Ehemaliger politischer Gefangener aus Tibet berichtet

china-observer.de, 30.06.2009

Er verbüßte seine Haft in einer kleinen Gefängniseinheit, die von den blanken Wänden abgesehen nur mit einem Toilettenloch ausgestattet war. Sein Tag begann um sechs Uhr morgens und endete um zehn Uhr abends. Die Gefangenen durften nicht schlafen, bevor das Licht ausgeschaltet wurde. Die tägliche Ration bestand aus drei kleinen Tingmo (Dampfwecken) und einem Krug warmen Wassers. Unter den harten Lebensbedingungen war das schrecklich wenig. „Jeden Tag mußten wir anstrengende körperliche Übungen absolvieren und wenn wir ohnmächtig wurden, haben uns die Chinesen verprügelt. Sie ließen uns stundenlang in der Sonne stehen, aber die Mitgefangenen, die unter hohem Blutdruck litten, konnten nicht so lange stehen und verloren häufig das Bewußtsein und dann schlugen die Chinesen sie.“

Wie Tsering berichtete, mußten sie an obligatorischen Schulungen in kommunistischer Ideologie, tibetischer und chinesischer Geschichte teilnehmen. Es war aber nichts anderes als eine Gehirnwäsche, denn die Chinesen respektieren die tibetische Identität nicht und erniedrigen die Tibeter wo sie nur können. „Sie wollten uns weismachen, wie sehr die Chinesen unter der japanischen Armee gelitten haben, und sagten, verglichen mit dem, was das chinesische Volk durchmachte, wüßten wir Tibeter gar nicht, was Leiden überhaupt sei.“ An diesem Punkt erklärte Tsering, die Gefangenen seien nicht gegen die chinesische Regierung gewesen, sie hätten ihr nicht schaden wollen. Sie hätten nur für die Freiheit ihres Landes und für ihre Rechte gekämpft.

China News, Pressemitteilungen und Nachrichten: Nachrichten zu Reise, Wirtschaft, Kultur, Politik und Sport in China

Nach Jahren der Mißhandlung wurde Tsering schließlich 2000 aus der Haft entlassen, aber damit nahm sein Elend kein Ende. Die meisten seiner Freunde gingen ihm aus dem Weg, denn die Regierung setzte Spitzel auf ehemalige politische Gefangene und alle, die mit ihnen in Kontakt standen, an. Da er sich bewußt war, daß er nicht mehr ins Kloster zurückkehren und somit die buddhistischen Gelübde nicht mehr einhalten konnte, machte sich Tsering mit einem kleinen Geschäft auf dem Land selbständig, das er bis zum Jahr 2006 betrieb. Dann entschloß er sich, über Nepal nach Indien zu fliehen.

Während seiner Haftzeit wurde Tsering der Kontakt zu seinen Freunden und seinen Angehörigen verwehrt. Nur einmal im Jahr durfte er seine Eltern sehen, die weit weg von Lhasa leben. Seit seiner Flucht hat sich an dieser Situation nichts geändert - immer noch sind die seltenen Anrufe und Briefe die einzige Möglichkeit, die Verbindung mit den Menschen in seiner Heimat aufrechtzuerhalten. Gegenwärtig macht Tsering Dhondup bei Gu-ch-sum eine Ausbildung und wird in einigen Tagen sein Examen ablegen. „Ich bedaure nicht, daß ich damals in Lhasa demonstriert habe. Ich wußte, was ich tue und war bereit, die Konsequenzen auf mich zu nehmen“, erklärte er mit fester Stimme, während das Publikum betroffen von seinen Worten über seinen langen Weg in die Freiheit nachdachte.

 

 

zôh-»ÛGDeutsch


© Tibetan Community in Switzerland and Liechtenstein, 2002