Zwischen Trauer
und Vorfreude
China nach dem Beben
und vor den Olympischen Spielen
Von Petra Aldenrath
D ie
Welt war geschockt von den Bildern, die aus Tibet an
die Öffentlichkeit gelangten. Die aufstrebende
Großmacht China zeigte sich dem Westen plötzlich
nicht mehr nur als boomende Wirtschaftsnation, als
Land, das Gastgeber der Olympischen Spiele ist,
sondern als perfekt funktionierender Polizeistaat,
in dem die kommunistische Partei das oberste Sagen
hat. Als es in der Provinz Sichuan zu einem
verheerenden Beben kam reagierte die chinesische
Regierung ungewohnt offen - ist eine positive Wende
zwischen China und dem Rest der Welt in Sicht?
Die aufstrebende
Großmacht China zeigte sich dem Westen plötzlich nicht
mehr nur als boomende Wirtschaftsnation, als Land, um
das sich ausländische Investoren reißen, als Land, das
Gastgeber der Olympischen Spiele ist, sondern als
perfekt funktionierender Polizeistaat, in dem die
kommunistische Partei das oberste Sagen hat. Nachrichten
wurden zensiert, ausländische Journalisten wurden wegen
angeblicher Sicherheitsbedenken aus den Unruhegebieten
ausgewiesen. Die Schuld für die Unruhen in Tibet und den
anderen Provinzen, in denen Tibeter lebten, wurde dem
Dalai Lama, dem geistigen Oberhaupt der Tibeter,
angelastet:
Premier Wen Jiabao:
Wir
haben genug Beweise, dass die Dalai Lama Clique die
Unruhen organisiert, vorsätzlich geplant, gesteuert und
angestachelt hat.
"Die Flamme ist da", heißt ein Song, der eigens für die
Ankunft des olympischen Feuers komponiert wurde. Der
olympische Fackellauf sei ein Lauf des Friedens, sagte
Pekings Bürgermeister, als die Fackel aus Griechenland
kommend in Peking eintraf:
Das
heilige olympische Feuer ist zu den friedliebenden
Chinesen gekommen, die Wert auf Freundschaft und auf
Kooperation legen. Wir werden diese olympische Flamme,
die Frieden, Freundschaft und Fortschritt symbolisiert,
weitergeben an Millionen Menschen.
Als das olympische Feuer - kurz nach Beginn der Unruhen
in Tibet - von Peking aus seine "Reise der Harmonie",
wie die Chinesen den diesjährigen Fackellauf nennen,
durch die Welt antrat, kam es zu massiven Protesten. Die
olympische Fackel wurde zum Symbol für die Unterdrückung
der Tibeter. Der Fackellauf sollte ein unvergessliches
Ereignis werden. So planten es die Chinesen. Ein
unvergessliches Ereignis wurde er in der Tat, aber
anders, als China erhoffte, sagt Chinaexperte David
Zweig:
Er
wurde zum großen Teil zu einem Marketingdesaster.
Schauen Sie sich die Fackel an und wie sie durch die
Welt getragen wird - was in Frankreich und in England
passierte und um die Fackel zu schützen. Da waren diese
Bodyguards in ihren blauen Trainingsanzügen, die die
Fackel verteidigten. Das hat gezeigt, dass die
Ereignisse in Tibet einen Prozess angestoßen haben und
China immer schlechter und schlechter da stand.
Je mehr der Westen gegen China protestierte, desto mehr
wuchs der chinesische Nationalstolz. In Internetforen
kursierten antiwestliche Lieder, wütende Artikel
verdammten die in den Augen vieler Chinesen einseitige
Berichterstattung im Westen über China, über die
Ereignisse in Tibet und die Proteste während des
olympischen Fackellaufs. Die chinesische Regierung, die
ihre Medien streng kontrolliert, ließ zu, dass einige
der hasserfüllten Meinungen in den Zeitungen abgedruckt
wurden. Der Nationalstolz der Chinesen wuchs genau wie
die Wut gegen den Westen - der extreme Patriotismus der
Chinesen könnte zur Gefahr für die Olympischen Spiele
werden, warnte damals Soziologe Hu Xingdou:
Wir
brauchen keinen extremen Nationalismus. Ein extremer
Nationalismus kann der Öffnungspolitik Chinas schaden.
China sollte als Gastgeber der Olympischen Spiele eine
offene und tolerante Haltung einnehmen. Wir sollten alle
Ausländer begrüßen, die nach China kommen, egal ob zu
den Olympischen Spielen, um Geschäfte zu machen oder als
Touristen und vor allem sollten wir keine Angst davor
haben, dass Ausländer Banner ausrollen und Slogans
rufen. Das macht doch nichts. In westlichen Ländern
passiert das doch auch. Da wird doch auch demonstriert.
Macht das da was?
Der Großteil der Chinesen glaubt der staatlichen
Propaganda. Wer es wagt, der offiziell propagierten
Meinung etwas entgegen zu setzen, wird schnell
schachmatt gesetzt. So passierte es Chang Ping, dem
stellvertretendem Herausgeber der südchinesischen
Tageszeitung "Nanfang Dushi Bao". Chang Ping schrieb
einen kritischen Artikel, den er "Wie man die Wahrheit
über Lhasa herausfindet" nannte. Kurz nach
Veröffentlichung wurde Chang Ping von seinem Posten
suspendiert. Der Autor und Tibetologe Wang Lixiong muss
eine Suspendierung gar nicht mehr befürchten. Seine
Bücher über Tibet werden in China bereits seit längerem
zensiert.
Treffpunkt mit Wang Lixiong ist der Parkplatz eines
belebten Kaufhauses im Herzen von Peking. Zu Hause kann
er keine Interviews mehr geben, denn seit Jahren wird
Wang Li Xiong von der chinesischen Staatssicherheit
streng observiert. Vor seinem Haus stehen Wachposten.
Sie beobachten jeden Schritt von ihm und seiner
tibetischen Frau, der Autorin Woerse, deren Bücher
ebenfalls in China verboten sind. Wang Lixiong ist ein
mutiger Mann, der es als seine Pflicht betrachtet, den
Mund aufzumachen. Als die chinesische Regierung mit
ihrer Anti-Dalai-Lama-Propaganda begann, schrieb Wang
Lixiong einen couragierten Brief an die Regierung, in
dem er direkte Gespräche mit dem Dalai Lama als
Schlüssel zur Lösung der Krise bezeichnete. Mit dem
Brief setzte er seine Freiheit aufs Spiel.
Wang Lixiong:Natürlich
habe ich davor Angst. Jetzt gerade, wo ich Ihnen das
Interview gebe, das alles kann als Beweis gegen mich
verwendet werden. Ich stand ja bereits unter Hausarrest.
Die chinesische Regierung verspricht sich so viel von
den Olympischen Spielen. China möchte akzeptiert werden
von der Welt. China möchte sich der Welt als
harmonisches, tolerantes und modernes Land präsentieren
und ausgerechnet dann passiert das mit Tibet und China
beginnt, Menschen zu verhaften. Das soll einer
verstehen. So steht es aber hier mit den
Menschenrechten. Und während der Olympischen Spiele
werden wir noch mehr kontrolliert und eingeschränkt
werden.
In letzter Zeit wurden bereits mehrmals Bürgerrechtler
verhaftet, wie der Menschenrechtsaktivist Hu Jia oder
der der Bauer Yang Chunlin. Beide hatten angeprangert,
dass China die Menschenrechte nicht achte und dass
deshalb die Austragung der Olympischen Spiele in China
eine Katastrophe sei. Beide wurden wegen angeblicher
Untergrabung der Staatsgewalt zu mehreren Jahren Haft
verurteilt. Das olympische Jahr werde bei den
politischen Verhaftungen Rekordzahlen schreiben,
prophezeite vor kurzem John Kamm in Peking. Kamm ist
Gründer der amerikanischen Dialoggesellschaft, einer
Organisation, die sich um die Freilassung politischer
Häftlinge in China bemüht. Menschen wie eben Hu Jia oder
Yang Chunlin. Menschenrechtsorganisationen sprechen von
Säuberungsaktionen vor den Olympischen Spielen.
Vorwürfe, die Chinas Premierminister Wen Jiabao
zurückweist:
China
ist ein Land mit einem Rechtssystem. All diese Probleme
werden nach dem Gesetz angemessen gelöst. Es ist Unsinn,
dass Regimekritiker vor den Olympischen Spielen
inhaftiert werden. Das stimmt nicht.
Für die Menschenrechtsorganisation Amnesty International
sprechen die Urteile gegen die Olympiakritiker aber eine
andere Sprache. Als Peking den Zuschlag für die
Olympischen Spiele bekam, habe es versprochen, die
Menschenrechte zu verbessern, erinnert Mark Allison von
Amnesty International in Hongkong:
Wir
haben sehr wenige Anzeichen, dass es eine Verbesserung
der Menschenrechte im Vorfeld der Olympischen Spiele
gibt. Die Weltgemeinschaft muss nun noch mehr in der
Öffentlichkeit Gesicht zeigen. China hat Aktivisten
eingesperrt. Wir brauchen führende Politiker in der
Welt, die sich für Inhaftierte wie Hu Jia oder Yang
Chunlin einsetzen. Die Situation für chinesische
Menschenrechtsaktivisten ist sehr bedrohlich. Sie
brauchen Schutz. Sie werden inhaftiert, obwohl China
weiß, dass die Welt wegen der Olympischen Spiele auf ihr
Land blickt. Das ist sehr besorgniserregend.
"Eine Welt, ein Traum", heißt das chinesische olympische
Motto. Als Gastgeber der Spiele wollte sich China als
Land präsentieren, das bombastische, wundervolle,
unvergessliche Spiele inszenieren kann. Die Olympischen
Spiele sind das nationale Prestigeprojekt schlechthin.
China hat sich jubelnde Zuschauer, glückliche Athleten
und vor allem internationale Anerkennung erhofft.
Missstände wurden unter den Teppich gekehrt und so stand
China wegen seiner Menschenrechtspolitik plötzlich am
Pranger, analysiert der Hongkonger Chinaexperte David
Zweig:
Sie
wollten alle Probleme ignorieren, die es in China gibt.
Aber man kann keine 30 Jahre rasanten Wirtschaftsboom
haben, unter einem autoritären Regime wie in China, ohne
dass man dreckige Wäsche im Schrank hat. China lud die
Welt zu den Olympischen Spielen ein und sagte: Kommt zu
uns nach Hause, bei uns ist es schön - und das wollten
sie mit den Olympischen Spielen tun. Aber wenn man das
macht, dann kann man die Leute auch nicht daran hindern,
unter den Betten zu schauen und genau das wollen aber
die Journalisten machen oder auch andere, die Missstände
aufdecken.
Nicht mehr die Olympischen Spiele und die Athleten
rückten in den Vordergrund, sondern Chinas
Umweltpolitik, die immense Luftverschmutzung in den
Städten, vergiftetes Spielzeug, unmenschliche
Bedingungen in den Fabriken und die
Menschenrechtspolitik. Jedes Mal, wenn Missstände in
China mit den Olympischen Spielen in Verbindung gebracht
wurden, mahnte China an, den Geist der Olympischen
Spiele nicht zu verletzen, Sport und Politik sollten
nicht in einen Topf geworfen werden, hieß es aus Peking.
Dabei sei China selber schuld daran, dass die
Olympischen Spiele politisiert wurden, sagt David Zweig:
Ich
finde, sie haben die Olympischen Spiele politisiert. Sie
wollten, dass alle führenden Staatsoberhäupter zur
Eröffnungszeremonie kommen. Sie haben die Spiele
politisiert, indem sie dem wahrscheinlichen Nachfolger
des heutigen Staatschefs die Verantwortung über die
Spiele übertrugen. Das ist so, als ob die USA den
Vizepräsidenten - bei den Spielen in Atlanta - damit
beauftragt hätten und gesagt hätten: Mach die
Olympischen Spiele zu einem Erfolg und wenn nicht, dann
wirst du vielleicht kein Präsident. Das ist im hohen
Maße politisch. Also wurde der Erfolg oder eben der
Nichterfolg der Spiele ein großes Thema. China hat sie
generell politisiert. Sie wurden mit Nationalismus
verwoben. Die Pekinger Führung hat die Olympischen
Spiele zu einem Indikator dafür gemacht, wie China in
der Welt dasteht. Wenn es ein Indikator dafür ist, wie
China in der Welt dasteht, dann hat jeder, der China
nicht gut gesonnen ist, eine Zielscheibe. Also hat China
die Probleme geschaffen und nicht der Rest der Welt.
Am 12. Mai um 14.28 Uhr gab es in der Provinz Sichuan
ein verheerendes Beben. Ganze Ortschaften wurden
ausgelöscht und verschwanden unter Trümmern, zigtausende
Menschen starben. Die chinesische Regierung reagierte
ungewohnt offen. Journalisten durften live berichten.
Sie zeigten nicht nur die Rettungsarbeiten, sondern auch
die Tränen des chinesischen Premierministers, der die
Erdbebengebiete besichtigte, die Tränen der Menschen vor
Ort und deren Verzweiflung. China habe aus der
Vergangenheit gelernt, meint der chinesische
Wissenschaftler Mao Shoulung von der Pekinger
Volksuniversität:
Im
Vergleich zu den Reaktionen im Jahr 2003, als die
Lungekrankheit SARS ausbrach, oder als der Songhuafluss
in Harbin verseucht war oder eben auch im Vergleich zu
der Schneekatastrophe in diesem Jahr hat China schon
viel gelernt.
Statt Ereignisse zuerst zu verheimlichen und sie dann
herunterzuspielen, wurde nonstop in den Medien
berichtet. Als 1976 die Erde in Tangshan bebte, lehnte
China internationale Hilfe mit den Worten ab: Unser
glorreiches Land braucht so etwas nicht.
Diesmal schickte die internationale Weltgemeinschaft
Verbandsmaterial, Zelte, mobile Krankenhäuser und
Rettungskräfte. China nahm die Hilfe dankend an. Das
Erdbeben in Sichuan ist für die Chinesen eine Tragödie.
Zum ersten Mal seit Gründung der Volksrepublik wurde
nicht zum Gedenken an einen verstorbenen Politiker,
sondern für das einfache Volk Staatstrauer angeordnet.
Auf die Minute genau eine Woche, nachdem in Sichuan die
Erde bebte, stand ein Fünftel der Weltbevölkerung still.
Drei volle Minuten hielt China inne, um der Toten zu
gedenken. Die Menschen blieben schweigend auf den
Straßen stehen, sogar die Börsen wurden ausgesetzt, der
Verkehr angehalten - nur das Geheul der Sirenen und die
Hupen von Schiffen, Zügen und Autos war zu hören.
Auch die Weltgemeinschaft kondolierte und sie lobte
Chinas neue Offenheit. Die Anklagen der Vergangenheit -
wegen Tibet und überhaupt wegen der chinesischen
Menschenrechtspolitik - schienen vergessen. Dass China
auch offen reagieren würde, falls es im Land wieder
Unruhen gäbe, bezweifelt allerdings Joseph Cheng,
Politikwissenschaftler aus Hongkong:
Die
chinesische Regierung hat gemerkt, dass es klug ist, den
Menschen im In- und Ausland zu zeigen, dass den Opfern
des Erdbebens geholfen wird. Solche Bilder verbessern
das Ansehen Chinas. Sie zeigen so ein gutes Bild von
China. Ich glaube nicht, dass China offen zu den Medien
wäre, wenn es sich um Unruhen und Proteste handeln
würde.
Niemand hat sich das Erdbeben herbeigewünscht, weder die
chinesischen Politiker, noch das Volk. Aber das Erdbeben
hat geholfen, dass die Ereignisse davor verblassten, der
Zorn der internationalen Weltgemeinschaft gegen China
scheint verraucht. So tragisch das Erdbeben für die
Chinesen ist- durch die Tragödie ist China aus seiner
Isolation herausgeholt worden; kurz vor den Olympischen
Spielen ist die Atmosphäre zwischen China und dem Rest
der Welt nun nicht mehr vergiftet. Für den
China-Experten David Zweig aus Hongkong eine positive
Wende:
Sie
können das mögen oder nicht - China ist da. China spielt
in der internationalen Weltgemeinschaft eine wichtige
Rolle. Wir brauchen China, um kritische Probleme zu
lösen - angefangen von der Klimaerwärmung über nukleare
Aufrüstung - Taiwan, Nordkorea, Iran und all die anderen
Sachen. Wir wollen, dass China offen wird, was die
Menschenrechte angeht, wir wollen, dass es
zuversichtlich in eine demokratischere Richtung geht. So
ein China wollen wir sehen. Wenn China merkt, dass es
nicht willkommen ist, dann kann das dazu führen, dass
ein beleidigtes, mächtiges China, dem Westen feindlich
gegenüber steht. Wir wollen, dass China liberaler wird,
wir wollen ein demokratischeres und offeneres System und
kein aggressiv wachsendes China, das über viele Jahre
hinweg schlechte Beziehungen zum Westen hat.
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