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Stachlige Hilfe
© ZEIT online
12.6.2007
China versucht,
das annektierte Tibet mit großem Aufwand zu entwickeln. Doch viele
Projekte schaden der Bevölkerung mehr, als dass sie ihr nutzen.
Ein
Augenzeugenbericht

Solche
Häuser werden in tibetischen Städten für arme Bauern vom Land
gebaut. Doch die wollen lieber bei ihren Äckern bleiben - die Häuser
stehen leer
© Privatfoto
Nur selten
können westliche Besucher ohne offizielle Begleitung nach Tibet
reisen. Der Autor arbeitet für eine deutsche
Entwicklungshilfeorganisation in China und besuchte kürzlich eine
Provinz Tibets, um dort Vertreter örtlicher Hilfsorganisationen zu
treffen. Zum Schutz vor Repressalien der lokalen chinesischen
Behörden möchte er anonym bleiben. Aus diesem Grund sind auch alle
Ortsbezeichnungen und Namen geändert.
Wir fahren durch
die Vororte von Serxü, auf Chinesisch Shiqu, einer kleinen
Kreisstadt in einem Gebiet, das früher ein Teil der tibetische
Region Khampa war. Nach der Besetzung und Annektion Tibets 1950
wurde Khampa auf die chinesischen Provinzen Yunnan, Sichuan, Qinghai
sowie die „Autonome Region Tibet“ aufgeteilt. Deswegen liegt Serxü
nun in Sichuan. Aus den Lautsprechern des Autos dröhnt aber indische
Filmmusik. Die jungen Tibeter lieben sie viel mehr als chinesischen
Pop.
Unser Jeep
rumpelt mit unverminderter Geschwindigkeit weiter. Ich bitte Kesang
Nobo, der eigentlich Mitarbeiter einer tibetischen NGO, aber heute
mein Fahrer ist, etwas langsamer zu fahren, falls Kinder auf die
Fahrbahn laufen. Denn hier kommen nicht oft Autos vorbei. „Nicht
nötig“, erwidert Kesang Nobo, „das hier ist noch so ein Dorf …“
Noch so ein
Dorf: Das heißt, hier wohnen umgesiedelte Tibeter. Jemand in der
Kreisregierung muss bei der Durchsicht der Armutsstatistiken
festgestellt haben, dass die Stadtbevölkerung mehr verdient als die
Bauern mit Feldern in über 3500 Metern Höhe und die Nomaden. Also
werden Landbewohner zur Armutsminderung an den Rand einer Kreisstadt
umgesiedelt. Baumaterial stellt die Regierung, die Arbeitskraft der
Bauer oder Nomade. Nur, erzählt Kesang Nobo, ist es aber leider so,
dass der Bauer oder Nomade seine Felder und seine Yaks immer noch
oben auf dem Berg hat. Und deswegen die neue Wohnung wieder
verlässt, sobald er feststellt, dass es für ihn in der Kreisstadt
keinerlei Einkommensquellen gibt. Die neu errichteten Häuser stehen
tatsächlich alle leer.
Dies ist kein
Einzelfall. Bei dem Besuch verschiedener tibetischer Partner-NGOs
mussten wir, Mitarbeiter einer deutschen
Entwicklungshilfeorganisation, immer wieder feststellen, dass die
mit guten Absichten begonnenen Maßnahmen zur „Entwicklung
Westchinas“, wovon der tibetische Kulturraum einen großen Teil
einnimmt, häufig ins Leere laufen. Oder sie schaden der Bevölkerung
mehr, als dass sie ihr nutzen. Das liegt zum einen daran, dass die
einzelnen Maßnahmen nicht sorgfältig genug geplant werden. Und zum
anderen daran, dass der betroffenen Bevölkerung keine
Mitspracherechte eingeräumt werden.
Einige Beispiele
Weil in den
sechziger und siebziger Jahren ganze Regionen Tibets unter der
Verwaltung der Volksbefreiungsarmee standen und in dieser Zeit
völlig kahl geschlagen wurden, sind dort nun Erosion und in den
chinesischen Landesteilen verheerende Überschwemmungen die Folge.
Die Zentralregierung beschloss deshalb eine großflächige
Wiederaufforstung. An sich eine gute Maßnahme. Die dafür
vorgesehenen Hektarzahlen werden auf jede Regierungsebene
umgerechnet und schließlich den einzelnen Kreisen zugeteilt. Da das
für die Aufforstungsprogramme vorgesehene Geld aber in aller Regel
auf ebendiesem Wege verloren geht oder der zuständige Kreisbeamte
kein Interesse an der Sache hat, werden nicht die
erosionsgefährdeten Hänge bepflanzt. Denn das wäre schwierig und
kostenintensiv. Stattdessen wird das Weide- und Ackerland der
tibetischen Bauern und Nomaden unten im Tal bepflanzt, das ist viel
einfacher und billiger.
Als wir uns eine
solche „wieder aufgeforstete“ Fläche in Garze anschauen, erfahren
wir, dass keiner der ansässigen Bauern wusste, welche Pflanze sie
hier eigentlich gepflanzt haben und ob aus den etwa 40 cm hohen,
stacheligen Setzlingen später einmal Büsche oder Bäume werden. Nur
dass sie ihr Ackerland verloren haben, ist den Bauern klar. Übrigens
hatte keiner von ihnen eine solche Pflanze schon einmal gesehen,
bevor sie von chinesischen Lastwagen tonnenweise ins Tal gebracht
wurden. Auch die Kreisverwaltung war nicht in der Lage, den Namen
des nun das ganze Tal bedeckenden Gewächses anzugeben. Man wies uns
aber vorsorglich gleich noch darauf hin, dass ein etwaiges
Herausreißen der Stachelgewächse unbedingt strafrechtliche
Konsequenzen nach sich ziehen würde ...
Ein weiteres
wichtiges Beispiel für Fehlplanung und das Versagen der chinesischen
"Entwicklungshilfe" in den tibetischen Gebieten ist die
Schulbildung. Die Regierung in Peking hat in vielen Dörfern schöne
neue Schulgebäude errichten lassen und diese gut ausgestattet. Sie
schickt Lehrer mit Abschlüssen pädagogischer Hochschulen, denen sie
sogar noch Härtezulagen bezahlt. Und das wichtigste für die arme
Landbevölkerung war, dass seit dem Herbst 2004 für die neun
schulpflichtigen Jahre alle Gebühren abgeschafft wurden. Trotzdem
fragte uns bei einer Dorfversammlung in Kaimar der Dorfvorsteher
Tsewang Gylshen, wieso sie denn nun auf einmal 180 Renimbi
(umgerechnet 18 Euro) pro Monat als Schulgebühr für jedes
Grundschulkind bezahlen müssten. Bei einem durchschnittlichen
Einkommen von vielleicht 60 Euro pro Jahr ist das für die meisten
Dorfbewohner unerschwinglich.
Überhaupt war
Tsewang Gylshen mit der Schule sehr unzufrieden: Sein Sohn gehe nun
schon vier Jahre dorthin und könnte noch immer nicht seinen eigenen
Namen schreiben, geschweige denn Chinesisch sprechen. Das
Mittagessen für die Kinder sei auch schlecht …
Tsewang Gylshen
hatte sich bereits bei der Kreisregierung erkundigt. Dort hatte man
ihn aber nur zurückgefragt, ob er sich wohl gegen die Regierung
auflehnen wollte. Woraufhin er natürlich nichts mehr hatte sagen
können.
Da wir auf
unserer Rückfahrt an der Grundschule vorbeikamen, machten wir dort
Halt, um uns einen eigenen Eindruck zu verschaffen. Kann Unterricht
wirklich so schlecht sein? Zunächst fiel die überdimensionierte
Tafel am Eingang auf, auf der – auf Chinesisch – genau verzeichnet
stand, mit welchen Beträgen welche Mengen Nahrungsmittel gekauft
worden seien. Nachdem wir die klemmende Tür des ersten
Klassenzimmers aufgestoßen hatten, empfing uns völlige Stille. Die
Lehrerin wollte auch partout nicht mit ihrem Unterricht fortfahren.
Erst die Nachfrage, warum denn manche der Kinder chinesische und
andere tibetische Schulbücher aufgeschlagen vor sich liegen hätten,
ergab, dass hier gerade „Selbststudium“ stattfand.
Im zweiten
Klassenzimmer herrschte dagegen ein Höllenlärm, immer zwei Schüler
kamen nach vorne und grölten die erste Strophe eines chinesischen
oder tibetischen Pop-Songs, bevor sie von der Lehrerin mit einem
kleinen Stöckchen wieder auf ihre Plätze getrieben wurden – ihre
Anweisungen (auf Chinesisch) wie „Setz dich“ oder „Du nicht“ konnten
die Schüler offensichtlich nicht verstehen. Auf unsere Frage
erfuhren wir, dass hier gerade „Musik“ unterrichtet wurde.
Bevor wir in die
dritte Klasse weitergehen konnten, kam der örtliche Parteisekretär
und sagte uns, dass er uns dafür, dass wir, zumal ohne seine
Erlaubnis, in die Schule eingedrungen seien und Fotos gemacht
hätten, verhaften könnte. Angesprochen auf die 180 Renimbi
Schulgebühr hielt er eine kleine Rede. Er erklärte uns, dass
tibetische Eltern eben kein Verständnis für langfristige
Investitionen in Bildung hätten und immer nur auf unmittelbare
materielle Vorteile aus seien. Zum Beispiel schickten sie ihre
Kinder lieber auf die Suche nach Pflanzen für die traditionelle
tibetische Medizin als in die Schule.
Eine später von
uns durchgeführte Untersuchung ergab allerdings, dass seit dem Jahr
1983 kein einziger Schüler aus dieser Schule die Aufnahmeprüfung in
eine Mittelschule geschafft hat. Unterricht kann also tatsächlich so
schlecht sein, wobei das Schlimme an der Sache ist, dass dort, wo es
staatliche Schulen gibt, private oder – bewahre! – religiöse Schulen
behindert oder ganz verboten werden. Somit bietet sich für die
Eltern und Kinder kein Ausweg.
Die „drei
Verbindungen“
Unter den drei
Verbindungen wird in China das Legen von Strom-, Wasser- und
Gasanschlüssen verstanden. Wörtlich übersetzt aus dem Chinesischen
heißt es aber "verbinden-Strom", "verbinden-Wasser" und "verbinden-Herd".
Da nach der Okkupation Tibets durch China die geistliche und
weltliche Elite vertrieben oder ermordet wurde und die Schulbildung
miserabel ist, hat die Kreisverwaltung in Dege das „verbinden-Herd“
leider nicht so verstanden, als dass Holz als Brennmaterial nach
Möglichkeit zu ersetzen wäre, sondern sie dachte, dass damit gemeint
wäre, dass jeder Ofen in jedem Privathaushalt einen Schornstein
haben müsste. Da für die Tibeter der Herd jedoch der Sitz des
Herdgottes und somit heilig ist (und zum Beispiel beim Besuch in
einem fremden Haus nicht berührt werden darf), gab es in den Dörfern
großen Widerstand gegen den angeordneten Abriss der alten Herde.
So sah sich die
Regierung schließlich dazu gezwungen, unter Gewaltanwendung den
Familien die Herde aus den Häusern zu reißen. Nun stehen in allen
Häusern neue Herde mit Ofenrohren, die allerdings so schlecht
ziehen, dass man in der Küche vor lauter Qualm fast nicht die Augen
offen halten kann. Wir haben dann aber lieber darauf verzichtet,
wegen dieser Angelegenheit bei der Kreisregierung nachzufragen; wir
wollten das mit der Verhaftung ja nicht gerade herausfordern.
Die drei
Beispiele belegen das Versagen vieler sogenannter chinesischer
Entwicklungshilfeprojekte in Tibet. Da deren Zielgruppe kein
Mitspracherecht bei der Planung und Umsetzung hat, kommt es immer
wieder dazu, dass trotz hoher finanzieller Aufwendungen die
anvisierten Ziele verfehlt werden.
Der Besuch in
Khampa hat gelehrt, dass es hier vielerorts sogar besser gewesen
wäre, wenn die Kreisregierung anstelle der Armutsbekämpfungs-,
Grundschulbildungs- oder Umweltschutzmaßnahmen lieber noch mehr
Dienstfahrzeuge für ihre schlecht motivierten oder schlichtweg
unfähigen Beamten gekauft hätte. Deren lange Kolonnen von
Toyota-Jeeps sind zwar schon jetzt so ziemlich die einzigen
Fahrzeuge, außer ein paar stark rußenden Lastwagen, die einem in
Tibet begegnen. Aber ein paar mehr Wagen hätten wenigstens niemandem
geschadet.
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