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Wenig Luft nur bleibt den Tibetern


Nieder Österreich Nachrichten, 28.03.07

TIBET / Was die Chinesen übergelassen haben, beeindruckt heute noch die Besucher. Doch zum geheimnisvollen alten Tibet führt kein Weg zurück.
 

VON THOMAS JORDA

Der erste Schritt aus dem Flugzeug ist wie ein Aufprall auf ein unsichtbares Hindernis. Kurze Panikattacke, Schwindel, keine Luft! In fast viertausend Metern Höhe muss man das Atmen erst wieder lernen. Langsam, tief, fast ehrfürchtig schöpft man Luft. Und vermeidet rasche Bewegungen. Ein paar Stufen schon sind ein anstrengendes Hindernis.

Der riesige, menschenleere Platz mit den Plakaten und Fahnen vor dem hypermodernen Flughafen erinnert an Pjöngjang. Doch die wunderbar klare Luft und die beeindruckende Sonne lassen die negativen Gedanken verschwinden. Lhasa, Platz der Götter und Hauptstadt Tibets, trägt mit 305 Sonnentagen im Jahr nicht ohne Grund den Namen „Stadt im Sonnenschein“.

Die Straße der chinesisch- tibetischen Freundschaft
Mit dem Bus geht‘s nach Shigaze, das noch ein paar hundert Meter höher liegt. Der Bus fährt, ausgerechnet, auf der Straße der chinesisch-tibetischen Freundschaft. Sehr bald wird sie sehr holprig und sehr löchrig. Der Weg führt entlang des Kyi-chu, des Glücksflusses. Herrlich reines, klares Wasser fließt durch die eindrucksvoll verkarstete Tallandschaft. Auf der Straßenseite plötzlich ein Mönch; er wirft sich zu Boden, steht auf, streckt sich wieder hin. Zweitausend Kilometer wird er so zurücklegen, um eine besonders heilige Wallfahrtsstätte zu erreichen. Drei bis fünf Kilometer schafft er pro Tag.
Der moderne Flughafen und der Mönch; in nicht einmal einer halben Stunde lernt man Tibets Extreme kennen. Li, der chinesische Begleiter, macht sich lustig über die Tibeter, die jahrhundertelang ihr kärgliches Einkommen den Mönchen in den Rachen gesteckt hätten! Dass Geldopfer in Jeansshops und Boutiquen keine Alternative sind, das versteht der Jungkapitalist nicht.

Das Xigaze-Hotel – kein Lift, keine Träger, aber viele Stufen – ist originell, weil es angeblich original tibetisch eingerichtete Zimmer hat. Sie sind tatsächlich sehr eindruckvoll, vor allem das besonders harte Bett. Wenig ist von der tibetischen Kultur geblieben. Von über zweihundert völlig zerstörten Klosteranlagen findet man nur ein paar Steine. In Shigaze aber steht das Kloster Tashilhünpo noch in seiner Pracht, 1447 vom Dalai Lama erbaut und seinem Lehrer, dem Pänchen Lama und dessen Inkarnationen übergeben.

Der Pänchen Lama in der Geiselhaft der Chinesen
Der aktuelle Pänchen Lama wird, im Gegensatz zum Dalai Lama, von den Chinesen anerkannt. Der junge Mann befindet sich aber in Peking in Geiselhaft; angeblich zu Studienzwecken. Die wenigen noch existierenden Anlagen, ob Tashilhünpo oder das Palkhor-Kloster in Gyantse oder der Jokhang-Tempel in Lhasa, sie alle bestechen durch eine grandiose Architektur, herrliche Malereien und eindrucksvolle Statuen. Das meiste ist tatsächlich viele Jahrhunderte alt, anderes neu; manches davon haben sich die Gläubigen buchstäblich vom Munde abgespart, doch auch China hat kräftig investiert, etwa in den, mit sechshundert Kilo Silber verzierten riesigen Schrein für die Gebeine des zehnten Pänchen Lama im Tashilhünpo-Kloster. Hier steht, übrigens, auch die 1916 errichtete, mit 26 Metern Höhe größte sitzende Buddha-Statue Tibets.

Die Nächte in Lhasa verbringen wir im Xiangbala-Hotel, angeblich tibetischen Stils und doch sehr westlich-chinesisch geprägt. Das entspricht auch dem Eindruck, den man von Lhasa gewinnt. Nur wenig ist vom alten Bestand geblieben (siehe Artikel rechts), längst hat der graue Charme chinesischer Kleinstädte Einzug gehalten, ergänzt durch moderne Protzbauten im Eroberer-Stil. Der Weg zurück nach China führt mit der Qinghai-Tibet-Eisenbahn über die höchste Bahnstrecke der Welt. Was wir verlassen, gilt als eines der faszinierendsten Länder der Erde. Das ist es immer noch; aber nur dank der Tibeter und dem, was von ihrer großen Kultur erhalten ist. Auch wenn ihnen selbst nur mehr sehr wenig Luft bleibt.

TIBET

·  Anreise: Die Austrian Airlines Group fliegt vier Mal pro Woche von Wien nach Beijing (Peking). Von hier geht es mit Inlandsflügen direkt nach Lhasa oder nach Xining – dem Ausgangspunkt des Qinghai-Express‘ nach Tibet. Das Visum für China erhält man bei der Chinesischen Botschaft in Wien.

·  Beste Reisezeit: Ende Mai bis Anfang Oktober. Im Sommer liegen die Temperaturen in Tibet meist um 20 Grad.

·  Veranstalter: Im aktuellen China-Katalog des österreichischen Fernreisen-Veranstalters Tai Pan finden sich mehrere Tibet-Reisen, die auch eine Fahrt mit dem Qinghai-Express beinhalten – zum Beispiel in Kombination mit Peking (11 Tage, ab 2299 Euro), mit Peking, Xian und Shanghai (16 Tage, ab 2697 Euro) oder mit Peking, Shanghai und einer dreitägigen Kreuzfahrt auf dem Yangtse (15 Tage, ab 2539 Euro). Internet: www.taipan.at

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