Der Westen muss gegen China Rückgrat
zeigen
debatte.welt.de, 27.12.2009
Das Verbrechen des
Literaturkritikers Liu besteht einzig darin, seine Meinung gesagt zu
haben. In seinem Freiheitsmanifest „Charta 08“ heißt es, die
Kommunistische Partei (KP) habe „eine Milliarde Menschen als Geiseln
genommen“. Die Diktatur der Partei sei verlogen und korrupt; sie
bedeute nicht nur eine Gefahr für die Seele Chinas, da die KP eine
wichtige Stütze diktatorischer Regimes in aller Welt sei. Jeder
weiß, dass Liu recht hat. Trotzdem sagt Bundesaußenminister Guido
Westerwelle: „Ich ermutige die chinesische Regierung, den Weg der
Öffnung und Modernisierung ihres Landes fortzusetzen und die
Einhaltung der Menschenrechte zu gewährleisten.“
In Tibet findet
ein kultureller Genozid statt
Wie bitte? Diese
Regierung kann die Menschenrechte nicht gewährleisten. Ihre Diktatur
beruht ja darauf, sie mit Füßen zu treten. Die freie
Meinungsäußerung wird bestraft, das Internet zensiert, die
Psychiatrie zur Auslöschung politischer Gegner missbraucht. In Tibet
findet ein kultureller Genozid statt, Minderheiten wie die Uiguren
werden ihrer kulturellen Rechte beraubt. In keinem Land der Welt
finden so viele Hinrichtungen statt. Das demokratische Taiwan wird
täglich bedroht, während Diktatoren in aller Welt hofiert werden,
solange sie Öl und andere Rohstoffe für Chinas gefräßige Industrie
bereitstellen. Im UN-Sicherheitsrat fällt China hauptsächlich durch
Obstruktion auf, etwa wenn es darum geht, Staaten wie seinen
völkermörderischen Öllieferanten Sudan zur Räson zu bringen.
Übrigens haben der Sudan und China gemeinsam am meisten getan, um
mit antiimperialistischer Rhetorik den UN-Klimagipfel in Kopenhagen
zu torpedieren.
Was Westerwelle
wirklich meint, ist: China ist so stark, dass wir uns nicht trauen,
die KP ernsthaft zu kritisieren. Europa und die USA sind, in den
Worten Mao Tse-tungs, Papiertiger. China ist Atommacht und
Wirtschaftssupermacht; es hat Deutschland als Exportweltmeister
überholt; es hat die größten Devisenreserven der Welt und
entscheidet über Wohl und Wehe des Dollars; es ist der
zweitwichtigste Handelspartner der EU.
Auch die
zweitgrößte Einzelhandelsfirma der Welt musste zu Kreuze kriechen
Als es in Paris
anlässlich des olympischen Fackellaufs zu Protesten gegen die
Tibet-Politik der KP Chinas kam, reagierten die Chinesen mit einem
„spontanen“ Boykott gegen die französische Supermarktkette Carrefour.
Die zweitgrößte Einzelhandelsfirma der Welt musste daraufhin zu
Kreuze kriechen und erklären, dass sie „nie etwas tun würde, was die
Gefühle des chinesischen Volkes verletzt“. Als Bundeskanzlerin Angel
Merkel es wagte, den Dalai Lama zu empfangen, forderte der Chef des
Bundesverbands der Deutschen Industrie Jürgen Thumann die
Regierungschefin auf, umgehend zum „konstruktiven Dialog“ und einer
Politik auf der Grundlage von „gegenseitigem Respekt“ – also von
feiger Kritiklosigkeit gegenüber den Kommunisten – zurückzukehren.
Dabei wird mit der
Lebenslüge operiert, Chinas wachsender Wohlstand schaffe eine
Mittelklasse, die früher oder später auf eine Liberalisierung des
Landes drängen werde. Das ist fraglich. Die KP kontrolliert die
Schwerindustrie und den Finanzsektor und unterwirft den Staat deren
Interessen. Die Banken geben der Mittelklasse für ihre Ersparnisse
minimale Zinsen und leiten das Geld weiter an die großen Firmen, die
mit billigem Kredit, billigen Arbeitskräften und dem künstlich
billig gehaltenen Yuan den Weltmarkt mit chinesischen Waren
überschwemmen. In der Krise wird die rechtlose industrielle
Reservearmee der Wanderarbeiter einfach aufs Land zurückgeschickt.
China praktiziert ein System des staatsmonopolistischen
Kapitalismus.
Kein
internationales Problem kann ohne oder gegen China gelöst werden
Was tun? Kein
internationales Problem kann ohne oder gegen China gelöst werden.
Aber das heißt noch lange nicht, dass man vor den Machthabern dieses
Schurkenstaats zu Kreuze kriechen muss. Auch China braucht Partner,
vor allem die EU und die USA. Das System ist – wie jede Diktatur –
instabil. Die enormen sozialen Gegensätze und die Benachteiligung
von Minderheiten können das System sprengen. Die Bevölkerung altert
schnell, die Umwelt ist verseucht. Die deutsche Regierung und die
Stiftungen der Parteien sollten den verlogenen „Rechtsstaatsdialog“
einstellen, auch wenn das bedeutet, auf schöne Reisen nach China zu
verzichten. Dafür sollten sie die Kontakte zu Oppositionellen
innerhalb und außerhalb Chinas verstärken. Denn sie, und nicht das
Politbüro, verkörpern die Zukunft. Das sollten wir aus unserer
eigenen Geschichte gelernt haben.
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