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Tibet ist mehr als Kunst


Berliner Zeitung, 20.02.07

 

Nikolaus Bernau

China ist eine Weltmacht. Jeder, der in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft oder Kultur international etwas erreichen will, muss sich mit China und dessen Ansprüchen auseinander setzen. Muss sich also auch fragen, wie man mit den fehlenden demokratischen Strukturen, dem nur sehr bedingt verlässlichen Rechtssystem sowie der andauernden Verletzung von Menschenrechten in China umgehen soll. Freie Wahlen, Rechtsstaat und Menschenrechte, das sind immerhin von der demokratischen Welt als unteilbar und unabdingbar beschworene Werte.

Fragen, die sich auch der Stiftung Preußischer Kulturbesitz stellten. Sie hat mit viel Engagement jene sensationelle Ausstellung über Kunst aus tibetischen Klöstern nach Berlin geholt, die eigentlich nur in der Essener Villa Hügel gezeigt werden sollte. Heute Abend wird sie in den Dahlemer Museen eröffnet.

Tibetische Exilanten und ihre Anhänger in Europa, den USA und Asien lobten zwar schon in Essen, dass bisher niemals öffentlich zu sehende Kunstwerke gezeigt und damit die Eigenständigkeit der tibetischen Kultur betont würde. Sie kritisierten aber auch, dass die mit der chinesischen Regierung und ihren Vertretern in Tibet organisierte Ausstellung weder die Zerstörungen der tibetischen Kulturlandschaft noch die aktuelle Situation thematisiert. Auch für Berlin sind also Protestkundgebungen der Organisation International Campaign for Tibet e. V. angekündigt worden.

Tatsächlich hat das, was in der Villa Hügel noch als Feier der Kunst gelten konnte, in Berlin einen sehr viel höheren politischen Status erhalten. Immerhin bezeichnen sich die Staatlichen Museen als faktische Nationalmuseen Deutschlands. Selbst wenn ihre Kuratoren das gar nicht wollen: Mit der Präsentation von Objekten aus tibetischen Klöstern und Museen in Dahlem akzeptiert Deutschland nicht nur politisch, sondern auch kulturell die chinesische (Rück-)Eroberung Tibets 1959 und ihre Folgen.

Chinesischen Politikern wird dies zutiefst bewusst sein, zumal ja diese Ausstellung gerade beweisen soll, dass sich ihre Tibet-Politik geändert hat, dass sie sogar diskussionsbereit sind. Auch den vielen für das Olympia-Jahr 2008 geplanten China-Projekten der Staatlichen Museen dürfte Rücksicht auf chinesische Befindlichkeiten nicht schaden. Doch die Demonstranten werden jene Frage stellen, die meist ausgeblendet wird: Welche Rolle spielen für die Staatlichen Museen bei solch repräsentativen Projekten die viel beschworenen demokratischen Werte? Anders gefragt: Wie frei konnten die Äbte der Klöster im chinesisch beherrschten Tibet entscheiden, Objekte frei zu geben? Konnten sie im Konfliktfall ihren Vorgesetzten "Nein" sagen?

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