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Wildes Land im
Ozean der Gebirge
Die Zeit, 20.5.07
Von
Jörg Kersten
D as
Leben im Osten des tibetischen Hochlands ist trotz der Einflüsse der
chinesischen Politik noch immer von Traditionen geprägt. Auch Fremde
sind eingeladen, daran teilzunehmen.
"Om mani padme hum." murmelt der alte Mönch und füllt die
Messing-schalen neu mit flüssiger Yakbutter, um die Lichter vor der
Statue des Buddha am Leben zu erhalten. "Om mani padme hum." Der Erleuchtete begleitet die konzentrierte Tätigkeit des Alten mit
mildem Lächeln, denn das Nachfüllen der Butterlampen ist eine
verdienstvolle Tat - sie unterstützt den Kampf des Lichts gegen die
Finsternis. Die heilige Mani-Formel "Oh Juwel des Lotus",
tausendfach geflüstert, verbessert zudem das Karma und nützt dem
Geist.
Solange der Alte die Anordnung der Lämpchen im Kloster Ganden
Tubchen Chokhorling von Litang neu gestaltet, hält ein Novize die
Kanne mit der Butterflüssigkeit. Aufmerksam und still beobachtet der
zwölfjährige Junge das Ritual, die laufende Nase durch ständiges
Schniefen unter Kontrolle haltend. Seine Wangen sind rotviolett
gefärbt von der Kälte und der Sonne Khams, dem "Land der vier Flüsse
und sechs Gebirge", das einst den Osten des Tibetischen Reiches
bildete und heute zu den chinesischen Provinzen Sichuan und Yunan
gehört.
Khams Landschaft ist wild. Noch jung und ausgelassen bahnen sich
hier vier großen Flüsse Südostasiens ihren Weg: Mekong, Yangtse,
Salween und Brahmaputra durchfließen ein Meer von zerklüfteten
Gebirgen, deren höchste Gipfel einst durch tektonischen Druck bis
auf 7556 Meter emporgestoßen wurden. Die Wucht der Landschaft macht
den Reisenden unruhig und lässt ihn
auch schon mal die Nerven verlieren, wenn Erdrutsche das
Weiterkommen für Stunden oder gar Tage unmöglich machen.
Beim Erreichen der Hochebene wird die Enge der Vertikalen ersetzt
durch horizontale Großzügigkeit. Wo eben noch Ecken und Kanten den
Blick versperrten, ist plötzlich ungewohnte Weite. Der Anblick ist
atemberaubend. Wie Filz überziehen die satten Weidegründe der
Nomaden die Hochebenen des
Landes - im Sommer ein Teppich aus gelben und violetten Blumen auf
grünem Grund, eingerahmt von schneebedeckten Gipfeln des Himalayas.
Hier leben die Sippen der Hirten in schwarzen Zelten aus Yakwolle.
Sie lassen ihre riesigen Viehherden auf der Hochebene grasen -
Zotteltiere zu Hunderttausenden, schwarze Punkte bis zum Horizont.
Die Fremden, die es geschafft haben, den Ozean der Gebirge hinter
sich zu lassen, werden gern zu einer Feier zwischen den Zelten
eingeladen. "Taschi delek – herzlich willkommen!"
Auf ausgebreiteten Fellen sitzen die Gäste bei den Ältesten und
nippen Buttertee aus stets gefüllten Schalen. Die Tänzerinnen geben
ihr Bestes. Ihre Erscheinung allein ist schon eindrucksvoll: Die
roten Brokatkleider und bunten Schürzen sind verziert mit Silber-
und Messingplättchen, mit Korallen
und Bernstein und in Gold gefassten Türkisen, die so blau sind wie
der Himmel über dem Dach der Welt. Magische 108 fein geflochtene
Zöpfe zieren ein Khampa-Mädchen. In der Multiplikation von neun
Planeten mit den zwölf Tierkreiszeichen war die Zahl 108 in Kham
schon vor der Zeit des Buddhismus bedeutsam. Zehn Kilogramm Schmuck
trägt das Mädchen. Auch die Fremden sollen
ihren Beitrag leisten, unter tausend Augenpaaren ein Ständchen
bringen, was mit einem Lied aus Kindertagen mehr schlecht als recht
gelingt. Der Beifall ist dennoch ehrlich, und den Gästen werden
weiße Gebetsschals gleich zu Dutzenden um den Nacken gelegt.
Die Gastfreundschaft und Begeisterung der Khampa-Nomaden gegenüber
Fremden ist groß, zumal der Alltag bestimmt ist vom Melken der Yaks,
vom Stampfen der Butter, vom Sammeln des Dungs und der Sorge um die
Herden. Nur manchmal reiten die groß gewachsenen Männer auf Pferden
nach Litang. Die 4680 Meter hoch gelegene Stadt liegt 500 Kilometer
von Chengdu entfernt im Osten. Die
Nomaden kommen hierher, um Butterballen und Yakwolle gegen Korn und
Teeziegel einzutauschen - oder um am jährlichen Reiterfest, das vom
1. bis 8. August zu Ehren des Klosters Ganden Tubchen Chokhorling
stattfindet, teilzunehmen.
Im überdachten Hof des Klosters, das wie eine Trutzburg über Litang
wacht, gestalten acht Mönche ein Mandala. Sie füllen eine
vorgezeichnete Struktur auf geweihter Unterlage mit gefärbtem Sand.
Über die Vorlage gebeugt, lassen sie mit Hilfe konisch geformter
Knochenröhrchen die Körner in feinsten Linien auf das vorgezeichnete
Kunstwerk rieseln. Ein Ritual, das höchste Konzentration, Präzision
und eine ruhige Hand erfordert. "Das Mandala erstellen wir für
Yamantaka, den Herrscher über den Tod. Wir laden ihn ein, das
Reiterfest von Litang zum Erfolg zu führen." Lama Tense Taji ist ein
freundlicher Abt, der unseren kleinen Mönch mit ein paar Bonbons für
die Vorwitzigkeit belohnt, ihn unseretwegen in seiner Klause gestört
zu haben.
Seit jeher genießen die Mönche in Kham großen Respekt. Das wilde
Land war schon ein Zentrum des Buddhismus, bevor die Lehre 200 Jahre
später in das 1000 Kilometer entfernte Lhasa kam. Religiöse Rituale
und Symbole gibt es in Kham überall. Gebetsfahnen schicken im Wind
knatternd und sehr bunt die Wünsche um Erlösung in den Himmel.
Heilige Mantras, gedruckt auf Papier, stecken in den Gebetstrommeln,
die unentwegt von den Pilgern bei der Umrundung der Tempel
angestoßen werden - jede Drehung der Zylinder ein tausendfacher
Seufzer und eine Bitte an die guten Kräfte. Ob im Bus, zu Pferde
oder beim Feilschen auf dem Markt, Handgebets-mühlen rotieren in Kham
überall. Gebete sind, auf Steine gemeißelt, zu Mauern gestapelt, sie
zieren Hauseingänge und verblichene Yakschädel. Gemurmelt, in den
Himmel gejubelt oder leise meditiert, könnten sie vielleicht helfen,
das Leiden der Kreatur im ewigen Kreislauf der Wiedergeburten zu
verkürzen.
Die chinesischen Rotarmisten, die im Oktober 1950 auf dem Weg nach
Zentraltibet auch Kham überrannten, achteten kaum auf religiöse
Gefühle. Sie scheuten sich nicht, aus den gravierten und bemalten
Mani-Steinen Toiletten und Schlachthäuser zu bauen. Die alten
Klöster und Schreine wurden zerstört oder in Lagerräume und
Kornspeicher umgewandelt. Von den rund 3000 Klöstern
Khams blieben nur wenige unversehrt. "Nach 64-tägiger Belagerung und
dem Einsatz chinesischer Bomber musste auch unser Kloster
kapitulieren. Wir hatten viele Tote und Zerstörungen zu beklagen."
Lama Tense Taji erinnert sich noch gut an Litangs düsterste Tage.
Der Widerstand der eineinhalb Millionen Khampa, der Bewohner Khams,
der 1954 von Litang ausging, war dennoch über zehn Jahre kaum zu
brechen. Die Reiterhorden rekrutierten sich aus den weiten
Graslandschaften. Es waren beeindruckende Persönlichkeiten, ähnlich
denen, die auch heute noch, ausgerüstet mit Gewehr, Schwert oder
Bogen, in Litang von Laden zu Laden stolzieren. Ein Khampa, der
etwas auf sich hält, trägt unter seinem breitkrempigen Hut das
schwarze Haar schulterlang und mindestens an einem Ohr einen
blitzenden silbernen Ohrring. Selbst bei schlechtem Wetter versteckt
er einen Teil des von der Sonne gegerbten Gesichtes hinter den
dunklen Gläsern einer überdimensionalen Sonnenbrille. Dazu schützt
er sich in jedem Fall mit einem geheimnisvollen Amulettkästchen und
trägt nicht selten über seiner "Tschuba", seinem Anzug aus
Schaffell, einen Umhang aus echtem Schnee-leopardenpelz. Mancher der
verwegenen Gestalten hat gar einen
Patronengurt über die Brust gespannt.
Beim Pferdefest unterhalb der Klosterburg ist dann jeder Khampa-Mann
ein Kerl. Mit auf den Rücken gebundenen Fahnen jagen die Reiter zu
Hunderten wie die Söhne Dschingis Khans über die Grasebene vor
Litang. Den versammelten Nomaden bieten sie eine atemberaubende
Akrobatik, indem sie im vollen Galopp kopfüber an den Pferdeleibern
hängen und mit Gewehr und Bogen auf kleine Zielscheiben schießen.
Der Höhepunkt aber ist das eigentliche Hauptrennen, das zum
heimlichen Ruhm der Khampa-Krieger und zur Ehre des Klosters Ganden
Tubchen Chokhorling geritten wird. Am Morgen versammeln sich über
einhundert Reiter vor den Mauern der Abtei. Die langen Haare sind
mit roter Wolle um den Kopf
geflochten. Manche von ihnen provozieren die chinesischen
Autoritäten, indem sie trotz Verbots gut sichtbar das Bild des XIV.
Dalai Lama bei sich tragen und mit ihren nervösen Pferden hautnah an
den Ordnungshütern vorbeitänzeln. Den Lama Tense Taji, der in ihrer
Mitte reitet, umkreisen sie wie ein
Bienenschwarm seine Königin, so als gelte es, ihn vor Anfeindungen
zu beschützen.
Erst auf sein Signal hin beginnt das Rennen. Drei Kilometer weit
fordern sie von ihren Pferden höchste Leistung. Es kommt zu
Massenstürzen. Die, die sich Sattel an Sattel in die vordere Reihe
geschoben haben, werden vom Publikum, das die gesamte Rennstrecke
säumt, frenetisch angefeuert. Der strahlende Sieger wird vom Lama
höchstpersönlich beglückwünscht und erhält als Preis eines der
begehrten chromblitzenden Motorräder, eine Art Harley Davidson
chinesischer Bauart, die in jüngster Zeit den Nomaden das Pferd
ersetzen.
Während des Festes haben die Mönche des Klosters Ganden Tubchen
Chokhorling das Mandala aus Sand fertiggestellt. Es ist bunt und
wunderschön geworden. Seinen Sinn, die Gottheit Yamantanka
einzuladen und das Reiterfest zum Erfolg zu führen, hat sich
erfüllt, denn einen Toten hat es dieses Jahr nicht gegeben.
Lama Tense Taji ist zuversichtlich, dass Kham einer Renaissance der
buddhistischen Kultur entgegenblickt. Bisher wurden etwa 60 Prozent
der Klöster Osttibets, wenn auch unter den strengen Augen der
Chinesen, wieder aufgebaut. Der Abt hat einen klaren Geist: "Eine
politische Unabhängigkeit Khams oder gar ganz Tibets halte ich für
unwahrscheinlich." Der Mönch fühlt sich weniger der Politik als
vielmehr der Religion verpflichtet: "Ich bin dazu berufen, die Lehre
des Buddha an die Jugend weiterzugeben, solange ich lebe. "Die
Klöster Khams", freut sich der Mann, "erwachen zu neuem Leben."
INFORMATION
Anreise: Flug nach Peking, weiter nach Chengdu.
Einen Non-Stop-Flug gibt es von Amsterdam nach Chengdu. Von dort aus
ist Litang in zwei bis drei Tagen mit dem Bus zu erreichen.
Reisezeit: Frühjahr und Herbst. Im Sommer lösen häufige Regenfälle
Erdrutsche aus, die die Straßen blockieren können. Visum:
Konsularabteilung der Botschaft der VR China, Brückenstraße 10,
10179
Berlin; Telefon: 030/27590883. Gebühr bei einmaliger Einreise: 20
Euro.
Antragsformular auch im Internet unter
www.china-botschaft.de
Sprache: Eine Verständigung ist schwierig. In den Hotels wird aber
in der Regel Englisch gesprochen.
Geld: Genügend Geld sollte man vor der Fahrt in Chengdu tauschen! In
Khams Provinzorten gibt es keine Möglichkeit, Geld zu wechseln! Die
Preise für Unterkünfte liegen bei 20 Euro. Die Preise für Busfahrten
liegen im Vergleich zu anderen Landesteilen Chinas wegen einer
eingeführten Unfallversicherung recht hoch. Tagesetappen kosten 30
bis 50 Euro pro Person.
Reiterfest: Das Fest findet in Litang alljährlich in der Regel vom
1. bis 8. August statt.
Kultur: Kham gilt als Wiege des tibetischen Buddhismus. Die Klöster
des Landes bergen so manche Kunstschätze. Religiöse Feste sind
alltäglich. Ausflüge: Pferdetouren für Touristen werden in Litang
noch nicht organisiert angeboten. Auf Nachfrage aber bekommt man
Pferde und Führer über die Hotels, um das Grasland zu entdecken.
Auskunft: Fremdenverkehrsamt der VR China Ilkenhanstraße 6, 60433
Frankfurt am Main; Telefon: 069/520135 |