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Was ich an den Deutschen so bewundere


BILD-Besuch beim Dalai Lama

Am Sonnabend ehrt BILD den Dalai Lama (71) in Leipzig mit dem BILD-Osgar.


Vorab verrät der Gottkönig der Tibeter im BILD-Exklusiv-Interview, wo er auch nach fast 50 Jahren gewaltlosem Freiheitskampf noch seine Kraft hernimmt, was er über die Chinesen denkt und was er an Deutschland und den Deutschen so bewundert.

Der Dalai Lama mit den BILD-Redakteuren Alexandra Würzbach, Kai Diekmann und Willem Tell (v.l.)

BILD: Eure Heiligkeit, seit fast 50 Jahren kämpfen Sie für die Freiheit Ihrer Heimat Tibet. Was gibt Ihnen die Kraft, auch nach Jahrzehnten im Exil, immer noch daran zu glauben, ohne Gewalt und nur mit Ihrem Lächeln, Tibet wieder für die Tibeter zu gewinnen?

Dalai Lama: „Ich schöpfe meine Kraft aus meinem Glauben und dem der Tibeter! Heute leben etwa 150000 Tibeter im Exil, und sie haben einen sehr starken Geist. Auch die Tibeter in Tibet sind sehr, sehr stark und ich bin mir bewusst, welches große Vertrauen und welche große Hoffnung sie in meine Person setzen. Daraus erwächst meine moralische Verantwortung und meine Kraft.

Es solidarisieren sich auch immer mehr Menschen aus anderen Ländern mit uns. Außerdem haben in den letzten zwanzig Jahren immer mehr chinesische Akademiker, Intellektuelle, Künstler und Schriftsteller ihr Interesse an der tibetischen Kultur und damit am tibetisch-chinesischen Konflikt gezeigt. Viele von ihnen waren Mitglieder der Partei, die so China kompromittiert haben. Sie sagten mir, ich sollte zurückkehren. Als ob ich nicht zurück möchte!
Ich würde sofort nach Tibet zurückkehren, wenn eine friedliche und einvernehmliche Lösung des Tibet-Problems durch Verhandlungen gefunden wird!“

BILD: Glauben Sie wirklich daran, noch einmal nach Tibet zurückkehren zu können?

Dalai Lama: „Derzeit wird das Land vollständig von chinesischen Politikern geführt, die weder die tibetische Kultur noch die tibetische Spiritualität oder Geschichte kennen. Ihr Ziel ist es einfach, Tibet zu behalten. Mehr wollen sie nicht. Sie wissen auch nicht, wie man mit Menschen umgeht. Als Beamte eines totalitären Systems glauben sie, dass man die Gesellschaft eines Landes mit Schlägen ändern kann. So versucht die chinesische Regierung seit nunmehr sechzig Jahren, den tibetischen Geist auszulöschen.

Alles, was wir wollen, sind Autonomie, mehr Rechte und mehr Vertrauen. Wenn China uns als kleinem Bruder vertraut, bleiben wir Teil der Volksrepublik. Wir sind schließlich keine Narren. Manche Tibeter sind in dieser Frage allerdings sehr, sehr emotional und bestehen auf der Unabhängigkeit von Tibet.

Vor ein paar Tagen habe ich einen Brief von einem jungen Tibeter erhalten, in dem er mir erklärt hat, dass die Exilregierung von Tibet eine neue politische Führung braucht, welche die Unabhängigkeit von Tibet als politisches Programm hat.

Hier ist die Emotion stärker als der Verstand. Zur Lösung des Tibet-Problems brauchen wir Entschlossenheit und politische Vernunft statt Emotionen. Wir müssen uns sehr anstrengen, um die tibetische Umwelt, Kultur und Sprache zu bewahren.

Tibet liegt in den Bergen im Herzen Zentralasiens. Die Kommunikation gestaltet sich schwierig, die Bevölkerung ist nicht groß. Und was moderne Bildung und Technologie angeht, steht Tibet eher schlecht da. Andererseits ist die religiöse Kultur der Tibeter sehr entwickelt. Wir wollen ein modernes Tibet werden. Wenn die chinesische Regierung unserer Kultur und Religion Vertrauen und Respekt entgegenbringt, wollen wir auch ein Teil von China bleiben und ihre Wirtschaft und ihr Geld teilen.”

BILD: Sie nehmen in Leipzig, der Stadt der friedlichen Revolution, den BILD-OSGAR entgegen. Sehen Sie Parallelen zwischen der Wiedervereinigung Deutschlands und der potenziellen Entwicklung Tibets?

Dalai Lama: „Ostdeutschland ist durch die Sowjetunion entstanden. Was das angeht, gibt es Parallelen. Die Probleme in Tibet sind durch China entstanden und die Zukunft Tibets hängt vollständig von China ab.

In den Jahren 1954/55 habe ich mich mehrmals mit Mao getroffen. Zu der Zeit war China nicht nur vereint, sondern wurde auch von einer Gruppe Menschen geführt, die sich voll und ganz von ihrer Ideologie haben leiten lassen. Dieses China gibt es heute nicht mehr. Heute gibt es ein totalitäres System, mit Polizeikräften und staatlicher Kontrolle, aber ohne eine echte Ideologie. Was sie Sozialismus nennen, ist heute in Wahrheit Kapitalismus. Sie arbeiten völlig gegen die ursprüngliche marxistische Idee, die ich in China studiert habe. Als halber Marxist darf ich mir dieses Urteil erlauben!

Ein totaler Zusammenbruch Chinas, wie er nach der Wiedervereinigung Deutschlands in der Sowjetunion stattgefunden hat, ist nicht wünschenswert. Wenn das passiert, könnte viel Blut vergossen werden. Das will keiner.

Aber die Dinge werden sich definitiv ändern. Lügen-Propaganda kann sich nicht ewig halten. Früher oder später muss die chinesische Regierung die Wahrheit akzeptieren.”

BILD: Bis heute hat kein einziger Staat die Exilregierung der Tibeter anerkannt. Fühlen Sie sich von der Welt im Stich gelassen?

Dalai Lama: „Ich schätze die Haltung des amerikanischen Kongresses und auch die des Europäischen Parlaments sehr, die Tibet als besetztes Land bezeichnen. Tibeter, Inder und viele Gelehrte, die sich mit der Geschichte auskennen, haben Tibet als eigene Nation gesehen. So gesehen ist es ein besetztes Land. Aber das bedeutet nicht, dass wir die Unabhängigkeit wollen. Ich bewundere die Europäische Union. Europa bestand zuerst aus vielen, kleinen Staaten, denen die eigene Souveränität das Wichtigste war. Jedes Land hatte seine eigene Währung: Deutschland die Mark, Frankreich den Franc. Heute haben die europäischen Staaten ein viel breiter gefächertes Interesse, als nur ihren eigenen Staat und ihre eigene Souveränität. Ich bewundere wirklich den Zusammenhalt der Deutschen in Ost und West. Dieser Gedanke muss sich auf ganz Europa ausbreiten und auch auf die Türkei, aber das ist sehr schwierig.

BILD: Sie haben, abgesehen von den USA, kein Land so oft besucht wie Deutschland. Was mögen Sie so an unserem Land?

Dalai Lama: „Nun, Deutschland und Europa sind für mich näher als die USA. Mein erster europäischer, persönlicher Freund, Heinrich Harrer, war ein Deutscher. Dabei haben wir keinen Unterschied gemacht zwischen Österreichern, Schweizern oder Deutschen, wir haben ihn nur „The German” genannt. Diese emotionale Verbindung hat schließlich 1973 zu meinem ersten Besuch auf dem europäischen Kontinent, mit Stationen in England, Österreich und Deutschland geführt. Jetzt freue ich mich auf Leipzig!”

BILD: Vielen Dank, Eure Heiligkeit

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