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"Treffen mit Dalai
Lama helfen China"
taz,
11.12.07
In China
entsteht eine Zivilgesellschaft, die jeden Millimeter Freiheit dem
Regime abpressen muss. Dafür braucht sie die Unterstützung des
Westens, so der Menschenrechtsaktivist und Jurist Teng Biao.

Militärs auf dem
Platz des Himmlischen
Friedens. Foto: dpa
taz: Herr
Teng, ist es gefährlich für Sie, mit westlichen Journalisten zu
sprechen und mit amnesty international zusammenzuarbeiten?
Teng Biao:
Es ist das Risiko wert. Viele Menschen haben
falsche
Vorstellungen von den Entwicklungen in China. Sie denken, dass sich
dort alles zum Guten entwickelt und China immer wohlhabender wird.
Andere meinen, alles wird dort nur noch schlimmer. Beide haben
Unrecht.
Also gibt
es auch Fortschritte?
Ja. In China
entwickelt sich eine Zivilgesellschaft. Viele einfache Bürger fangen
an, die Gesetze für sich zu nutzen, um ihre Grundrechte
durchzusetzen. Mit Hilfe des Internets können sie sich freier
informieren. Es gibt jetzt auch Menschenrechtsanwälte und
-aktivisten.
Teng
Biao ist Juradozent an der Universität in Peking. Er arbeitet
zudem als Rechtsanwalt und ist Direktor der NGO "Open Constitutional
Initiative". Das chinesische Justizministerium zeichnete ihn 2003
als eine der "zehn wichtigsten Persönlichkeiten des Rechtssystems"
aus, Newsweek (Asien) nannte ihn 2005 eine der "Persönlichkeiten des
Jahres". Er vertrat Falun-Gong-Anhänger, Christen, Wanderarbeiter
u.a. vor Gericht.
Foto: taz
Und das ist
neu?
Ja. Im Vergleich
zu vor zehn Jahren hat die Zivilgesellschaft heute mehr Freiräume.
Viele Chinesen kritisieren heute im Internet die Regierung - dafür
wären sie vor zehn Jahren noch ins Gefängnis gekommen. Zwar werden
auch heute noch Internetautoren eingesperrt, aber die Freiräume im
Internet haben sich vergrößert. Ein klarer Fortschritt, der auf die
Aktivitäten tausender Chinesen zurückzuführen ist und nicht auf den
Willen der Kommunistischen Partei.
Was hat
sich verschlechtert?
Die Lage der
Menschenrechte. Wir haben noch immer keine politischen Freiheiten,
um die Grundrechte zu schützen: Keine Meinungsfreiheit, keine
Unabhängigkeit der Justiz, keinen Parteienpluralismus und keine
freien Wahlen. Verglichen mit anderen Staaten hat sich die Lage der
Menschenrechte in China in einigen Bereichen verschlechtert.
Deutschland
setzt auf den deutsch-chinesischen Rechtsstaatsdialog. Hilft das?
Ja, etwa bei der
Ausbildung unserer Anwälte und Richter.
Es hat einige
Änderungen im Rechtssystem gegeben, und dabei war die internationale
Hilfe positiv wie zum Beispiel bei der Reform des Strafrechts. Aber
die politischen Grundstrukturen bestehen weiter. Wir müssen die
Regierung drängen, auch ihre Praxis zu verändern und nicht nur ihre
Gesetze. Aber Chinas Regierung will nur wenig Änderungen.
Chinas
Regierung hat den Rechtsstaatsdialog wegen eines Treffens der
Bundeskanzlerin mit dem tibetischen Dalai Lama gerade ausgesetzt.
Das zeigt, dass
dieser Dialog Chinas Regierung auch als Werkzeug dient, um ihre
Meinung durchzusetzen. Gelingt dies nicht, droht sie wie jetzt im
Fall Deutschlands mit Abbruch der Gespräche. Ich begrüße, dass die
deutsche Kanzlerin den Dalai Lama getroffen hat. Das ist gut und
richtig - wie es auch die Fortsetzung des Rechtsstaatsdialoges wäre.
Helfen
symbolische Akte wie das Treffen der Kanzlerin mit dem Dalai Lama
den Menschenrechten? Oder wäre es besser, auf stille Diplomatie zu
setzen?
Die Kanzlerin hat
sich richtig verhalten. Ein Treffen mit dem Dalai Lama ist eine
Botschaft an die chinesische Regierung, dass sich die Welt um
Menschenrechte in Tibet sorgt. Der Dalai Lama setzt sich friedlich
für die Tibeter und ihre Autonomie ein. Er kämpft nicht mit Gewalt
und nicht für die Unabhängigkeit von China. Ein Treffen mit ihm ist
deshalb nicht nur gut für die Tibeter, sondern auch für die
Chinesen.
Warum?
Wenn Tibeter
radikaler werden als der Dalai Lama, wäre dies für Tibeter wie
Chinesen schlecht. Deshalb sollte sich die Welt stärker um die
Menschenrechte in Tibet sorgen. Ich glaube auch nicht, dass Merkels
Treffen mit dem Dalai Lama den deutsch-chinesischen Beziehungen und
dem Handel sehr schadet. Je mehr Staats- und Regierungschefs den
Dalai Lama treffen, desto besser.
2008 sind
Olympischen Spielen in Peking. Hilft das den Menschenrechten?
Der Regierung
sind die Spiele sehr wichtig. Sie muss deshalb auch gewisse
Fortschritte bei den Menschenrechten erzielen. Deshalb genießen
ausländische Journalisten in China jetzt etwas mehr Freiheiten. Ob
die Spiele auch die Menschenrechtslage der einfachen Bürger in China
verbessern, hängt davon ab, wie wir Chinesen uns selbst verhalten.
Nutzen wir die Zeit bis zu den Spielen nicht für den Einsatz für
unsere Rechte, wird die Regierung unsere Rechte einschränken und die
Zivilgesellschaft strenger kontrollieren. Die Regierung will alles
kontrollieren. So stehen einige Aktivisten unter Hausarrest und
Petitionssteller, die bei den Behörden Eingaben gemacht haben, sind
verhaftet worden. Wir brauchen eine klare Botschaft der
internationalen Gemeinschaft.
Wie soll
die Botschaft aussehen?
Der chinesischen
Regierung deutlich sagen, dass die Olympischen Spiele keine Ausrede
für Menschenrechtsverletzungen sein dürfen und dass wenn sie sich
nicht an ihre eigenen Versprechen, die eigene Verfassung und die
Gesetze hält, sie das Recht auf die Spiele verliert.
INTERVIEW: SVEN HANSEN |