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Es
ist Sonntagmittag, kurz nach
12 Uhr. Auf dem Bundesplatz
wogt ein Meer von
Regenschirmen zu den
beschwingten Melodien des
Swiss Jazz Orchestra. «Es
könnte doch mal ein bisschen
Sommer sein», ruft Sänger
Philipp Fankhauser in das
Mikrofon. Die Leute jubeln
ihm zu, obwohl Petrus seinen
Wunsch noch nicht erhört.
Diese für ein
Open-Air-Konzert typische
Szene täuscht über den
eigentlichen Anlass der
Veranstaltung hinweg. Der
Dalai Lama,
Friedensnobelpreisträger und
geistliches Oberhaupt der
tibetischen Buddhisten, wird
an diesem Sonntag 73 Jahre
alt. Mit dem
Solidaritätsfest fordern die
Organisatoren eine klarere
und kritische Haltung der
Schweizer Regierung
gegenüber China. «Ich habe
mich gefreut, hier auf der
Bühne stehen zu dürfen»,
sagt Philipp Fankhauser nach
seinem Auftritt. «Die
Stimmung war sehr speziell.»
Natürlich sollte die Politik
nicht zu stark mit der Musik
vermischt werden, aber: «Die
Konzerte können mindestens
den anwesenden Exil-Tibetern
Kraft geben.» Auch
Musikerkollegin Shirley
Grimes hat «keine Sekunde
gezögert», als sie die
Veranstalter anfragten
aufzutreten. «Es ist schön,
etwas zurückzugeben.» Priska
Zemp, alias Heidi Happy, ist
überzeugt, dass mit dem
Solidaritätsfest im Minimum
«ein starkes Zeichen»
gesetzt werden könne.
«Die Zeichen kommen an»
Genau um diese Symbolik geht
es vielen auftretenden
Künstlerinnen und Künstlern.
In ihre «Free Tibet»-Chöre
stimmt das Publikum jeweils
lauthals ein. Dazu werden
bunte Tibetfahnen
geschwenkt. In den
vordersten Reihen tanzen die
Leute ausgelassen. Zwischen
den Konzerten sorgen
verschiedene Redner für
etwas mehr politischen
Tiefgang. Mario Fehr,
SP-Nationalrat und Präsident
der parlamentarischen Gruppe
für Tibet, fordert in seiner
Ansprache Bundespräsident
Pascal Couchepin auf, den
Dalai Lama bei dessen Besuch
in Bern vom kommenden
Oktober offiziell zu
empfangen und noch einmal
darüber nachzudenken, ob er
an der Eröffnungszeremonie
für die Olympischen Spiele
in China teilnehmen wolle.
«Die Zeichen, die wir
setzen, kommen an – auch in
China», so Fehr.
«Der Himmel weint mit
uns»
Als sich nach 14 Uhr die
Regenwolken vorübergehend
verziehen, füllt sich der
Bundesplatz immer mehr. Laut
Mitorganisator Rolf Meichle
besuchen insgesamt rund
10000 Personen das Fest. Die
Mischung aus Konzerten und
Politik lockt Leute
unterschiedlichster Couleur
an. Silvia Häni und Gerda
Bieber aus Winterthur sind
«aus Solidarität mit dem
tibetischen Volk» hier.
«Tibets Schicksal muss noch
bekannter werden», sagt
Bieber. Anders Simone Kohler
und Anina Siegenthaler. Die
beiden jungen Frauen aus
Thun sind wegen Polo Hofer
und Judith und Pola von der
deutschen Band «Wir sind
Helden» gekommen. Über Tibet
wissen sie «eigentlich gar
nicht» Bescheid. «Das hat
doch irgendetwas mit dem
Dalai Lama zu tun, mehr kann
ich nicht sagen», meint
Kohler. «Wir erreichen hier
dank der Musik viele neue
Leute», sagt Yangchen Büchli,
Präsidentin der Gesellschaft
Schweizerisch-Tibetische
Freundschaft, die in einer
Ecke des Bundesplatzes einen
Informationsstand betreibt.
Deshalb seien solche
Veranstaltungen enorm
wichtig.
Kurz nach 15 Uhr wird es
still. Aus den Boxen dröhnen
keine Bässe mehr.
Stattdessen ertönen die
Worte eines hohen
buddhistischen Geistlichen,
der in traditionellem Gewand
ein Gebet spricht. Die
Besucher hören gebannt zu,
obwohl die meisten nur den
Übersetzer verstehen. Bern
erlebt an diesem Nachmittag
ein Fest der vereinten
Gegensätze.
Rundum zufrieden ist
Mitorganisator Rolf Meichle
mit dem «überaus friedlichen
Fest». Im grossen
Spendenelefant sei wohl auch
genügend Geld
zusammengekommen, um die
noch offenen Kosten zu
decken. Und Initiant Loten
Namling bringt es auf den
Punkt, als sich noch einmal
eine dicke Regenwolke
entlädt: «Sogar der Himmel
weint mit uns. Was ist
schöner als das?» |