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Zensur im globalen Dorf
Das Web und die Meinungsfreiheit
20.05.07
Von Jaja Arp
Auf dem
Weltinformationsgipfel
in Tunis hat "Reporter ohne Grenzen" eine Liste der "15 größten
Feinde des Internets" veröffentlicht,
dazu gehören zum Beispiel China, Kuba und Iran. So hat die
chinesische Regierung einen systematischen Filter aufgebaut mit dem
klangvollen Namen
"Programm des goldenen Schutzschildes". Und bei Yahoo und Google
tauchen bestimmte Suchbegriffe erst gar nicht auf. Dennoch proben
immer mehr Dissidenten den Aufstand per Mausklick.
Die Blockade
von Webseiten ist in etlichen Ländern Alltag. (Bild: Stock.XCHNG /
Robert Aichinger)
"Wir hoffen,
dass man es nicht zulässt, dass die Meinungsfreiheit weiter
unterdrückt, dass eine Krise in der Region geschürt wird oder die
nuklearen Abenteuer weiter gehen. Der Iranische Präsident Mahmoud
Ahmadinejad weiß, was er will: Nuklearwaffen und die nötigen Mittel
dafür. Die Unterdrückung der Freiheit im eigenen Land und die
Verbreitung des Terrorismus sowie die Erschütterung des liberalen,
demokratischen Systems."
Hoder Hossin Derakshan ist der Held der Blogger-Szene im Nahen
Osten. In seinem elektronischen Tagebuch propagiert der Iraner
täglich die Revolution gegen die Mullahs, und das mit einigem
Erfolg. Denn obwohl sein Blog im Iran gesperrt ist, hat er
mittlerweile zahlreiche Nachahmer gefunden. Schätzungen zufolge soll
es inzwischen über 700.000 iranische Weblogger geben. Eine
Entwicklung, die die Regierung nicht gerne sieht.
"Auch
Präsident Bush weiß, was er will: Ein unumkehrbares Ende des
Iranischen Nuklear Waffen Programms, die Ausdehnung der Freiheit
über die ganze Welt und den Sieg über den Kampf gegen den
Terrorismus.
Der 32jährige Iraner i.hoder nutzt seit über fünf Jahren den
digitalen Datenhighway im politischen Kampf gegen das Regime. Sein
Tagebuch ist in arabischer Schrift verfasst. Besonders interessante
Stellen übersetzt der persische Blogger ins Englische. Die Seite
liefert vor allem politische Kommentare. Über zahlreiche Links
erfährt der Surfer aber auch, welche Musik der selbsternannte
Blogger-Prophet gerne hört.
Blog i.hoder.com, 7. Januar 2007
Ich
fühle mich allein und isoliert in diesen Tagen. Ich glaube, ich muss
jetzt jemanden irgendwo zu Hause anrufen.
Für den freien Meinungsaustausch sind Weblogs inzwischen
unverzichtbar. Gleichzeitig verschärfen
totalitäre Regime die Zensur im Netz.
Menschenrechtsorganisationen wie "Amnesty International" und
"Reporter ohne Grenzen" laufen dagegen schon lange Sturm. "Reporter
ohne Grenzen" hat zum Beispiel auf dem Weltinformationsgipfel in
Tunis die 15 größten Feinde des Internets ausgemacht:
"Dazu gehört China, Kuba, Iran, Weißrussland, Usbekistan, Syrien,
Tunesien, die Liste lässt sich bis 15 Länder fortsetzen. Das sind
die Länder, die den freien Meinungsaustausch im Internet am
stärksten unterdrücken, durch ganz unterschiedliche Methoden. Wir
haben auch auf dieser Liste aufgeführt Länder, die wir stärker
beobachten, das sind Länder, da sind auch europäische Länder
darunter, die eben auch Tendenzen zeigen eben im Zuge der
Anti-Terrorismus-Bekämpfung, auch die Privatsphäre und den
Meinungsaustausch im Internet stärker zu kontrollieren."
Elke Schäfter ist Geschäftsführerin bei "Reporter ohne Grenzen". Die
Menschenrechts-Organisation fordert den freien Informations- und
Meinungsaustausch im Netz. Das Internet hat für Dissidenten eine
immense Bedeutung, erklärt sie. Ohne das Web wären viele
Informationen in Diktaturen zum Beispiel überhaupt nicht zugänglich.
"Es ist wirklich eine kleine Revolution muss man sagen, in diesem
Bereich. Es dient dem Meinungsaustausch, es dient der
Debatten-Kultur, es schafft überhaupt die Möglichkeiten, sich etwas
breiter zu informieren, Themen überhaupt zugänglich zu machen. Also
das hat schon eine enorme Bedeutung. Es wird auch für politische
Proteste sehr stark genutzt. Das hat das Beispiel der Ukraine
gezeigt, dort ist sehr viel über das Internet gelaufen, während der
Proteste nach den Wahlen, und das fürchten natürlich auch viele auf
der anderen Seite. Deshalb hat es eben auch diese Seite der
Einschränkung, das hat es aber auch, weil es das Potential hat."
Blog i.hoder.com, 25. September 2006
Heute ist der
fünfte Geburtstag von "Herausgeber: Ich selbst" und ich war so
beschäftigt, ich konnte nichts dafür tun. Verdammt!
In den letzten Jahren hat das Internet politisch immens an Bedeutung
gewonnen. Das haben inzwischen alle Regierungen begriffen. Und
etliche versuchen inzwischen, auch hier die Kontrolle zu erlangen.
Zur Liste der 15 größten Feinde des Internets, die "Reporter ohne
Grenzen" aufgestellt hat, gehören weite Teile des Nahen Ostens,
Länder wie Saudi Arabien, Syrien oder Libyen. Syrien etwa hat einen
Studenten wegen einiger Fotos verurteilt. Laut Reporter ohne Grenzen
wurde er im Gefängnis sogar gefoltert:
"Er hatte Fotos gemacht von einer Pro-Kurdischen Demonstration, die
dann über eine Web-Seite im Ausland gehostet wurden, hochgeladen.
Dennoch hat man ihn dort dafür verfolgt und auch bestraft, also das
ist schon sehr restriktiv. Saudi Arabien rühmt sich auch, mehrere
100.000 Webseiten zu blockieren, deren Inhalte nicht genehm sind. In
Syrien ist der Zugang auch nur einer kleinen Elite vorbehalten."
Ähnlich stark
ist die Zensur im Iran. So sind dort so populäre Websites wie der
Zugang zu dem Online-Buchhändler Amazon, der Video-Plattform YouTube
oder der Online-Enzyklopädie Wikipedia blockiert. Zudem gibt es dort
einen inhaftierten Cyber-Dissidenten:
"Im Iran ist im Prinzip schon alles untersagt, was mit Frauenrechten
zu tun hat, religiöse Themen sind problematisch, wenn sie eben auf
der Ebenen angesiedelt sind, zwischen Staat und Religion zu
unterscheiden. Also der Iran schränkt auch sehr stark das Internet
ein und verfolgt auch Blogger und setzt sie auch fest, nimmt sie
auch in Haft."
In vielen anderen Ländern werden Internet-Cafes einfach geschlossen,
Chatrooms überwacht, eMails abgefangen, Bloggs gelöscht und
Cyber-Dissidenten inhaftiert. Die Menschenrechtlerin Elke Schäfter
betont, dass die einzelnen Regime bei der Kontrolle und Zensur des
Netzes ganz unterschiedliche Strategien verfolgen. Die einen
verhindern schon den Kauf eines PCs, während die anderen das Netz
sogar propagieren - um es dafür im Verborgenen um so kräftiger zu
zensieren:
"Kuba und Nordkorea beispielsweise unterdrücken gänzlich den Zugang
zum Internet. In Kuba ist es selbst schwierig einen Computer zu
kaufen. Es gibt mehrere Länder auch im arabischsprachigen Raum, die
den Zugang einfach sehr stark einschränken, der ist nur einer
kleinen Elite vorbehalten. Das ist eine Methode. Die andere Methode
ist das Internet zu fördern, weil es auch ein sehr starker
Wirtschaftsfaktor ist, und in diesen Ländern wird eben versucht,
Webseiten zu blockieren, den Meinungsaustausch zu kontrollieren, zu
zensieren, bis hin zur Verfolgung von Internet-Usern und Userinnen,
die dort ihre Meinung frei äußern bis hin zu Haftstrafen."
Die Rede ist von China. Es ist mit 1,3 Milliarden Einwohnern das
bevölkerungsreichste Land der Erde. Dort leben mehr Menschen als in
den USA und Europa zusammen. Im Reich der Mitte, das sich nach der
"Kulturrevolution" geöffnet und zu einer aufstrebenden
Wirtschaftsmacht entwickelt hat, erfreut sich das Internet großer
Beliebtheit. Das wiederum ruft die Regierung auf den Plan:
"China ist sicherlich am allerweitesten fortgeschritten, was die
Überwachung im Netz angeht, aber auch was den Zugang zum Internet
angeht. In China benutzen 130 Millionen Menschen das Internet, um
ihre Meinung auszutauschen, Diskussionsforen, Blogs usw., das ist
dort sehr beliebt. Auch Proteste werden dort online sehr viel
stärker artikuliert, als sonst in der Öffentlichkeit, also das ist
ein sehr bedeutendes Medium, was den Meinungsaustausch anbelangt.
Dementsprechend zensiert auch die chinesische Regierung sehr rigoros
und hat im Prinzip ihr ganzes Internet schon von der technischen
Seite so aufgebaut, dass es sehr sehr gut zu kontrollieren ist. Also
die Webseiten werden zum Teil blockiert, zum Teil wird man auf
andere Seiten gelenkt, zum Teil spiegelt auch die chinesische
Regierung Seiten, also versieht die Seiten mit einem eigenen
Inhalt."
Voice of Tibet, die Stimme von Tibet, ist seit 1996 via Web zu
empfangen. Ein kostenloses tägliches Nachrichten-Programm,
produziert von Tibetern im indischen Exil, vor allem für ihre
Landsleute daheim. Ein Dokumentarfilm zeigt, wie das Programm
entsteht
Die
Tibeter kämpfen schon lange um ihre Unabhängigkeit von China - auch
im Netz. Doch in China und Tibet selbst ist die Stimme Tibets nicht
zu empfangen. Die chinesische Regierung fängt das Programm an den
Grenzen ihres Hoheitsgebiets ab.
Shi Ming lebt als Journalist in Deutschland und beobachtet seit
Jahren die Entwicklung der Meinungs- und Informationsfreiheit in
China. Sein Eindruck: Mit Hilfe von amerikanischen IT-Firmen wie zum
Beispiel Cisco Systems schirmt das kommunistische Regime seine
Bevölkerung auf dem Datenhighway immer perfekter ab. Ganz nach guter
alter chinesischer Tradition hat das entsprechende Programm auch
einen blumigen Namen:
"Das nennt sich 'Programm des goldenen Schutzschildes' -
funktioniert folgendermaßen: Mit diesem Programm kontrolliert die
chinesische Regierung die fünf großen Ein- und Ausgänge des
chinesischen Internets in das internationale Internet, also alle
Aktionen, um abzuschirmen, dass zum Beispiel bestimmte Informationen
gar nicht nach China reindringen oder bestimmte Informationen nur zu
bestimmten Servern umgeleitet werden, etwa zu Regierungsstellen, zu
Informations- und Forschungsstellen der Regierung, der Partei, der
Militärs, aber eben nicht in einem virtuellen Raum für alle oder
zumindest für die normalen Bürger sichtbar werden."
So werden als gefährlich eingestufte eMail-Adressen inzwischen
gleich an diesen fünf Eingängen abgefangen:
"Zum Beispiel gab es in den 90er Jahren große eMail Aktionen aus dem
Ausland von der Opposition von Nordamerika als Rettungsaktion für
die verhafteten Dissidenten zu starten, Unterschriften zu sammeln
usw. Das ist heute weitgehend nicht mehr möglich."
Der "Goldene Schutzschild" ist sicherlich das weltweit aufwendigste
Abschirm-Programm. Es wurde im vergangenen Jahr fertiggestellt.
Technisch ist das offenbar gar nicht so schwierig, erklärt der
Netz-Spezialist Alvar Freude. Er ist Vorstandsmitglied von FITUK,
dem Förderverein für Informationstechnik und Kommunikation, sowie
Jury-Mitglied beim "Big Brother Award". Das ist ein Negativpreis,
der jährlich vergeben wird. Er wird an Personen verliehen, die zum
Beispiel den Datenschutz missachten:
"Letztendlich kann man natürlich jegliche Inhalte beliebig
kontrollieren oder manipulieren. Es ist nur eine Frage vom Aufwand.
Also welchen Aufwand möchte ich treiben, um irgendwelche Inhalte zu
kontrollieren oder zu manipulieren. Das funktioniert letztendlich
ganz einfach: Man muss nur zwischen zwei Stationen im Netz eine
weitere Station hängen, die dann alles mitprotokolliert und dann zum
Beispiel einfach die Daten speichert oder aktiv irgendwelche Inhalte
verändert oder blockiert."
Auch das Erstellen von regelrechten Benutzer-Profilen der
Datenreisenden ist kein Problem. Denn anhand der sogenannten
IP-Nummer kann zum Beispiel jeder Computer im Netz eindeutig
identifiziert werden:
"Letztendliche
kann man zumindest theoretisch von jedem Benutzer jegliche
Datenströme und jegliche Inhalte, die er wie auch immer konsumiert,
aufzeichnen, protokollieren und dann nachträglich analysieren. Das
ist natürlich eine sehr große Datenmenge. Das heißt, das sind die
Grenzen, an die man dann stößt, dass man dann einfach zu viele hat,
aber von der Technik ist das rein prinzipiell möglich."
Blog Xu Jinglei, 14. Januar 2007
Oma ist
vorgestern ins Krankenhaus gekommen, weil sie wegen einer
Lungenentzündung ständig hohes Fieber hatte. Die Ärzte hatten
gesagt, ihr Zustand sei stabil, das hatte mich ein wenig beruhigt.
Gestern Nacht wurde ich dann durch einen Anruf meiner Tante aus dem
Tiefschlaf gerissen. Sie informierte mich, dass der Zustand meiner
Oma kritisch sei.
Auch in China wächst die Blogger-Szene unaufhörlich. Angeblich soll
es im Reich der Mitte inzwischen 34 Millionen elektronische
Tagebücher geben. Das sind rund dreißig Mal so viele, wie noch vor
vier Jahren. Absoluter Spitzenreiter ist die Schauspielerin Xu
Jinglei, deren Blog innerhalb eines Jahres schon mehr als 50
Millionen Mal angeklickt wurde. Ihr Weblog ist allerdings
vollkommnen unpolitisch, sie präsentiert darin vielmehr
Familienfotos oder ihre spielende Katze.
Die leichte Alltagsplauderei der Schauspielerin Xu Jinglei kommt gut
an. Ihr Tagebuch zeigt, wie das Internet die streng kontrollierte
Medienlandschaft in China verändert hat. Auch wenn das meiste nur
alltäglicher Plausch ist, untergräbt das Internet auf diese Weise
das Medienmonopol der Kommunistischen Partei.
Blog Xu Jinglei, 14. Januar 2007
Morgens um halb fünf sitze ich verschlafen in dem Fahrzeug zum
Drehort in Hebei, der Tag rauscht wie ein Theaterstück an mir
vorbei. - Dass ich ununterbrochen von mir berichte, das ist eine Art
Naturgesetz, wie lässt sich das schon vermeiden? Aber wenn ich die
kraftlose alte Frau auf ihrem Krankenbett liegen sehe, macht es mich
unglaublich traurig, dass ich eines Tages den warmen Zufluchtsort
meiner Kindheit verlieren werde.
Nirgendwo auf der Welt wird so intensiv zensiert und gefiltert wie
in China. Die Liste der Filter- und Schlüsselwörter ist lang. Die
Sekte "Fal un gong" gehört natürlich dazu, aber auch die Vogelpest
SARS oder die BBC stehen auf der schwarzen Liste und werden
gesperrt.
Wie perfekt das Zensur-System funktioniert, zeigt auch die Tatsache,
dass allein im Land des Lächelns 50 Cyber-Dissidenten im Gefängnis
sitzen - weltweit sind es 57. Elke Schäfter:
"Wir
befürchten auch, dass China im Prinzip ein Modell, ein
Exportschlager sein könnte auch für Weißrussland und für andere
Länder, die den Zugang nicht unterbinden, aber an einer starken
Kontrolle interessiert sind."
Und das sind
immer mehr Länder. Denn das Internet ist natürlich auch ein
gewaltiger Wirtschaftsfaktor. Wer auf den Märkten der Welt eine
Rolle spielen will, der kann sich dem nicht entziehen. Weil die
chinesische Regierung aber die öffentliche Meinung und Diskussion
weiterhin kontrollieren will, muss sie erheblichen Aufwand für die
Zensur betreiben. Alvar Freude:
"Ich habe da mal was gelesen von ich glaube 20.000 Mitarbeitern, die
sich um die Kontrolle der Inhalte kümmern usw. Aber auch andere
Länder aus dem arabischen Raum haben da schon viel früher mit
solchen Filtern angefangen, die dann teilweise nicht ganz so
restriktiv waren und ein bisschen leichter zu umgehen sind, aber es
gibt viele Länder in denen solche Filtersysteme aktiv sind."
Solche Filter mit denen politische Regime unliebsame Informationen
aus dem Netz fischen können, sind relativ simpel. Dahinter stecken
sogenannte Router, die ganz ähnlich funktionieren, wie der
DSL-Router zu Hause. Sie sind nur viel größer und komplexer und sie
verfügen über wesentlich mehr Funktionen.
"Diese Router verteilen die Datenpakete, die von den einzelnen
Nutzern kommen zu den entsprechenden Servern oder umgekehrt. Und
innerhalb dieser Router kann man dann bestimmte Datenpakete mit
bestimmten Quell- oder Zieladressen blockieren oder auf Grund
bestimmter Inhalte blockieren, umleiten, analysieren, was auch
immer. Man kann theoretisch auch alles aufzeichnen, wenn denn der
Speicherplatz reicht, was ein bisschen utopisch ist. Aber man
behilft sich damit, dass man einfach Teile aufzeichnet, die
interessant erscheinen. Also es ist rein von der Theorie her sehr
einfach, in der Praxis hat man dann mit der großen Datenmenge usw.
zu kämpfen, aber die Theorie ist relativ einfach und ja da gibt es
mehr oder weniger auch schon Standard Geräte."
China hat insgesamt rund 130 Millionen Internet-Zugänge. Von den
aktiven Internet-Usern sucht allerdings nur ein kleiner Teil gezielt
nach politischen Informationen und Foren im Netz. Viele lesen
einfach nur passiv mit und beteiligen sich nicht an der Diskussion.
Um in der riesigen chinesischen Internet-Gemeinde überhaupt Gehör zu
finden, muss man sich einen Namen machen, erklärt Shi Ming:
"Meistens einen sehr klangvollen Nick-Name. Zum Beispiel eine
Studentin, die Psychologie studiert hatte, 23jährig als sie
verhaftet wurde. Sie hatte den Nick-Namen 'Maus aus rostfreiem
Stahl'. Das ist ein sehr klangvoller und witziger Name. Und unter
diesem Namen wurde sie auf einmal sehr bekannt, obwohl sie zuerst
gar nichts Politisches geschrieben hatte. Sondern eher zu
gesellschaftlich-kulturellen Phänomenen was geschrieben hatte, aber
sie wurde bekannt. Diese Wege der Publizität, die sind natürlich für
Dissidenten und ihre politischen Aktivitäten unentbehrlich."
In China gibt es auch so genannte Netz-Polizisten. Experten gehen
davon aus, dass rund 300.000 solcher Online-Spitzel ihren Dienst
tun. Sie haben vor allem die Aufgabe, die Kommunikation im Netz zum
Beispiel nach bestimmten Schlüsselworten abzusuchen. Teilweise
können sie auch Inhalte sperren oder umleiten. Vor allem sollen sie
mögliche politische Aktivisten abschrecken. In jüngster Zeit haben
die Netz-Polizisten offenbar ihre Strategie verändert. Während sie
früher nur verdeckt agiert haben, zeigen sie sich nunmehr teilweise
ganz offen:
"Die Netz-Polizisten haben sich in bestimmten Regionen zum ersten
Mal seit ihrer Einführung auch offiziell, auch öffentlich gezeigt.
Also sie melden sich: Ich bin Netz-Polizist. Heute verändern sie die
Strategie, dass sie nicht mehr latent drohen. Und sagen: Hier bin
ich und seid bitte vorsichtig."
Neben diesen verdeckt und offen agierenden Netz-Polizisten gibt es
neuerdings auch noch bezahlte Kommentatoren oder Moderatoren. Diese
Wortführer werben in den Web-Foren gezielt für die Positionen der
Regierung:
"Es gibt Ausschreibungen von den lokalen Regierungen, Verwaltungen,
Universitätsverwaltungen, die wirklich gegen Geld die Leute
anheuern. Und sie haben nur die eine Funktion, nämlich die
Diskussionen zu lenken. Das heißt, also nicht mehr zu verbieten -
sie verbieten zwar auch, aber sie haben nicht wirklich die großen
abschreckenden Kompetenzen wie die Netz-Polizisten."
Blog i.hoder.com, 19. September 2006
"Ich
denke die fortschrittlichen Iraner sollten die Diskussion über
Menschenrechte abbrechen und eine neue beginnen, über
Meinungsfreiheit. Denn die bisherigen Diskussionen sind total vom
amerikanischen Imperium vereinnahmt worden."
Für Reporter ohne Grenzen steht fest: Die Zensur im Netz hat sich
verschärft. Dass so viele Dissidenten inhaftiert sind, ist dafür ein
sicheres Indiz. Und teilweise arbeiten IT-Unternehmen dabei eng mit
den jeweiligen Regierungen zusammen. So sitzen drei der in China
inhaftierten Dissidenten im Gefängnis, weil Yahoo der Regierung ihre
Kundendaten ausgeliefert hat. Der chinesische Dichter und Journalist
Shi Tao verbüßt zum Beispiel momentan eine zehnjährige
Freiheitsstrafe, weil er eine eMail in die USA geschickt hat,
berichtet Amnesty International.
Das Internet-Portal Yahoo hat, wie viele andere IT-Firmen auch, eine
so genannte "Selbstverpflichtung der Internetbranche" unterzeichnet
und dementsprechend die Kundendaten an die Chinesische Regierung
herausgegeben. Die meisten Internet-Firmen speichern übrigens die
Adress-Daten ihrer Kunden:
"Es
ist fragwürdig, ob man das zum Beispiel in Deutschland darf, aber
die meisten machen es trotzdem und auf die entsprechende Anfrage der
Regierung oder auch freiwillig ohne Anfrage hat Yahoo die Daten
entsprechend rausgegeben. Und anhand der IP-Adresse kann dann wieder
der Provider, von dem diese IP-Adresse vergeben wurde,
zurückschließen welcher Benutzer das war. Das ist quasi ein bisschen
vergleichbar mit einer Telefonnummer, die allerdings meistens bei
jedem Einwählen sich ändert, aber ne Telefonnummer kann man ja auch
zurück verfolgen. Dann hat halt Yahoo gesagt okay, hier dieser
Eintrag mit dem und dem Text wurde von der und der Nummer
abgeschickt und dann konnte man den entsprechenden Nutzer wieder
rausfinden."
Menschenrechtsorganisationen beklagen immer wieder, dass Yahoo,
Google und Microsoft solche Selbstverpflichtungen unterzeichnen, um
überhaupt auf den chinesischen Markt zu kommen. Sie zensieren ihre
eigenen Suchmaschinen, damit sie in China präsent sein können. Und
dabei arbeiten sie offenbar auch sehr eng mit der Regierung
zusammen, erklärt Shi Ming. Das geht bis ins Detail, zum Beispiel
wenn es um die chinesische Sprache geht. Denn die ist in der
Grammatik und Semantik hochgradig kompliziert. Shi Ming:
"Das heißt, wenn jemand zum Beispiel doch etwas über die verbotene
Sektenbewegung Fal un Gong etwas reinbringen möchte, dann kann er
diese drei Wörter Fal un Gong mit anderen Schriftzeichen besetzen,
sodass es zuerst einen anderen Sinn ergibt. Das heißt also, die
Zusammenarbeit zwischen internationalen Suchmaschinen und den
chinesischen Zensurbehörden gestalten sich semantisch und
grammatikalisch viel tiefer, viel systematischer, sonst würde das
gar nicht funktionieren."
Wobei manche Unternehmen auf den Druck der chinesischen Regierung
offenbar auch mit Kompromissen reagieren. So geht Google zum
Beispiel in die Offensive und sagt:
"Wir können unsere Geschäfte gar nicht machen, wenn wir bestimmte
gesetzliche Vorschriften nicht einhalten, aber wir machen das
bekannt. Das heißt also, wenn man bei Google China bestimmte
Begriffe eingibt, die da durch Filterung gar nicht reinkommen,
erscheint auf der Seite der Suchergebnisse der Satz: Auf Grund
geltender Gesetzesvorschriften, dürfen bestimmte Seiten mit den
gesuchten Inhalten nicht gezeigt werden."
So macht Google die Zensur wenigstens nicht zum unbemerkten
Normal-Fall. Und anders als Yahoo verwaltet Google seine
eMail-Kunden nicht in China, sondern in den USA, erklärt Elke
Schäfter von "Reporter ohne Grenzen":
"Und somit ist da auch ein gewisser Zugriff der chinesischen
Regierung nicht möglich. Also es gibt schon bestimmte Dinge, die
auch die Unternehmen machen können und ich denke auch Unternehmen
können nicht nur im Sinne des Profits handeln. Es gehört auch zur
Unternehmenskultur, ethische Maßstäbe und Menschenrechte zu
respektieren und dafür zu sorgen, dass sie auch in den Ländern
respektiert werden, in denen man auf den Markt gehen möchte."
Ganz in diesem Sinne wird im amerikanischen Repräsentantenhaus
derzeit der so genannte "Global Online Freedom Act" diskutiert. Bei
der gemeinsamen Initiative des Repräsentantenhauses mit 14
Menschenrechtsorganisationen geht es darum, verbindliche ethische
Standards für die Internet-Branche zu formulieren. Denn viele
IT-Firmen, wie Yahoo, Google und Cisco Systems, die auch repressive
Länder beliefern, haben in den USA ihren Firmensitz. Mit dem neuen
Gesetz soll geklärt werden, ob eMails vom In- oder Ausland aus
vermittelt werden oder wer für die Inhalte verantwortlich ist - der
Autor oder der Provider? Elke Schäfter von Reporter ohne Grenzen:
"Auch wenn technische Ausstattung an Regime geliefert werden, die
als repressiv gelten, dass das dann zunächst geprüft wird von der
Handelskammer. Und ähnliche Vorschläge haben wir dort unterbreitet,
das wird dort im Augenblick debattiert."
Auf EU Ebene gibt es ähnliche Initiativen. So hat das Europäische
Parlament eine entsprechende Resolution verabschiedet, die nun in
der EU-Kommission diskutiert wird. Dennoch: Ob solche Initiativen
für die Meinungsfreiheit im Netz in der Praxis wirklich greifen, ist
natürlich fraglich. Denn wenn das Geld lockt, dann verschwinden
moralische und ethische Bedenken schnell. Das ist den
Menschenrechtsvertretern natürlich auch klar:
"Wir finden es schon mal ein Novum, dass das debattiert wird, dass
es erwogen wird und natürlich muss man danach, darf man dann nicht
einschlafen und weiter dran bleiben am Thema und diese
Kontroll-Funktion, die hier Nicht-Regierungs-Organisationen und
Menschenrechtsorganisationen wie 'Reporter ohne Grenzen' haben,
einfach ausüben."
Wenn es um Zensur im Netz geht, dann muss man nicht immer in die
weite Welt hinausgehen. Das fängt schon vor der eigenen Haustür an,
erklärt Alvar Freude. So werden zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen
seit 2002 bestimmte Seiten aus dem Ausland gesperrt:
"Es wurde der Anfang gemacht mit zwei rechtsextremen Seiten. Die
Begründung war: Wenn ich das Milchtrinken verbieten will, muss ich
auch mit ein oder zwei Flaschen anfangen. Und man sucht sich dann
natürlich Inhalte raus, die von der Mehrheit der Bevölkerung - zu
Recht meines Erachtens - als unerwünscht deklariert werden. Und ja
gut, da müssen die Provider, die in NRW ihren Firmensitz haben,
müssen für alle Kunden diese beiden Internet-Seiten sperren."
Ob dieser Eingriff überhaupt rechtens ist, wird momentan geprüft.
Dennoch scheint Zensur im Netz offenbar auch in Demokratien Gang und
Gäbe zu sein:
"Es gibt eigentlich kaum Staaten, wo es keine Inhalte gibt, die
irgendwie von der Politik oder den entsprechenden Regierungen, die
alle Inhalte, die es so gibt akzeptieren möchten. Auch in den USA
gab es schon Versuche, in Deutschland wie gesagt. Und wenn man sich
mal so umschaut, natürlich gibt es immer Inhalte, die man nicht
haben möchte und man findet immer Inhalte, die irgendwer nicht toll
findet."
Derweil verschärft sich hierzulande der Ruf nach Kontrolle im Netz.
Nach den beiden Bombenfunden auf deutschen Bahnhöfen dringt
Innenminister Wolfgang Schäuble auf strengere Vorschriften. Ob das
jedoch wirklich hilfreich ist, scheint fraglich. So hätte in den USA
die National Security Agency vor dem 11. September zahlreiche
Hinweise auf den Anschlag im Netz entsprechend deuten können. Doch
angesichts der gigantischen aufgefischten Datenmengen blieb den
Geheimdienstlern nicht genug Zeit zur Analyse.
Fest steht: Es wird in Deutschland künftig noch mehr
Videoüberwachung geben. Die Anti-Terror-Dateien, über die Bund und
Länder seit Jahren gestritten haben, sind inzwischen freigeschaltet
worden. - Und die Sicherheitsbehörden werden mit mehr Personal und
Technik ausgestattet, um das Internet zu überwachen.
Das Internet suggeriert unbegrenzte Meinungs- und
Informationsfreiheit. Die zahlreichen erfolgreichen Zensurversuche
zeigen, dass diese Freiheit schon lange nicht mehr grenzenlos ist.
Dennoch ist das Netz für Dissidenten eine unverzichtbare Hilfe, etwa
bei der Beschaffung verbotener Informationen oder bei der
Publizierung geheimer Botschaften. Und die weltweit schnell
wachsende Blogger-Szene zeigt, dass sich im Web immer mehr Menschen
zu Wort melden können - und auch Gehör finden.
Blog i.Hoder.com, 12. April 2007
Können Sie mir einen guten und zuverlässigen
Internet-Service-Provider empfehlen? Ich möchte einige meiner
Web-Seiten auf einen zuverlässigen Server verlagern, der eben nicht
für 60 Stunden in der Woche ausfällt. |