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Spitzel
auf dem Dach der Welt
Frankfurter Rundschau, FR-online.de, 24.04.2007
Zwei
Tage lang waren wir im Zug aus der chinesischen Provinz Qinghai nach
Lhasa unterwegs gewesen. Unsere Reise hatten wir, zwei
Korrespondenten und ein mexikanischer Begleiter, bei einem
offiziellen Reisebüro gebucht. Unser Ziel ist das Basislager des
Mount Everest, zwei Tagesreisen im Jeep von Lhasa entfernt. Dort
bereiten sich, auf 5200 Metern Höhe, die internationalen
Bergsteigergruppen auf die Erklimmung des höchsten Berges der Erde
zu. Ein politisch harmloses Thema. Doch für die Behörden in Tibet,
die fast nie ausländische Journalisten in das Himalajaland lassen,
sind wir dennoch ungebetene Gäste.
Wir merken das erst, als wir im Jeep nach Shigatse sitzen, der
zweitgrößten Stadt Tibets und dem Sitz des Panchen Lama. Über den
kargen Bergen links und rechts der Straße leuchtet der sattblaue
Himmel. Im Fond des alten Toyota-Jeeps haben wir Zelte, Proviant und
einen Kocher gelagert. Kurz vor Shigatse stoppt uns eine schwarze
Limousine. Ein Mann mit Sonnenbrille, der sich als "Inspekteur des
tibetischen Tourismusbehörde" ausgibt, steigt aus. "Sofort zurück
nach Lhasa fahren", erklärt er. Unser Handy klingelt, es ist der
tibetische Besitzer des Reisebüros, bei dem wir die Jeepfahrt
gebucht haben. "Bitte kommen sie zurück. Sie wissen, dass ihr
Journalisten seid. Sie drohen damit, meine Firma zu schließen",
fleht er.
Beschwerden sind zwecklos
Am Abend treffen wir zum ersten Mal Herrn Chen. Die Firma, bei dem
wir die Jeepreise gebucht hätten, habe nicht die nötigen Papiere,
erklärt er. Herr Chen lächelt, denn auch er weiß, dass dies ein
Vorwand ist, um unsere Recherchen zu verhindern. Wie sollen wir
jetzt zum Basislager kommen? "Sie dürfen nur mit meiner Firma
reisen", erklärt er. Das koste doppelt soviel, und wir müssten drei
Tage warten. Und wenn wir uns bei den Behörden beschweren? "Das wird
ihnen nichts nützen", sagt Herr Chen.
In einem Nachbargebäude sehen wir, wie Zivilpolizisten den
tibetischen Fahrer und den Besitzer der Reisebüros verhören. Der
Fahrer muss 5000 Yuan Strafe zahlen, für viele Tibeter ist das ein
Jahreslohn. Ein Mann kommt auf uns zu, flüstert: "Sie wissen alles
über euch. Sie haben jede Taxinummer aufgeschrieben, mit dem ihr
gefahren seid. Sie verfolgen euch."
Als wir am Morgen das Hotel in der Altstadt verlassen, läuft ein
Mann in einem roten Jackett hinter uns her. Wir biegen in
Seitenstraßen ein, wechseln die Richtung. Ein zweiter und ein
dritter Mann verfolgen uns. Einer spricht in den Kragen seiner
braunen Jacke. Nach ein paar Minuten wird uns klar, dass wir umringt
sind von Geheimpolizisten. Sobald wir mit einem Tibeter reden, tritt
kurz darauf einer der Männer auf ihn zu, um ihn auszuhorchen. Selbst
im Restaurant versuchen die Spitzel, vom Nachbartisch unsere
Gespräche abzuhören. Am nächsten Tag wird die Überwachung noch
stärker. Wir überlegen, mit dem Bus nach Shigatse zu fahren. Kaum
sitzen wir im Taxi, hält eine Polizeikontrolle unser Auto an. Der
Fahrer wird verhört. Im Busbahnhof erklärt eine Angestellte: "Sie
dürfen nicht mit dem Bus nach Shigatse. Wir verkaufen ihnen kein
Ticket."
Ein halbes Jahrhundert nach dem Einmarsch der chinesischen Armee
regiert Peking Tibet wie ein besetztes Land. Militärkasernen prägen
das Gesicht der Städte. Alle wichtigen Positionen in Politik und
Verwaltung sind mit Han-Chinesen besetzt.
Menschenrechtsorganisationen berichten von Folter und willkürlichen
Gefängnisstrafen, mit denen tibetische Mönche und Nonnen unterdrückt
werden. Im Ausland soll das niemand erfahren. Als einzige Region in
China brauchen ausländische Besucher neben dem Visum eine
Sondergenehmigung für die Einreise nach Tibet. Journalisten bekommen
diese Genehmigung fast nie.
Am Abend vor der geplanten Abfahrt zum Basislager ruft Herr Chen an,
um die Reise abzusagen. Die Polizei habe den Reiseausweis unseres
mexikanischen Begleiters eingezogen. Als wir am nächsten Morgen zur
Polizeistelle gehen, will uns niemand empfangen. Die Beamten seien
in einer Besprechung, heißt es. Im Hotel erklärt man uns, dass wir
abreisen müssten. "Sie bringen uns Probleme", sagt der nepalesische
Wirt.
Wir gehen zum Amt für Auswärtige Angelegenheiten, das in China für
Journalisten und Diplomaten zuständig ist. "Sie sind nur als
Touristen hier. Sie dürfen nichts berichten", erklärt eine
unfreundliche Frau. Ihre Visitenkarte will sie uns nicht geben. Wir
rufen Herrn Chen an und erklären, dass wir Tibet verlassen wollen.
Innerhalb von zehn Minuten bringt ein Fahrer den Reiseausweis
unseres mexikanischen Freundes und die Bestätigungen für die Flüge.
"Sie wollen nicht mehr zum Basislager fahren?", fragt Herr Chen am
Telefon. Er klingt zufrieden |