Gier macht Menschen krank

morgenpost.de, 01.07.2009

 

Eure Heiligkeit, für die Tibeter sind Sie ein Gottkönig, und auch viele Menschen im Westen vergöttern Sie. Haben Sie eigentlich eine Schwäche?

 

Ja, ich bin faul. Natürlich, ich stehe morgens um 3.30 Uhr auf, mache einige Übungen, meditiere, frühstücke, meditiere wieder. Das geht dann vier oder fünf Stunden so. In dieser spirituellen Hinsicht bin ich nicht faul. Aber wenn ich im Flugzeug sitze, sehe ich Leute, die lesen, sich immer etwas aufschreiben, am Computer Vorträge vorbereiten. So etwas mache ich nie. Keine Hausaufgaben, keine Vorbereitung. Das sind Zeichen meiner Faulheit.

 

Ärgert Sie das?

 

Nein. Wenn ich mich intensiv vorbereite, habe ich immer das Gefühl, dass es künstlich ist. Ich fühle mich viel besser, wenn ich ganz spontan bin. Das kommt dann von Herzen.

 

Können Sie sich eigentlich vorstellen, wie lange ich dieses Interview vorbereitet habe?

 

Sie sind ja Deutscher, da muss immer alles genau sein. Außerdem müssen Ihre Fragen interessant sein. Wenn ich die Fragen stellen müsste, würde ich mich auch besser vorbereiten. Aber ich muss ja nur antworten. Und wenn ich keine Antwort weiß, sage ich das eben.

 

Also gut: Wie lösen wir kurzfristig die Finanzkrise?

 

Sehen Sie, das ist so eine Frage. Ich weiß es nicht. Das müssen die Politiker entscheiden. Ich bin kein Experte, was die Lösung von akuten Krisen angeht. Das ist genauso wie mit der Gewalt, mit Terrorismus. Kurzfristig werden die Regierungen handeln müssen, um Gefahren von der Bevölkerung abzuwenden. Das ist auch richtig so. Doch bei allem kurzfristigen Handeln dürfen wir alle nicht versäumen, an die Wurzel der Probleme zu gehen.

 

Was ist denn aus Ihrer Sicht die Wurzel der Finanzkrise?

 

Gier und Spekulation. Viele Menschen und Unternehmen haben nur ein Ziel: Geld, Geld und noch mehr Geld. Gier, um andere davon profitieren zu lassen, das ist okay. Gier für einen selbst, das ist schlecht, das macht krank. Das egoistische Streben, immer nur noch mehr Geld zu verdienen, schadet am Ende der Firma und dem Menschen. Das ist die größte Schwäche vieler Manager. Das hat die Finanzkrise gezeigt.

 

Also ist es in Ordnung, wenn jemand viel verdient, solange er nur teilt?

 

Reichtum ist nichts Schlechtes, wenn er ehrlich erworben wird und dadurch weder andere Menschen noch die Umwelt zu Schaden kommen. Wir Buddhisten erkennen an, dass Wohlstand eine grundlegende Voraussetzung für ein glückliches Leben ist. Aber auch ein Milliardär hat nur zehn Finger. Er kann sich an jeden drei oder vier Ringe stecken. Das sieht dann komisch aus. Die Befriedigung im Kopf mancher Millionäre, die das Geld nicht teilen und nur anhäufen wollen, ist etwas Fiktives, nichts Echtes. Reiche Menschen sollten stattdessen dazu beitragen, die Armut zu reduzieren.

 

Manche Manager verdienen zehn, 20 oder gar 30 Millionen Euro. Damit haben Sie wirklich kein Problem?

 

Wie in der Musik oder im Sport gibt es auch in der Wirtschaft Ausnahmeerscheinungen. Die sollen ruhig viel verdienen, solange es transparent und nachvollziehbar ist, warum sie so viel Geld bekommen. Allerdings gibt es nur wenige solcher Stars. Es ist hingegen inakzeptabel, wenn ein Vorstandsvorsitzender Reichtümer anhäuft, während das Unternehmen in den Konkurs schlittert, die Aktionäre ihre Ersparnisse und die Arbeitnehmer nicht genug verdienen für einen anständigen Lebensstandard.

 

Nehmen wir an, ein Vorstandschef stellt fest, er kann in Indien eine Software zum Zehntel des Preises in Deutschland entwickeln lassen. Dafür muss er 1000 Jobs in Deutschland abbauen und in Indien neu schaffen. Die Eigentümer des Unternehmens drängen ihn, das zu tun. Was soll diese Führungskraft tun?

 

Sie sollte eine schwierige Entscheidung von allen Seiten und Perspektiven aus betrachten - aus Sicht der Eigentümer, der Mitarbeiter, der Kunden, der Gesellschaft als Ganzes. Ja sogar der globalen Gesellschaft. Ein guter Manager macht sich ein vollständiges Bild von der Realität, von allen Dimensionen und blendet nicht die Hälfte aus. Das klingt selbstverständlich, geschieht aber oft nicht. Meist geht es nur um die Gewinnmaximierung.

 

Ohne Gewinn kann kein Unternehmen überleben.

 

Ja, aber Unternehmen sind lebende, komplexe Organismen und keine Gewinnmaschinen. Der Gewinn sollte deshalb kein Unternehmenszweck sein, sondern das Resultat guter Arbeit. Wie ein Unternehmen ohne Gewinn nicht auskommt, kann ein Mensch nicht lange auf Nahrung und Flüssigkeit verzichten. Darauf würde ich dennoch nie den Sinn eines Menschen reduzieren. Essen und Trinken sind nur die Voraussetzung für eine möglichst sinnstiftende Existenz.

 

Wie bewerten Sie die Investitionen westlicher Firmen in Billiglohnländern? Ist das Ausbeutung, oder hilft es diesen Volkswirtschaften, zu den Industrienationen aufzuschließen?

 

Das hängt von der Motivation der Investoren ab. Ich glaube nicht, dass viele Konzerne, die nun Geld in chinesische oder indische Firmen stecken, sich wirklich dafür interessieren, wie es den Chinesen oder Indern geht. Oft ist das einzige Interesse, billige Arbeitskraft auszubeuten. Das lehne ich ab. Empfindet ein Unternehmen hingegen die moralische Verpflichtung, den Lebensstandard dieser Menschen zu verbessern und China als Ganzes zu helfen, dann ist es in Ordnung, wenn man von günstiger Arbeit profitiert. Globale Unternehmen können dazu beitragen, dass China demokratischer wird, ein unabhängiges Rechtssystem hat und die Presse frei berichten kann.

 

Mit dieser Argumentation werden Sie sich keine Freunde unter den Globalisierungsgegnern machen.

 

Ich bin grundsätzlich ein Anhänger der Globalisierung. In der Vergangenheit konnten sich Gesellschaft und Länder vom Rest der Welt abschotten, doch heute ist dies unmöglich geworden. Wenn wir nach Organisationen suchen, die über die erforderlichen Kapazitäten und Fähigkeiten verfügen, diese Welt zu verbessern, dann stehen die globalen Konzerne ganz oben auf der Liste. Vor allem integrierte Weltkonzerne sind in einer idealen Position, um Entwicklungsländer dabei zu unterstützen, zu den führenden Volkswirtschaften aufzuschließen.

 

Haben Sie keine Sympathie mit Globalisierungsgegnern?

 

Doch, wenn sie die Regierenden und Unternehmen daran erinnern, dass es um mehr geht als den Gewinn. Gleichzeitig hängt die wachsende Opposition gegen die Globalisierung wohl eher mit unserem Unwillen zusammen, das Prinzip der Vergänglichkeit anzuerkennen. Die Tatsache also, dass alles permanenter Veränderung unterworfen ist. Für uns Buddhisten ist dieses Prinzip aber eine der Grundweisheiten, die es zu akzeptieren gilt.

 

Diese liberalen Haltungen passen nicht gerade zu jemandem, der sich einmal als marxistischen Mönch bezeichnet hat. Sehen Sie sich immer noch als solchen?

 

Ja, in meiner Grundeinstellung bin ich ein marxistischer Mönch. Ich sehe da auch keinen Widerspruch. In der marxistischen Theorie liegt der Schwerpunkt auf der gerechten Verteilung des Wohlstands. Moralisch betrachtet ist das der richtige Anspruch. Der Kapitalismus legt hingegen viel Wert auf die Entstehung von Wohlstand, die Verteilung spielt aber erst einmal keine Rolle. Im schlimmsten Fall werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer.

 

Wie kommt es dann, dass Sie so vehement gegen Kommunismus und Sozialismus eintreten?

 

Was ist Kommunismus? Soll China etwa ein kommunistisches Land sein? (Er lacht laut). Da bin ich wirklich verwirrt. Die chinesischen Kommunisten sind Kommunisten ohne eine kommunistische Ideologie. Wenn Sie hingegen den Sozialismus meinen, wie er einst im Ostblock und heute noch in Nordkorea oder Kuba existiert, so ist er gegen die menschliche Natur, er zerstört die Kreativität. Es reicht den Menschen eben nicht, nur ausreichend zu essen, Kleidung und ein Dach über dem Kopf zu haben. Wir müssen uns selbst verwirklichen können. Schon Buddha ermunterte Unternehmer, durch Verlässlichkeit und Verkaufsgeschick den Erfolg zu suchen. Denn wer erfolgreich ist, kann auch anderen helfen.

 

Das Exklusiv-Interview: Jörg Eigendorf, Ressortleiter Wirtschaft, Immobilien und Finanzen bei der Berliner Morgenpost, traf den Dalai Lama (Foto) in Dharamshala, dem indischen Exil. Das religiöse Oberhaupt der Tibeter besucht vom 30. Juli bis 2. August Frankfurt/Main.

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