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Medienwirksame Proteste der jungen Exiltibeter

Der Protest der Schweizer Tibet-Aktivistin Pema Dolkar* in Olympia sorgte weltweit für Aufsehen.
Bildlegende: Der Protest der Schweizer Tibet-Aktivistin Pema Dolkar* in Olympia sorgte weltweit für Aufsehen. (Reuters)

Im Vorfeld der Olympischen Spiele in Peking rückten Tibet-Aktivisten mit zahlreichen Demonstrationen ins Licht der Öffentlichkeit. An vorderster Front die junge Generation von Exiltibetern.

Das Bild von Pema Dolkar, die sich mit Ketchup verschmiertem Gesicht beim olympischen Fackellauf im griechischen Dorf Olympia vor einen Läufer warf und "Stop Killing Tibet" schrie, ging Ende März 2008 um die Welt.

Auch das Bild der zornigen und aufgelösten Schauspielerin Yangzom Brauen, die 2001 beim Protest in Moskau gegen die Vergabe der Olympischen Spiele an Peking von Polizisten weggezerrt und abgeführt wurde, sorgte weltweit für Aufsehen.

Sowohl Dolkar als auch Brauen sind Exiltibeterinnen aus der Schweiz. Das ist kein Zufall: Die Schweiz zählt die grösste Tibeter-Gemeinschaft ausserhalb Asiens. In der Schweiz leben heute rund 4000 Exiltibeter.

"China hat Angst"

Auch die 22-jährige Publizistikstudentin Tenzin Losinger-Namling aus Bern war in Olympia. Sie nahm bei der Gegenveranstaltung zum olympischen Fackellauf - dem symbolischen tibetischen Fackellauf - teil, um gegen die Missachtung der Menschenrechte in China und für ein freies Tibet zu demonstrieren. Wie die beiden andern jungen Frauen gehört auch sie dem Verein Tibeter Jugend in Europa (VTJE) an.

Das VTJE, das heute rund 350 Mitglieder zählt, wurde 1970 namentlich auf Grund der "moralischen Verantwortung dem eigenen Volk und Land gegenüber" in Zürich gegründet.

Die kleine Gruppe Tibet-Aktivisten aus der Schweiz sei in Griechenland rund um die Uhr von chinesischen Sicherheitskräften beschattet worden. "Sie wussten alles über uns." Tenzin Losinger-Namling ist überzeugt, dass auch die E-Mails abgecheckt wurden – jedenfalls seien Viren gestreut worden.

Die Überwachung durch die chinesischen Sicherheitsleute hat jedoch die junge Frau nicht abgeschreckt, sondern in ihrem Tun vielmehr noch bestärkt. "Das zeigt, dass die chinesische Regierung Angst hat vor uns", sagt sie, "und das ist gut so."

Dalai Lama stärker unter Druck

Angesichts der chinesischen Politik empfinde sie Wut. Obwohl sie nie in Tibet war, habe sie einen starken Bezug zu diesem Land. Die chinesische Regierung handle "scheinheilig", doch viele liessen sich blenden.

Für sie reicht es nicht, Sympathie mit Tibet zu zeigen. "Wichtig ist, dass man etwas macht." Wo ist für sie die Grenze des Politaktivismus? "Ich würde weit gehen", sagt die zierliche Frau im weissen Hemd und den grossen tibetischen Ohrringen bestimmt. Gewalt sei für sie jedoch tabu.

Die Tibeter hier hätten im Gegensatz zu ihren Landsleuten in Tibet die Möglichkeit, sich frei zu äussern. "Wir kommen hier höchstens ins Gefängnis", sagt sie lakonisch.

Stimmt dieses provokative Engagement mit der Politik des "mittleren Wegs" überein, die vom Dalai Lama, dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter, verfolgt wird und die über den Dialog zur kulturellen Autonomie führen soll? Sie fordere im Gegensatz zum Dalai Lama ein freies Tibet, sagt sie. Doch sie sei sich bewusst, dass der Dalai Lama angesichts des politischen Drucks einen anderen Weg gehen müsse.

Tenzin Losinger-Namling.
Tenzin Losinger-Namling.   (swissinfo)

Frage der Integration

"Die Free-Tibet-Bewegung hat eine neue Dynamik erhalten. Sie setzt sich heute kreativ mit dem Problem auseinander", so Losinger-Namling.

Der neue Stil sei keine Generationenfrage, sondern vielmehr eine Frage der Sprache und der Integration. Für Exiltibeter, wie etwa jene in der Tibeter-Siedlung in Rikon im Zürcher Oberland, wo viele ältere Tibeter bis heute praktisch kein Deutsch sprächen, sei es viel schwieriger an die Öffentlichkeit zu treten.

Die ehemaligen Patrons der Pfannenfabrik Kuhn Rikon hatten nach dem Einmarsch der Chinesen im Jahr 1960 Tibet-Flüchtlinge als Arbeitskräfte in ihr Unternehmen geholt und ihnen Wohnungen zur Verfügung gestellt.

Die Jungen fordern

"Die Aktionen der Jungen sind medienwirksamer, aber inhaltlich ist ihr Engagement dasselbe geblieben", sagt auch Dolkar Gyaltag, die Tante von Tenzing. Die 59-jährige wuchs zusammen mit anderen tibetischen Flüchtlingskindern im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen auf.

Die junge Generation wüsste einfach die Medien besser zu nutzen. Auch seien sie westlicher geprägt.

"Während die ältere Generation die Weltöffentlichkeit bittet, sich der Tibet-Frage anzunehmen, fordern die Jungen diese dazu auf", so Gyaltag. Hätte man früher gebetet, so werde heute protestiert.

So lange keine Gewalt angewendet würde, habe die ältere Generation kein Problem mit den Aktionen der Jungen.

Kein Mangel an Ideen

An Ideen für provokative Aktionen mangelt es den Tibet-Aktivisten jedenfalls nicht. "Ich couche nicht", diese Worte wurden einen Monat vor der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Peking nachts auf das Bundeshaus projiziert. Zusammen mit einem Bild von Bundespräsident Pascal Couchepin, dessen Augen und Mund mit schwarzen Balken bedeckt.

Mit der Kampagne "Ich couche nicht" fordern vier Tibet-Organisationen die Schweizer Bevölkerung auf, die Übertragung der Eröffnungsfeier am 8. August zu boykottieren und bei der Landesregierung zu intervenieren.

Als Schauplatz diente der Bundesplatz bereits 1999. Beim Besuch des chinesischen Staatschefs Jiang Zemin im Bundeshaus schwenkten Tibet-Aktivisten vor dessen Augen auf einem Dach Free-Tibet-Fahnen. Diese Aktion hatte das Vertrauen des chinesischen Staatschefs in die Schweizer Behörden mehr als erschüttert.

swissinfo, Corinne Buchser

 

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