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Dalai Lama:
Referendum statt Reinkarnation
Taz.de, 28.11.07
Tibetischer Führer will Nachfolger wählen lassen, damit Peking
Findung seiner Reinkarnation nicht manipulieren kann
DELHI
taz
Gemäß
tibetischer Tradition müssen Reinkarnationen früherer Dalai oder
Pantschen Lamas in einer komplexen Prozedur von Orakeln und Ritualen
identifiziert werden. Ist nach langer Suche die Reinkarnation
endlich gefunden, muss der Auserwählte weitere Prüfungen bestehen.
So geschah es beim heutigen Dalai Lama. Der Knirps in einem
osttibetischen Dorf begrüßte die als Händler verkleideten Lamas,
identifizierte die mitgebrachte Gebetsschnur, den Stock und die
Brille des 13. Dalai Lama, bevor er in Lhasa als 14. Reinkarnation
eingesetzt wurde.
So geschah es auch
1995, als der Dalai Lama in einem ähnlichen Prozess einen
sechsjährigen Knaben als 11. Pantschen Lama einsetzte, den
zweithöchsten Würdenträger im tibetischen Buddhismus. Er hatte dabei
Chinas Führung ausgespielt, die selbst einen Findungsprozess
eingeleitet hatte, um einen ihr genehmen Nachfolger zu finden.
Peking erkannte den vom Dalai Lama eingesetzten Pantschen jedoch
nicht an, nahm den kleinen Choekyi Nyima in Hausarrest und fand
einen anderen Pantschen im Sohn eines KP-Kaders.
Nyima ist
seither verschwunden.
Als höchster tibetischer Würdenträger
genießt der Dalai Lama hohes internationales Ansehen - seine einzige
Waffe. Offenbar will Chinas Führung warten, bis der 72-Jährige
stirbt, bevor sie der "spalterischen Clique" am Exilsitz im
indischen Dharamsala endgültig den Garaus macht. Im August
dekretierte sie, sein Nachfolger müsse von Peking genehmigt werden.
Auch der Dalai Lama weiß, wie wichtig
er für das Überleben der tibetischen Kultur ist. Am Dienstag schlug
er vor, seinen Nachfolger statt per Orakel durch Volksabstimmung zu
bestimmen. Im indischen Amritsar sagte er: "Wird meine körperliche
Kondition schwach, sollten ernsthafte Vorbereitungen für ein
Referendum getroffen werden." Letzte Woche hatte er in Japan
erklärt, wenn die Tibeter den Dalai-Lama-Brauch behalten wollten,
könne er sich eine Nachfolgewahl zu Lebzeiten vorstellen. Für einen
Führer, der kurz nach der Flucht 1959 eine demokratische Struktur
für die Exilgemeinde etablierte und sogar seine Absetzung oder
weibliche Reinkarnation vorsah, ist das nur logisch. "Falls China
nach meinem Tod einen Nachfolger bestimmen würde, würde ihn das
tibetische Volk nicht unterstützen", erklärte er. Der plötzlich
traditionsbewusste Pekinger Außenamtssprecher sagte am Dienstag
gereizt, eine Wahl des Dalai Lama "widerspricht den religiösen
Bräuchen und historischen Traditionen".
BERNARD
IMHASLY |