|
Selbstmordrate unter tibetischen Mönchen steigt
china-observer.de, 17.06.2009
Seit der Invasion der chinesischen
Kommunisten 1949/50 ist die religiöse Freiheit für die Tibeter ein
ferner Traum. Die von den chinesischen Behörden angeordneten
Einschränkungen und Bedingungen für die Religionsausübung sind nicht
nur inakzeptabel, sondern sie verletzen die Allgemeine Erklärung der
Menschenrechte der Vereinten Nationen. Durch ihre Grausamkeit
gegenüber den Tibetern, insbesondere gegenüber Mönchen und Nonnen
wegen der Ausübung ihres Glaubens und ihrer religiösen Praktiken,
machen die chinesischen Behörden sie nicht nur zu Opfern ihrer
Macht, sondern es handelt sich dabei um das Versagen eines
souveränen Staats beim Schutz der grundlegenden Menschenrechte
seiner Bürger.
Im chinesisch besetzten
Tibet
wird die Religionsfreiheit massiv eingeschränkt. Dabei bilden die
klösterlichen Gemeinschaften die Zielscheibe der Angriffe der
Behörden. Um die „Stabilität“ der Region sicherzustellen, sollen die
Mönche „reformiert“ werden. Die monastischen Gemeinschaften wurden
wiederholt mit infamen Kampagnen traktiert, durch die sie unter
Kontrolle gebracht werden und die „Loyalität zum Mutterland“ lernen
sollen.
Abertausende Tibeter,
insbesondere Mönche und Nonnen, wurden in Gefängnissen und
Haftzentren gefoltert, nur weil sie ihre Religion ausübten. Man
verlangte von ihnen, ihr geistliches Oberhaupt zu verunglimpfen und
ihre hochangesehenen Lamas zu beschimpfen, und das ist etwas, was
ihnen ihre religiösen Gelübde und der Verhaltenskodex der Klöster
verbieten. Sie werden ihm Rahmen der von der chinesischen Regierung
initiierten „Patriotischen Umerziehung“ unter Androhung der
Relegation aus dem Kloster dennoch gezwungen es zu tun. Unter
tibetischen Mönchen und Nonnen ist Selbstmord eigentlich sehr
selten, denn das menschliche Leben ist für sie kostbar, weil man
sich in ihm Verdienste für die nächsten Leben erwerben und
schließlich vielleicht sogar zur die Erleuchtung gelangen kann. Im
Zuge der gegenwärtigen Verfolgungen wurden ihnen jedoch extreme
psychische Traumata zugefügt und die Belastung durch die
unerträglichen Anforderungen hat einige von ihnen in den Selbstmord
getrieben. Die Zahl der Selbsttötungen in den klösterlichen
Gemeinschaften in
Tibet
hat seit den Frühjahrsprotesten von 2008 im Steigen beachtlich
zugenommen.
Die tibetischen Buddhisten halten
Selbstmord für eine der schlimmsten Sünden, also eine, welche die
wichtigsten Grundsätze der buddhistischen Lehre verletzt.
Buddhistische Mönche und Nonnen sind bekannt für ihre Geduld und ihr
Durchhaltevermögen, wenn sie mit Widrigkeiten konfrontiert sind. Die
Zahl der Selbsttötungen ist ein Zeichen dafür, daß die tibetischen
Mönche durch die Unterdrückung und Repressionen der chinesischen
Behörden an die Grenze ihrer Leidensfähigkeit getrieben werden.
Angesichts der von den chinesischen Behörden angewandten geradezu
irrsinnigen Zwangsmittel stehen die Mönche und Nonnen vollständig
hilflos da, und so sehen manche keinen anderen Ausweg mehr, als sich
das Leben zu nehmen. Bis zu einem gewissen Punkt können sie Folter
und Mißhandlungen aushalten, aber bei einigen wird irgendwann die
Grenze des Erträglichen überschritten, und sie setzen dann ihrem
Leben ein Ende.
Sechzehn der siebzehn seit März 2008
dokumentierten Selbsttötungen und zwei versuchte Selbstmorde wurden
von Mönchen und Nonnen begangen. Das ist alarmierend und ein
deutliches Anzeichen für das Ausmaß der religiösen Repression in
Tibet. Die Gründe für diese Tat sind unter anderem:
-
psychologische Traumata während
der „Patriotischen Umerziehung“,
-
massives Vorgehen gegen die
klösterlichen Gemeinschaften nach den pan-tibetischen Protesten
vom März 2008 und
-
die Anti-Dalai-Lama-Kampagne.
Nach den Massenprotesten der Tibeter
ab dem März 2008 haben die chinesischen Behörden einmal mehr die
Klöster für ihre notorisch bekannte „Patriotische Umerziehung“ ins
Visier genommen. Die Kampagne ist dafür berüchtigt, daß schon seit
jeher Todesfälle und seelische Traumata bei tibetischen Mönchen und
Nonnen mit ihr einhergehen. Als direkte Gegenmaßnahme zu den
tibetweiten Protesten vom Frühjahr 2008 haben die chinesischen
Behörden in den Klöstern unverzüglich eine Neuauflage der
„Patriotischen Umerziehung“ durchgeführt. Die tibetischen Mönche und
Nonnen waren Zeugen der brutalen Niederschlagung der Demonstrationen
und teilweise tödlicher Schüsse auf tibetische Demonstranten
geworden und davon schon völlig verstört. Dennoch unterzog man sie
noch der Entwürdigung und dem seelischen Leid der „Patriotischen
Umerziehung“. Diese extrem erniedrigende und psychisch belastende
Kampagne veranlaßte mehrere Mönche und Nonnen, ihrem Leben selbst
ein Ende zu setzen.
Schwer bewaffnete
Sicherheitskräfte stürmten Klöster in ganz
Tibet
um die lauten Rufe der Mönche nach Freiheit zu ersticken. Vor den
Augen ihrer Mitbrüder und -schwestern wurden Mönche und Nonnen
brutal geschlagen und dabei mit Schußwaffen bedroht, um so die
Anführer und Initiatoren der Demonstrationen „herauszufiltern“. Die
monastischen Gemeinschaften waren bei den Protesten lautstark und
zahlreich vertreten. Um massiv gegen die Mönche vorgehen zu können,
bastelten die Behörden
Videos
zusammen, auf denen kriminelle Akte in Klöstern dargestellt wurden.
Diese Machwerke wurden später als Propagandamaterial genutzt.
In Osttibet, insbesondere in
der Region Ngaba, haben die Sicherheitskräfte nach Tibetern
gefahndet, die Bildmaterial ins Ausland geschickt hatten, welches
die Brutalität der Sicherheitskräfte bei der Niederschlagung der
Proteste belegte. Diese Bilder brachten die Regierung enorm in
Verlegenheit, hatte sie doch behauptet, sie wäre gegen die
Demonstranten äußerst zurückhaltend vorgegangen. Die Klöster der
Region wurden unter strikte Überwachung gestellt,
Regierungsbedienstete suchten nach Computern usw., mittels derer die
Mönche über das
Internet
suspekte Bilder hätten verbreiten können. Bei der Suche nach
derartigen Beweisen und ebenso bei der Rekonstruktion von Szenen für
Videoaufnahmen, bei denen Mönche angeblich Verbrechen begingen,
wurden die Mönche extrem grausam, unmenschlich und erniedrigend
behandelt.
Die Anti-Dalai Lama-Kampagne
Beim dritten Tibet-Arbeitsforum
von 1994 bezeichnete die chinesische Regierung den Dalai Lama als
den „Kopf der Schlange“. Die Klöster wurden die erste Zielscheibe
der 1996 initiierten Anti-Dalai Lama-Kampagnen. Mönche und Nonnen in
Tibet
werden politischer Indoktrinierung unterzogen und müssen dabei den
Dalai Lama diffamieren. Die Kampagne wurde später auch auf die Laien
ausgeweitet. Nach dem 10. März 2008 wurde auch diese Kampagne neu
aufgelegt und intensiviert. Sie wurde in den Klöstern entweder
gemeinsam mit der „Patriotischen-Umerziehung“ oder getrennt davon
durchgeführt. Obwohl der Dalai Lama seit mehreren Jahrzehnten im
Exil lebt, verehren ihn die Tibeter als ihren höchsten geistlichen
Lehrmeister wie auch als ihr weltliches Oberhaupt. Die Behörden
attackierten die Person des Dalai Lama auf übelste Art und Weise und
verlangten sowohl von Laien wie Mönchen, ihn als „Separatisten“ und
alleinigen Anstifter der Proteste vom Frühjahr 2008 in
Tibet
zu verurteilen. Das war für viele Mönche und Nonnen mehr als sie
verkraften konnten und sie zogen es vor, ihrem Leben ein Ende zu
setzen. Sie hatten die brutale Niederschlagung der Proteste
miterlebt, der auch Angehörige und Kollegen zum Opfer gefallen
waren. Jetzt auch noch den Dalai Lama beschimpfen zu müssen, nahm
ihnen den letzten Lebenswillen.

Fallstudien
1) Lobsang Jinpa(1) nahm sich am 27.
März 2008 das Leben. Er war Mönch im Kloster Kirti, Bezirk Ngaba,
TAP Ngaba, Provinz Sichuan. Er stammte aus dem Dorf Ngasib in Amdo
Ngaba. In seinem von ihm selbst unterzeichneten Abschiedsbrief
schrieb er: “Die chinesische Regierung hat falsche Beschuldigungen
gegen die Mönche des Klosters Kirti erhoben. Sie behauptet, die
Mönche hätten Staatsgeheimnisse nach außen verraten, die Proteste
organisiert und die Leichname von Tibetern, welche durch die
chinesischen Sicherheitskräfte erschossen wurden, bei sich
aufbewahrt. All diese Dinge habe ich jedoch ganz alleine gemacht,
daher betreffen die Anklagen der chinesischen Regierung alleine mich
und niemanden sonst im Kloster Kirti”. Und weiter schrieb er: “Ich
habe die friedvollen Proteste angeführt und ich alleine bin
verantwortlich für die Proteste”. Die letzte ergreifende Zeile des
Abschiedsbriefs lautet: “Nicht eine Minute länger möchte ich unter
der Unterdrückung der Chinesen leben, geschweige denn einen Tag.”
2) Legtsok(2), 75, beging am 30. März
2008 Selbstmord. Er war Mönch im Kloster Gomang im Bezirk Ngaba, TAP
Ngaba, Provinz Sichuan. Einige Tage bevor Legtsok sich das Leben
nahm, begleitete er zwei Mönche zu einem Gebetsritual im Haus einer
tibetischen Familie. Unterwegs trat ihnen ein großes Kontingent
chinesischer Sicherheitskräfte entgegen, die auf dem Weg zu ihrem
Kloster waren. Diese schlugen Legtsok brutal zusammen und nahmen ihn
mehrere Tage in Gewahrsam. Danach wurde er wieder freigelassen und
in sein Kloster zurückgeschickt.
3) Thoesam(3), 29, nahm sich am 16.
April 2008 das Leben. Er stammte aus dem Dorf Mehu-ru-mah und war
Mönch im Kloster Ngaba Kirti, Bezirk Ngaba, TAP Ngaba, Provinz
Sichuan. Er beging Selbstmord, weil er den ständigen Druck und die
Unterdrückung durch die chinesische Regierung nicht mehr ertragen
konnte.
4) Trangma(4) nahm sich am 18. Juni
2008 das Leben. Er war Mönch im Kloster Drapa Yangden, Gemeinde
Minyag, Bezirk Nyagchuka, TAP Kardze, Provinz Sichuan. Bei der im
Kloster durchgeführten „Patriotischen Umerziehung“ mußten die Mönche
den Dalai Lama verurteilen und andere Dinge tun, die nach
buddhistischer Lehre Sakrilege sind. Er konnte die Blasphemie nicht
ertragen und er beendete sein Leben, damit er seinen spirituellen
Lehrer, den Dalai Lama, nicht beschimpfen mußte. Der betagten Mutter
des verstorbenen Mönchs und anderen Mönchen in seinem Kloster wurden
Konsequenzen angedroht, falls sie Berichte über den Selbstmord nach
außen dringen ließen. Im Zuge der „Patriotischen Umerziehung“ wurde
auch die vom Kloster unterhaltene Schule für ca. 30 Novizen von den
chinesischen Behörden geschlossen.
5) Thokmey, alias Tsangpa Thokmey(5)
(der vorangestellte Name bezeichnet seinen Geburtsort) nahm sich am
22. März 2008 das Leben. Er war Mönch im Ramoche Tempel in Lhasa.
Sein Selbstmord folgte auf die massiven Razzien des Public Security
Bureau (PSB) und der People’s Armed Polic (PAP) im Ramoche Tempel.
6) Namdrok Khayab(6) beging am
19. März 2008 Selbstmord. Er war ein Gelehrter aus dem Kloster
Dorjee Drak und gerade zu Gast im Kloster Samye. Er stammte aus dem
Kreis Nyemo, Bezirk Lhasa, TAR. In einer kurzen von ihm
hinterlassenen Notiz warf er dem chinesischen Regime eine
Politik
der unerträglichen Unterdrückung vor, nahm die volle Verantwortung
für die Protestaktion auf sich und beteuerte die Unschuld der
anderen Mönche des Klosters.
7) Tashi Sangpo(7) beging am 21. März
2009 Selbstmord. Am 10. März 2009 hatte man ihn verhaftet und er
mußte im örtlichen Haftzentrum brutale Schläge, unmenschliche Folter
und lange Verhöre erleiden. Die schweren Folterungen und
ausgedehnten Verhöre forderten schließlich ihren Tribut: Tashi
Sangpos Geist trübte sich und am Ende stürzte er sich in den Fluß
Machu.
8) Tusong(8) setzte am 16. April 2008
seinem Leben ein Ende. Er war ein 19jähriger blinder Mönch aus dem
Kloster Kirti. Ursprünglich stammte er aus einem Dorf in der Nähe
des Bezirks Ngaba, Provinz Sichuan. Er erklärte seinen Verwandten,
er könne die Geschehnisse genausowenig ertragen wie die Sehenden.
9) Eine namentlich nicht bekannte
Nonne(9) Mitte 30 aus dem Kloster Choelung nahm sich am 12. April
2008 das Leben. Sie war traumatisiert von den Gewaltakten der
bewaffneten Sicherheitskräfte nach einer Demonstration in der
Gemeinde Tashigang, Meldogunkar, Bezirk Lhasa, deren Zeuge sie
geworden war.
10) Drei namentlich nicht bekannte
Mönche(10) aus dem Kloster Dugu haben sich offenbar aus Protest
gegen das Vorgehen der Behörden und den Zwang zur Verunglimpfung des
Dalai Lama das Leben genommen.
11) Lobsang Tsultrim(11) beging am 3.
Juli 2008 Selbstmord. Er war ein ca. 16 Jahre alter Mönch aus dem
Kloster Kirti Dhongri im Dorf Mehu-ru-ma, Bezirk Ngaba, Provinz
Sichuan. Sein älterer Bruder berichtete, Lobsang Tsultrim sei nach
Hause gekommen und habe gesagt: „Die chinesischen Arbeitsteams sind
wieder da. Sie haben den Mönchen befohlen sich zur Umerziehung zu
versammeln. Sie werden uns wieder drangsalieren.“ Mit diesen Worten
verließ er das Zimmer. Etwa 15 Minuten später, als sein Bruder nach
ihm schaute, fand er ihn in im Holz-Lagerraum der Familie erhängt
vor.
12) Shedup(12) nahm sich am 2. April
2009 das Leben. Er war ca. 40 Jahre alt und Mönch in einem Kloster
im Bezirk Rebkong (chin. Tongren), TAP Malho, Provinz Qinghai. Er
wurde wegen Beteiligung an den Demonstrationen in Rebkong vom März
2008 verhaftet. In der Haft wurde er brutal geschlagen und
gefoltert. Dann ließ man ihn frei. Dennoch erschien sein Name im
März 2009 auf der Fahndungsliste des PSB. Um nicht noch einmal
verhaftet zu werden und nicht noch einmal diese Erniedrigungen und
Folter erleiden zu müssen, nahm er sich das Leben.
13) Eine namentlich nicht bekannte
Nonne(13), 21 Jahre alt, aus dem Kloster Choekhor beging am 21.
April 2008 Selbstmord. Am Morgen dieses Tages hatten zahlreiche
Mönche aus dem Kloster Pangsa, Gemeinde Tashi Gang, Unterbezirk
Balab, Nonnen aus dem Kloster Choekhor, Gemeinde Sibook, und Mönche
aus dem Kloster Dhome im Bezirk Meldrogunkar eine friedliche
Demonstration veranstaltet, an der sich auch Laien beteiligten.
Dabei wurden viele Teilnehmer verhaftet.
14) Lobsang Tsomo(14), eine Nonne aus
dem Kloster Choekhor nahm sich am 12. April 2008 das Leben. Sie
stammte aus dem Kreis Meldrogunkar, Bezirk Lhasa.
15) Zwei Mönche aus dem Kloster
Drepung namens Kelsang und Damchoe(15), die beide ursprünglich dem
Kloster Kirti in Sichuan angehörten, erstachen sich während der
Proteste am 12. Und 13. März 2008 aus lauter Verzweiflung.
16) Tapey(16), ein Mönch aus
dem Kloster Kirti Jepa, Bezirk Ngaba. Provinz Sichuan, wollte sich
am 27. Februar 2009 als Zeichen seines Protests gegen das Verbot der
Abhaltung des Mönlam-Festes und die chinesische Herrschaft über
Tibet
das Leben nehmen, indem er Feuer an sich legte. Augenzeugenberichten
zufolge haben chinesische Polizisten dreimal auf ihn geschossen,
während er in Flammen stand.
|