung“
(Universal Periodic Review/UPR) der Vereinten Nationen. Im Bericht
Chinas an die UPR-Arbeitsgruppe heißt es: „Bis Ende 2000 wurde die
neunjährige Schulpflicht praktisch überall im Lande eingeführt.“24
Im Gegensatz dazu setzten einige
Beobachter aus dem Ausland die Analphabetenrate in Tibet bei 74,31
Prozent an.25 Damit ist Tibet eine der am wenigsten alphabetisierten
Regionen in China.26
Der Gongmeng-Report beleuchtet den
Bildungsstand in den entlegenen Gebieten Tibets:
Bei Befragungen in der Region
Qingshui gaben Dorfbewohner an, immer wenn höhere Verwaltungskader
zur Überprüfung der Fortschritte bei der Alphabetisierung anreisten,
würden die Gemeindebehörden alle Jugendlichen, die nicht zur Schule
gingen, zu einem zehntägigen Pflichtunterricht einberufen. Im
Anschluß daran bekämen sie ein Abschlußzeugnis für die Grundschule
und würden folglich bei der Inspektion als „dem Analphabetentum
entrissen“ präsentiert.
Zudem sind die fachlichen
Qualifikationen der Lehrer vor Ort und der Ausbildungsstandard
unzureichend… Insbesondere wurde ein Mangel an Lehrpersonal mit
höherer Bildung festgestellt. In entlegenen Gebieten gilt zudem:
„eine Schule - ein Lehrer“.
IV. Tibetischer Buddhismus
„Patriotische
Umerziehungskampagne“
Nach den Protesten von 2008 hat
China die Kampagne für „Patriotische Umerziehung“ sowohl für die
Klöster als auch für die allgemeine Bevölkerung häufiger und
verstärkt durchgeführt. Hao Peng, der stellvertretende Parteichef
für Tibet, forderte die Intensivierung der patriotischen Erziehung,
„um die Masse der Mönche zur Entfaltung einer dauerhaften
patriotischen Haltung anzuleiten.“27
Die Kampagne ist eines der
wichtigsten Werkzeuge Pekings, mit dem der Buddhismus in eine
kommunistische Schablone gepreßt und der Gehorsam des geistlichen
Standes dem Staat gegenüber getestet werden soll. Es ist praktisch
unmöglich, in den Genuß einer vollständigen religiösen Erziehung zu
kommen. Tausende Mönche und Nonnen wurden inhaftiert oder aus ihren
Klöstern ausgeschlossen, nur weil sie den offiziellen Anordnungen
nicht gefolgt sind.
Verinnerlichter versus
veräußerlichter Buddhismus
Die VR China versucht den
tibetischen Buddhismus mittels gesetzlicher Regelungen in eine
sogenannte „normale“ Religion umzuwandeln. „Normale“ Religionen
unterstehen der Kontrolle des Staates und sind „patriotisch“
ausgerichtet.
Im chinesischen Weißbuch zur
Minderheitenpolitik wird klar, mit welchem Nachdruck die VR den
externalisierten Buddhismus verficht:
„Es gibt in Tibet über 1.700
buddhistische Andachtsstätten, und in den Tempeln leben 46.00 Mönche
und Nonnen. Dort werden die üblichen traditionellen buddhistischen
Aktivitäten ausgeübt. Sie erstrecken sich vom Sutra-Studium und
eifrigem Debattieren über das Scheren der Haare und Abhisheka
(Weihe) und andere buddhistische Praktiken bis zur Erlangung
akademischer Grade und der Ordinierung. Gebetsfahnen, Mani-Steine
und tibetisch-buddhistische Gläubige trifft man überall in Tibet
an.“
Die echte Ausübung des tibetischen
Buddhismus erfordert indessen lange Stunden des Studiums, der
Kontemplation und Meditation über dessen fundamentale Aspekte. Eine
Gonpa (wörtlich: abgeschiedener Ort) oder Kloster liegt
üblicherweise in etwa zwei Meilen Entfernung von der nächsten
Ansiedlung. Diese Zurückgezogenheit und Distanz ermöglichen dem
praktizierenden Gläubigen den körperlichen und geistigen Rückzug aus
dem weltlichen Leben.
Gegenwärtig werden Mönche und
Nonnen regelmäßig zur Teilnahme an politischen Schulungen
verpflichtet, die schon ihrer Natur nach einen Eingriff in ihre
religiösen Studien darstellen. Dabei wird auch ihre Loyalität
gegenüber dem Staat geprüft. All dies behindert das umfassende
Studium der tibetischen buddhistischen Philosophie.
TAR-spezifische Richtlinien
für die Einsetzung und Reinkarnation buddhistischer Würdenträger
Am 19. September 2006
verabschiedete die Volksregierung der TAR die Richtlinien für die
Einsetzung und Reinkarnation buddhistischer Würdenträger für diese
Region. Darin wird die staatliche Kontrolle über praktizierende
Gläubige, reinkarnierte Lamas, die Religionsausübung und die Stätten
der buddhistischen Andacht festgeschrieben. Ferner enthalten die
Richtlinien juristische Bestimmungen für die Anerkennung von
Reinkarnationen. Zusammengenommen stellt das einen umfassenden
Zugriff auf die Auswahl, Einsetzung und Erziehung von reinkarnierten
Lamas dar.
Es ist offensichtlich, dass die
Behörden der VR China auf diesem Wege die Kontrolle über die
künftige Reinkarnation des Dalai Lama anstreben.
Demokratische
Managementkomitees (DMK)
Die DMKs sind die
Verwaltungsorgane der Klöster. Sie setzen sich aus Mönchen und
Nonnen zusammen, deren politische Haltung streng unter die Lupe
genommen wurde. Sie regeln den Ablauf, die Aktivitäten und die
Lehrtätigkeit der Klöster. Alle Mönche und Nonnen müssen darauf
achten, dass ihre religiösen Studien, ihre Glaubensbekundung und
ihre Religionsausübung den Anforderungen der „Arbeitsgruppen“
entsprechen, die ins Kloster kommen, um dort die Kampagnen zur
„patriotischen Umerziehung“ durchzuführen.
Die Anti-Dalai-Lama-Kampagne
Der Dalai Lama ist der Inbegriff
des tibetischen Buddhismus. 90 Prozent der Tibeter sind Buddhisten.
Somit führt die Anti-Dalai-Lama-Kampagne, mit deren verschiedenen
Varianten die Behörden der VR China die Tibeter überziehen, die
klösterlichen Gemeinschaften in einen direkten Konflikt zwischen
ihrer religiösen Loyalität zum Dalai Lama und dem ihnen abverlangten
Gehorsam gegenüber der kommunistischen Partei. Der geistliche Stand
ist von diesem Kampf zwischen Möglichkeien und ihren Folgen am
meisten betroffen.
Religiöse Gestalten und Geshes
Die Verfolgung und Schikanierung
populärer religiöser Würdenträger durch die chinesischen Behörden
sind praktisch vorprogrammiert. Ihnen wird unterstellt, dass sie die
örtliche Bevölkerung zu politischem Aktivismus aufhetzen, weshalb
sie verfolgt werden. Manche kamen ins Gefängnis und andere wurden
unter Hausarrest gestellt.
Geshes spielen eine wichtige Rolle
für die Übermittlung der Religionsinhalte und die Bewahrung der
tibetischen Kultur. Nur „politisch korrekte“ Lamas genießen die
„ungeschmälerten Rechte der religiösen Freiheit“. Anderen dagegen
werden die Registrierung und damit der Zugang zu den Klöstern
verweigert. Dadurch soll verhindert werden, dass sie die tibetischen
Laien unterweisen können.
V. Rassendiskriminierung
Ethnische Feindseligkeit und
Diskriminierung
Wie die chinesischen
Intellektuellen von Gongmeng festgestellt haben, führte „die
propagandistisch übertriebene Berichterstattung über die ethnisch
bedingten Gewaltakte“ bei den Protesten von 2008 zu gesteigerten
ethnischen Spannungen und Diskriminierung. Beispielsweise wurden
Tibetern, wenn sie in Hotels absteigen wollten, wegen ihrer
ethnischen Zugehörigkeit Zimmer verweigert.
Woeser berichtet in ihrem Blog
unter dem Titel „Ethnische Säuberungen in Lhasa“ über die Ausweisung
oder Verhaftung von Tibetern aus Amdo und Kham, die über keine
Haushaltsregistrierung oder temporäre Aufenthaltserlaubnis für Lhasa
verfügten. Sie klagt: „Lhasa wird derzeit zum Schweigen gebracht und
erfährt ethnische Diskriminierung, ethnische Segregation und
ethnische Säuberungen.“28
Minderheit versus Mehrheit
Die tibetische Minderheit wird als
exotisch und zurückgeblieben dargestellt. Statt die wirkliche Kultur
und Tradition der Tibeter zu fördern und zu erhalten, dient diese
Art der Darstellung nur den Propagandazwecken und politischen
Absichten der VR China.
Einige Intellektuelle wie Dru C.
Gladney sind der Ansicht, derartige Darstellungen von Minderheiten
würden einen Mehrheitsdiskurs überhaupt erst ermöglichen. China
bezeichnet sich als ein auf dem sowjetischen Modell basierender
multiethnischer und demokratischer Staat. Dabei weiß jeder, dass es
Autonomie nur auf dem Papier gibt. Gladney zufolge will China als
ein modernes multiethnisches Staatswesen wahrgenommen werden und
weist Kritik aus dem Ausland hinsichtlich der chinesischen
Tibetpolitik zurück. „Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass so
oft behauptet wird, die Tibeter seien von der demokratischen
Befreiung durch China geradezu begeistert gewesen“, sagt Gladney
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