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Schweine, Tibet-Sympathie und die Regierung - alles verboten!


Die Welt.de, 03.02.07

Zensur in China

Die Zensur ist in China allgegenwärtig und treibt mitunter äußerst seltsame Blüten. Entwicklungshelfer Wolf Kantelhardt, der in Peking lebt, erzählt auf WELT.de, warum man die chinesische Regierung nicht mehr in Suchmaschinen eingeben sollte, und wie ihm die Zensoren sogar die Fußball-WM vermiesten.

Von Wolf Kantelhardt

Problem-Schwein: Das Symbol des nächsten chinesischen Jahres wird nicht im Fernsehen gezeigtProblem-Schwein: Das Symbol des nächsten chinesischen Jahres wird nicht im Fernsehen gezeigt
Foto: dpa

Zum ersten Mal aufmerksam auf das Thema Zensur wurde ich noch während meiner Studienzeit. Ich blätterte im Pekinger Freundschaftsladen den "Economist" vom 22. Februar 2001 durch und konnte den auf der Titelseite angekündigten Artikel "Beijing's Olympic Bid" auf Seite 35 nicht finden, weil die ganze Seite 35 fehlte. Sie war fein säuberlich mit einer Rasierklinge herausgeschnitten worden.

Wer entscheidet, wann ein Artikel herausgeschnitten werden muss? Vor meinem geistigen Auge sah ich eine große Halle. An Hunderten von Schreibtischen sitzen Menschen mit den breiten Gesichtern der ländlichen Wanderarbeiter und schneiden in einer Zeitschrift, in der sie nicht ein einziges Wort lesen können, überall die Seite 35 aus. Sehr behutsam natürlich, schließlich kostet ein Exemplar dieser Zeitschrift umgerechnet hier in China 5,50 Euro, und damit über ein Zehntel des Monatslohns eines Wanderarbeiters.

Als meine Frau dann Mitte Januar dieses Jahres im Fünfsternehotel "Harbour Plaza" in Kunming in ihrem 55-Euro-pro-Tag-Zimmer CNN schaute, weil wir das in Peking, wie alle chinesischen Haushalte, nicht empfangen können, begann gerade ein Bericht über Internet-Zensur in China. Plötzlich wurde der Bildschirm schwarz. Nach vielleicht 20 Sekunden kam das Bild wieder, ein Interview mit einem chinesischen Internet-Polizisten, der gerade dabei war, irgendwelche Bikinimädchen aus dem Internet herauszufischen. Als wieder der CNN-Ansager kam, wurde der Bildschirm erneut schwarz, bis das nächste Interview begann, und so weiter.

Können sich die Zensoren nicht denken, dass so ein Bericht einen wesentlich besseren Eindruck hinterlässt, als auf einen schwarzen Bildschirm starren zu müssen? Das regt doch nur die eigene Fantasie an, und man malt sich fälschlich aus, CNN hätte irgendwelche erschreckenden neuen Fakten recherchiert.

Meine Fragen an die Zensoren vermehrten sich weiter, als ich am 15. Januar diesen Jahres in einem Radio-Free-Asia-Bericht las, dass der Wortlaut "Central Government of the People's Republic of China" auf der China-Telecom-Nachrichtenplattform als "sensitive phrase" eingestuft wurde. Die Suche nach diesem Begriff ergibt daher nur "can only provide news search service". Ich kann mir die enttäuscht-wütenden Gesichter chinesischer Internet-Nutzer sehr gut vorstellen.

Meine Frau und ich hatten zum Achtelfinale der Fußball-WM einen chinesischen Freund in das deutsche Restaurant "Schindlers" eingeladen. Dort lief das Spiel gleich auf zwei Leinwänden, einmal vom chinesischen Staatsfernsehen, einmal von einem englischen Sender via Satellit. Gleich zu Spielbeginn mussten wir feststellen, dass die chinesische Live-Übertragung genau 30 Sekunden verzögert lief. Die Zensoren sollten Zeit haben, eventuelle chinafeindliche oder tibetfreundliche Äußerungen herauszuschneiden. Das drückte sehr auf die Stimmung. Bei uns, weil es noch sinnloser als ohnehin schon schien, Ballack anzufeuern, wenn man gleichzeitig von der anderen Seite des Raums her ein "Oooooch!" hört und weiß, dass er in genau 30 Sekunden daneben schießen wird. Und bei unserem chinesischen Freund, weil er feststellen musste, was ihm das Staatsfernsehen als "Direktübertragung" andreht. Wie er in dem Moment schaute, genau diesen Ausdruck meine ich.

Nach dem traditionellen chinesischen Kalender beginnt am 18. Februar das Jahr des Schweins. Jetzt sind alle Darstellungen von Schweinen in der Werbung im Staatsfernsehen verboten worden - aus Rücksicht auf die "kulturellen Gewohnheiten" der etwa 18 Millionen chinesischen Muslime und um "ethnische Spannungen" zu vermeiden. Mir scheint, dass es zum Vermeiden ethnischer Spannungen besser wäre, im überwiegend von der muslimischen Minderheit der Uiguren bewohnten Autonomen Gebiet Xinjiang etwas weniger Chinesen anzusiedeln, etwas weniger Bodenschätze abzubauen, etwas mehr Minderjährigen den Zutritt zu Moscheen zu gestatten oder etwas mehr Herren mit Vollbart den Eintritt in den Staatsdienst, zum Beispiel als Lehrer, zu ermöglichen.

Nun ist es natürlich nicht die Aufgabe der Zensoren, solche Reformen anzuregen, aber da alle Chinesen derzeit Haus- und Ladentüren mit Schweinebildern bekleben und Supermärkte von Schweineartikeln, Kalendern, Grußkarten und Geschenkpackungen förmlich überquellen, ist der Sinn des Fernsehwerbeverbots nicht unmittelbar ersichtlich. Viel interessanter ist noch die Frage, ob diese Regel auch dazu führen wird, dass auf den Websites des Central Government of the People's Republic of China (www.gov.cn) kein Schweinkram mehr zu sehen sein wird?

Der Autor arbeitet als Entwicklungshelfer in Peking.

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