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Pressekommentare zur
anhaltenden Diskussion
Verlässliche Partner gesucht
Frankfurter
Allgemeine Zeitung, 26.11.07
Von Klaus-Dieter
Frankenberger
Die Asien-Strategie, die kürzlich die Bundestagsfraktion der Union
vorgestellt hat, ist mindestens in zweierlei Hinsicht bemerkenswert:
Erstens setzt sie nicht Asien mit China in eins, sondern nimmt die
Fülle der asiatischen Akteure in den Blick. Und zweitens erhebt sie
die Suche nach verlässlichen Partnern dort in den Rang eines
langfristigen deutschen und europäischen Interesses. Solche
Partnerschaften könnten auf Dauer nur auf der Basis gemeinsamer
Werte und Überzeugungen gedeihen.
Diese Feststellung stößt natürlich bei jenen auf Widerspruch, die
Außenpolitik allein unter den Primat realpolitischer
Interessenmaximierung stellen oder/und die, aus welchen Gründen auch
immer, gerne den Standpunkt Moskaus oder Pekings übernehmen. In
seiner mittlerweile bekannten Berliner Rede hat der oberste deutsche
"spin doctor" der Politik des russischen Präsidenten, der frühere
Kanzler Schröder, nicht nur über die (angebliche) Emotionalität
seiner Nachfolgerin Merkel gelästert und an die Abhängigkeit
Deutschlands von russischer Energie erinnert.
Verräterisches Gezeter wegen des Dalai-Lama-Empfangs
Er hat darüber hinaus maliziös eine Verbindung gezogen von den "Neocons"
in Washington zu den "Old Cons" in der Union, um sie so zu
diskreditieren, weil jene gefährlich, unwissend und plemplem seien.
Das hat Schröder so nicht gesagt, aber die Suggestion war
offenkundig.
Frage also: Ist es wirklich ein Fehler, die Verletzung von
Menschenrechten anzuprangern und eben nicht jedwedes autoritäre
Gebaren zu bemänteln? Schadet es wirklich unseren Interessen und
vernünftigen internationalen Beziehungen, wenn man nicht den Kotau
macht vor autoritären Herrschern und kommunistischen Diktatoren?
Es verrät einiges über die Gesinnung der Mächtigen in Peking, wenn
sie wegen des Empfangs des Dalai Lamas hier und anderswo im Westen
ein solches Gezeter veranstalten und das geistliche Oberhaupt der
Tibeter als gefährlichen Separatisten darstellen - es waren die
chinesischen Kommunisten, die sich Tibet einverleibten und dort eine
gnadenlose Kolonialisierungspolitik betreiben.
Es hat etwas Serviles, wenn führende Vertreter der deutschen
Wirtschaft Respekt für die kulturellen Besonderheiten der
chinesischen Entwicklung verlangen; denn das kann im
Alltag(sgeschäft) nur bedeuten, sich selbst Zurückhaltung
aufzuerlegen gegenüber einem Regime, dem während der
Kulturrevolution Millionen zum Opfer fielen und das mit der
Demokratiebewegung kurzen Prozess machte. Auf welche kulturellen
Besonderheiten soll man eigentlich Rücksicht nehmen?
Desillusionierung im russisch-westlichen Verhältnis
Fair soll auch die Auseinandersetzung mit Russland sein. Dem ist
nicht zu widersprechen. Aber das kann nicht darauf hinauslaufen,
dass man über die imperiale Nostalgie in Moskau psychologisiert oder
die knüppelharte Rückkehr zu autoritären Verhältnissen darauf
zurückführt, dass Russland eben keine Erfahrung mit der Demokratie
habe. Man soll und darf das Russland des Wladimir Putin nicht
dämonisieren; ein Gegner, gar ein Feind des Westens ist es (noch)
nicht - und dass der Westen nach dem Zerfall der Sowjetunion im
Umgang mit dem Kernland Fehler gemacht hat, ist nicht zu bestreiten.
Die Desillusionierung im russisch-westlichen Verhältnis hat sich
nicht nur eine Seite zuzuschreiben. Aber es ist nicht zuletzt das
machtpolitisch bestimmte Auftreten Moskaus im Innern wie nach außen,
das wesentlich zu dieser Desillusionierung beigetragen hat.
Die konfrontative antiwestliche, vor allem antiamerikanische
Rhetorik, mit der Putin seinen Wahlkampf bestreitet, das
Wiederbeleben der Bilderwelt des Kalten Krieges nicht zuletzt in der
Absicht, Keile zwischen Amerika und Europa sowie zwischen die
Europäer zu treiben, die Rückkehr zu klassischer Großmachtpolitik -
das alles macht die Zusammenarbeit schwieriger. Und gibt einen
Hinweis, wie diese Zusammenarbeit vernünftigerweise betrieben
werden soll: pragmatisch und nicht in der Überhöhung als
strategische Zusammenarbeit, denn dafür fehlt eben der "Überbau" an
ideellen Gemeinsamkeiten. So wie im Verhältnis zu China.
Profilierungsbedürfnis in der Außenpolitik
Aus der Kontroverse um den Empfang des Dalai Lamas im Kanzleramt und
dem Streit zwischen Union und Außenminister darüber, was moderne
Außenpolitik ist und wo Beschwichtigung und Leisetreterei anfangen,
spricht natürlich parteipolitisches Profilierungsbedürfnis. In einer
Koalitionsregierung ist das nun mal so. Aber es geht darüber hinaus
um Grundsätzliches, um das Selbstverständnis dieses Landes. Welche
Ziele sollen sein Handeln (und Unterlassen) leiten? Etwa entgangene
Aufträge?
Es ist naiv, an die Außenpolitik allein mit idealistischen
Erwartungen heranzugehen. Das geht oft nicht über deklaratorische
Politik hinaus – und erspart den Kompromiss am Ende doch nicht. Das
Gegenteil, sich ausschließlich von den realpolitischen Verhältnissen
leiten zu lassen, ist oft zynisch und endet nicht selten in
Beschwichtigung. Beides gehört zusammen. Schröder hatte seinerzeit
gesagt - es ging um den Irak-Krieg -, nicht in New York werde
entschieden, sondern in Berlin. Für eine Regierung, die partout in
den UN-Sicherheitsrat wollte, war das bemerkenswert. Richtig ist
jedenfalls, dass nicht in Peking entschieden wird, wen eine deutsche
Kanzlerin empfängt.
Fremde Federn: Chinas
Empfindlichkeit nicht genug bedacht
Südwest-Presse, 24.11.07:
EBERHARD SANDSCHNEIDER
Tibet ist kein Kernthema deutsch-chinesischer Beziehungen. Auch das
Treffen der Kanzlerin mit dem Dalai Lama wird daran nichts ändern.
Ganz offensichtlich wurden die Auswirkungen eines solchen Empfangs
auf die deutsch-chinesischen Beziehungen falsch eingeschätzt. Die
chinesische Seite hat es nicht bei einigen verbalen Noten bewenden
lassen, um dann zügig zur Tagespolitik zurückzukehren.
Die chinesische Verärgerung muss man nicht akzeptieren, wohl aber
muss man versuchen sie zu verstehen. Aus chinesischer Sicht sind
alle Fragen, die nationale Souveränität berühren, hoch sensitiv. Aus
deutscher Sicht sollte man auf solche Sensibilitäten achten, da man
es mit einem wichtigen Verhandlungspartner zu tun hat. In Peking
zeigt man sich vor allem verärgert über den Vertrauensbruch, den die
Kanzlerin aus chinesischer Sicht begangen hat. Letztlich ist Angela
Merkel mit der chinesischen Führung das passiert, was sich ihr
Vorgänger, Gerhard Schröder, mit dem US-Präsidenten geleistet hat.
Unterschiedliche Auffassungen zu haben ist kein Problem, wenn man
die Kritik konstruktiv vorträgt. Der letzte sehr erfolgreiche Besuch
der Kanzlerin in Peking ist dafür ein beredter Beweis. Der
chinesische Ministerpräsident hat sich große Mühe gegeben, ihr das
Gefühl zu vermitteln, dass sie ein wichtiger Gesprächspartner ist.
Ihr Treffen mit dem Dalai Lama hat ihn in eine schwierige Situation
gebracht.
Die deutsche Bundesregierung wäre besser beraten gewesen, die
Sensibilitäten eines wichtigen Partners zu beachten, bevor
Entscheidungen getroffen werden, die langfristig Schaden nach sich
ziehen werden. Das betrifft auch die deutsche Wirtschaft. Die
Verhandlungen mit chinesischen Partnern werden mühsamer sein und am
Ende werden die Abschlüsse vielleicht andere machen. Briten und
Franzosen stehen in den Startlöchern. Der französische Präsident
Sarkozy wird bei seinem Chinabesuch die Ernte verfehlter deutscher
Chinapolitik zugunsten französischer Investoren einfahren können.
Unterm Strich bleibt eine nüchterne Feststellung: Der symbolische
Akt des Treffens mit dem Dalai Lama hat Kosten für die
deutsch-chinesischen Beziehungen verursacht, die zu hoch sind. Jetzt
muss es in deutschemm Interesse liegen möglichst schnell dafür zu
sorgen, dass die Kommunikations- und Kooperationskanäle wieder
geöffnet werden. Derjenige, der das am besten kann, scheint der
Außenminister und Vize-Kanzler zu sein.
Eberhard Sandschneider ist
Professor für die Politik Chinas an der Berliner FU.
Deutsche Außenpolitik
Die Welt, 22.11.07
Diener einer Herrin
Merkels Außenpolitik der Moral kann kritisiert werden -
die Frage ist jedoch wie, wo und von wem. Schröders Angriffe auf die
Kanzlerin sind skandalös.
von Malte Lehming
Streit muss sein. Von der Sterbehilfe über den Mindestlohn bis zur
Russlandpolitik, die zentralen Belange einer Gesellschaft gehören
auf den Prüfstand des Diskurses. Man kann also sehr wohl der Meinung
sein, dass Angela Merkel zu große Distanz walten lässt gegenüber
Wladimir Putin und Hu Jintao. Man kann es für falsch halten, dass
sie in ihrem Amtssitz den Dalai Lama empfängt. Man kann ihr
vorwerfen, eine rein symbolische Menschenrechtspolitik zu betreiben,
die praktisch folgenlos bleibt und deutschen Wirtschaftsinteressen
schadet. Man kann ihr einen übersteigerten Moralismus vorhalten. Man
kann bei ihr das Fehlen eines außenpolitischen Gesamtkonzepts
beklagen. Man darf sich, beispielsweise als Außenminister, auch
ärgern darüber, nicht vorab über jeden ihrer Schritte informiert
worden zu sein. Das alles ist legitim. Die Frage ist nur: Wer tut es
und wann und wie und wo?
Gerhard Schröder, den ein "Mangelhaft" in Stil-, Takt- und
Haltungsnoten noch nie sonderlich gestört hat, ist jetzt erneut aus
der Rolle gefallen. Ein Ex-Kanzler, der im Ausland die aktuelle
Politik seiner Nachfolgerin kritisiert, ist schon arg genug. Doch
dass er ausgerechnet in Peking die Diktion Pekings übernahm, Merkel
habe mit dem Empfang des Dalai Lama "die Gefühle des chinesischen
Volkes verletzt", macht aus dem Tabubruch einen Skandal. In dem
Konflikt zwischen Deutschland und China nimmt er damit Partei: für
das chinesische Regime, für dessen Strafaktionen, gegen den Dalai
Lama, gegen Deutschland. Er zündelt, anstatt zu löschen. Zum Schaden
Deutschlands spielt er nachher jenen Schlaumeier, der er vorher
hätte sein dürfen. Niemand will ihm das Wort verbieten, also das
Was, aber er hat vorsätzlich die Regeln des Wo und Wann und Wie
verletzt.
Nun würde sich bei Schröder, der ja auf dem besten Wege ist, ein
Fall für Transparency International zu werden, die Empörung in
Grenzen gehalten haben, wenn er nicht nachgelegt hätte. Am
vergangenen Wochenende griff er Merkel wieder an, ohne sie beim
Namen zu nennen, diesmal aber nicht sachlich, sondern gewissermaßen
biografisch-psychologisch: Ihre DDR-Prägung habe bei ihr zu einer
besonderen Emotionalität geführt, von der man sich in
internationaler Politik nicht leiten lassen dürfe. Damit war Merkels
offener und zum Teil kritischer Umgang mit dem russischen Regime
gemeint, als dessen Mentor sich Schröder versteht.
Zwei solche Ausfälle innerhalb kürzester Zeit haben latentes
Misstrauen innerhalb der Union gegenüber dem Schröder-Freund,
Außenminister Frank-Walter Steinmeier, in akuten Argwohn umschlagen
lassen. Empfindet Deutschlands oberster Diplomat gegenüber der
richtlinienkompetenten Kanzlerin uneingeschränkte Loyalität? Oder
will er Diener seines ersten Herrn bleiben? Steinmeier selbst sendet
widersprüchliche Signale aus, ähnlich übrigens wie in der Causa
Müntefering, wo er inhaltlich auf dessen
Seite stand, aber wohl aus Karriereinteresse zu Kurt Beck hielt.
Analog scheint er weiterhin Schröders Russland- und Chinapolitik
anzuhängen, aber aus Koalitionsräson will er Merkel nicht offen
widersprechen. Nur was taugt ein Außenminister, der gegen seine
Überzeugung Politik machen muss? Eine solche Konstellation schmälert
Deutschlands Einfluss in der Welt.
Nach lachenden Dritten muss in dieser Malaise niemand suchen - sie
stehen Schlange. In wenigen Tagen reist Frankreichs Präsident
Nicolas Sarkozy nach China, um eine Reihe lukrativer
Wirtschaftsverträge abzuschließen. Und so, wie die große Koalition
nach der Dalai-Lama-Visite den Schulterschluss mit der Kanzlerin
vermissen ließ, fühlt sich auch in Europa niemand einer
solidarischen Menschenrechtspolitik verpflichtet. Das schlechte
Beispiel färbt ab. Steinmeier sagt, Menschenrechtspolitik sei "keine
Schaufensterpolitik". Sarkozy hört's gerne - und profitiert von den
deutsch-chinesischen Verstimmungen. Streit muss sein, auch in der
Außenpolitik. Wer ihn führt, sollte aber auch wissen, wem er nützt
und wer ihn ausnützt. Parteipolitisches Kalkül darf nicht wichtiger
sein als das Wohl des Landes.
Missis »Neocon«
Junge Welt, 22.11.07
Merkel
düpiert ihren Minister
Von Werner Pirker
Angela Merkel legt neuerdings seltsame Allüren an den Tag. Den
Kritikern ihres Treffens mit dem Dalai Lama, allen voran
Außenminister Steinmeier, ließ sie via Bild (21.11.) ausrichten:
»Als Bundeskanzlerin entscheide ich selbst, wen ich empfange und
wo.« Als ebenso selbstverständlich betrachtet sie es, daß ihre
einsame Entscheidung von allen Regierungsmitgliedern mitgetragen
werde. In einer solchen Offenheit ist der absolutistische
Führungsanspruch eines bundesdeutschen Regierungsoberhauptes bei der
Gestaltung der Außenpolitik selten geäußert worden.
Merkels autoritäres Gehabe verrät Unsicherheit. Denn die von ihr
gesetzten außenpolitischen Akzente sind nicht nur in der SPD
umstritten. Vor allem in Kreisen der Industrie herrscht wenig
Verständnis für symbolische, an okkulte Figuren wie den Dalai Lama
verschwendete Gesten, die das »Primat der Menschenrechte« zum
Ausdruck zu bringen vorgeben. Die primäre Aufgabe deutscher
Außenpolitik, mahnt das Düsseldorfer Handelsblatt zu mehr Realismus,
liege in der Vertretung deutscher Interessen.
In reflexhafter Umkehr dieser profanen Haltung begibt sich die grüne
»Menschenrechtspartei« in Reih und Glied unter das heilige Banner
der Bundeskanzlerin. Als würde der Grundkonflikt der Grünen zwischen
Realos und Fundis nun als Kampf um die außenpolitische Orientierung
eine gesamtgesellschaftliche Dimension angenommen haben. Wobei sich
fundamentaler Pazifismus freilich längst der interventionistischen
Realologik angepasst hat.
Der außenpolitische Richtungsstreit ist keiner zwischen Realisten
und Idealisten, wo auf der einen Seite nackte Geschäftsinteressen
zum Ausdruck kommen, während auf der anderen die Menschenrechte
Gehör finden. Es geht um die Geschäftsgrundlagen, auf denen sich
deutsche Interessen innerhalb des Globalisierungsregimes zu
behaupten haben. Da gab es die Schröder-Politik, die eher an einem
multipolaren Kräftegleichgewicht interessiert war, und da gibt es
die Merkel-Politik, in der deutsche und EU-Interessen im Kontext
eines US-dominierten Ordnungssystems definiert sind. Das ist auch
kein Konflikt zwischen Pragmatikern und Ideologen, zwischen
Metternich-Schülern und den Vorboten eines Völkerfrühlings. Den
Vertretern einer »wertebestimmten« Politik im Geist der US-»Neocons«
geht es einzig darum, die ökonomische »Strukturanpassung« durch eine
politische zu ergänzen, das heißt, die neoliberale Globalisierung in
einen politischen Ordnungsrahmen zu zwängen, der das westliche
Diktat unumkehrbar machen soll. Es ist der Versuch, mit
außerökonomischem Zwang den drohenden Verlust an ökonomischer
Vorherrschaft wettzumachen. Der außerökonomische Zwang in letzter
Konsequenz ist der Krieg.
Auch die Schröder-Regierung führte Deutschland in einen Krieg. In
Angela Merkel aber haben die gescheiterten Bush-Krieger eine ihrer
letzten Getreuen gefunden.
Große Koalition
Süddeutsche Zeitung,
22.11.0
Der Dalai Lama und die Kittelschürzen
Warum sich Außenminister Steinmeier manchmal so bemüht, einen
Dissens mit der Kanzlerin aufzuzeigen.
Ein Kommentar von Kurt
Kister
Manchmal hat man das Gefühl, die Große Koalition laste schon viel
länger als zwei Jahre auf dem Land. Das hat auch damit zu tun, dass
Rot-Grün so schnell verweht ist samt jener hyperventilierenden
"Berliner Republik", die immer einen Tisch im Borchardt hatte und
irgendwo zwischen Sabine Christiansen und Schröders Cohibas
angesiedelt war.
Im Vergleich dazu regieren jetzt die Kittelschürzen, was nichts mit
dem Geschlecht der Kanzlerin zu tun hat. Nein, es ist bieder
geworden, weil die Koalition nur Trippelpolitik macht, die weder die
Anhänger der Union noch jene der SPD erfreut. Die Konsens-Sauce
lässt alle Politik ähnlich schmecken, und wenn es einmal Streit
gibt, dann wirkt es, als habe einer mutwillig Glutamat, also
Geschmacksverstärker, ausgestreut.
Beispiel China. Die Kanzlerin hat den Dalai Lama empfangen, und man
fragt sich, wer dies schlimmer findet: das Regime in Peking oder
Merkels Außenminister Steinmeier. Letzterer schimpfte über die
"Schaufensterpolitik" der Kanzlerin, was auch pikant ist, weil
Steinmeier seinerzeit engster Zuarbeiter des außenpolitischen
Chefdekorateurs Schröder war. Anders als Schröder ist Merkel nicht
für eine Aufhebung des Waffenembargos gegen China.
Aber Schröders Außenminister Fischer empfing den Dalai Lama dreimal
im Auswärtigen Amt, zuletzt 2004. Man erinnert sich nicht daran,
dass der damalige Kanzleramtschef Steinmeier dem Außenminister
Fischer "Schaufensterpolitik" vorgeworfen hätte.
Außenpolitik, dies sollte Steinmeier nach zwei Jahren Lehrzeit nun
wissen, muss manchmal sogar Schaufensterpolitik sein. Es geht
gelegentlich darum, einen Standpunkt ebenso symbolisch wie
öffentlich einzunehmen. Peking hat Tibet blutig unterworfen und
versucht seit Jahrzehnten, es politisch und kulturell zu
kolonisieren.
Man kann darauf mit dem diplomatischen Ansatz reagieren, der die
Eigenheiten Chinas berücksichtigt, leider manchmal bis an den Rand
des Appeasements. Man kann es auch, ohne dauernd Krawall zu
schlagen, anders machen und zum Beispiel mit dem Dalai Lama reden -
so wie Merkel und Fischer es getan haben, übrigens auch George Bush
und Papst Johannes
Paul II.
Im Auswärtigen Amt bevorzugt man die effiziente Zurückhaltung. Dem
hat sich Steinmeier, sozialisiert von seiner neuen Umgebung,
angeschlossen. Er war auch früher kein Mann des offenen Konfliktes,
obwohl er im kleinen Kreis bissig sein kann - wenn er nicht gerade
wieder versucht, wie eine Volksausgabe von Thomas Mann zu
formulieren.
In seiner neuen Funktion als Vizekanzler und offizielles
Gegengewicht zu Merkel muss Steinmeier den Diplomaten hie und da
zugunsten des Parteipolitikers hintanstellen. Das fällt ihm schwer,
weil er eigentlich kein Parteipolitiker ist. Attackiert er Merkel
zudem auf dem Gebiet der Außenpolitik, ist das misslich, weil die
Kanzlerin in der Außenpolitik oft eine so gute Figur macht, dass die
Frage entsteht: Was treibt eigentlich dieser Steinmeier?
Kritik an Dalai-Lama-Empfang
Hamburger Abendblatt,
22.11.07
Beschämender Steinmeier
Kommentar
Von Thomas Frankenfeld
Eine kurze Geschichte Tibets: 1240 eroberte der Mogolenkhan Güyük
das unabhängige Reich, 1720 erklärte China Tibet zum Protektorat.
1750 rebellierten die Tibeter, Chinas Armee erstickte den Aufstand
blutig. 1913 erklärte sich Tibet für unabhängig und wurde 1950 von
Maos Armee brutal annektiert. 1959 rebellierten die Tibeter, Chinas
Armee griff erneut ein, fast 100 000 Menschen starben. Peking
garantierte in einem Abkommen die Unantastbarkeit der religiösen und
politischen Strukturen Tibets - und hielt sich nicht daran. In der
"Kulturrevolution" 1966-69 wüteten Chinas rote Garden entsetzlich in
Tibet, vernichteten 80 Prozent
der buddhistischen Tempel und töteten 1,2 Millionen Tibeter.
Die Frage, ob Tibet nun territorialer Bestandteil Chinas ist, mag
umstritten sein. Dass eine deutsche Bundeskanzlerin das Recht, ja
sogar die moralische Verpflichtung hat, den 14. Dalai Lama zu
empfangen, das international hoch angesehene Oberhaupt eines
unterdrückten Volkes, sollte völlig unumstritten sein. Dass ihr
eigener Außenminister dies öffentlich kritisiert, ist
koalitionspolitisch zunächst einmal töricht. Und im Hinblick
auf die Menschenrechtslage in Tibet sowie die fortschreitende
Auslöschung der uralten tibetischen Kultur ziemlich beschämend.
Freund des Friedens
Süddeutsche Zeitung,
22.11.07
Der neue Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier hat die Streithähne in
der Großen Koalition zu mehr Geschlossenheit aufgerufen. SPD und
Union könnten sich zwei Jahre Dauerwahlkampf nicht erlauben, sagte
er. ¨
Der neue Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD) will nach eigenen
Worten in den kommenden Wochen für ein "etwas geschlosseneres
Auftreten der Großen Koalition" sorgen. Im "heute journal" des ZDF
betonte er, "dass wir es uns nicht leisten können, die nächsten zwei
Jahre Dauerwahlkampf gegeneinander zu führen".
Er sei sich seiner neuen Verantwortung "sehr bewusst", sagte der
Bundesaußenminister. Mit Blick auf die SPD betonte er zugleich: "Ich
bin mir sicher, dass da, wo die Partei Profil zeigen muss, ich auch
helfen werde, dieses Profil nach außen zu repräsentieren. Und
manchmal gibt es auch Anlass dazu in der Koalition."
Zur Auseinandersetzung in der Koalition über die Außenpolitik nach
dem Empfang des Dalai Lama durch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)
sagte Steinmeier: "Das, worüber wir uns im Augenblick etwas
auseinandersetzen, liegt eher daran, in welcher Tonalität man die
Frage der Menschenrechte anspricht."
Er könne nicht erkennen, dass hinsichtlich dieser Frage in früheren
Regierungen irgendetwas unterblieben sei. Er wisse, dass diese
Auseinandersetzung in der Koalition zu einem Ende gebracht werden
müsse. "Und vor allen Dingen weiß ich um meine Verpflichtung, dass
wir das Verhältnis zu Staaten wie China wieder auf die Reihe bringen
müssen", sagte der Außenminister.
Mit Blick auf Merkels großes Engagement in der Außenpolitik sagte
Steinmeier: "Ich weiß, dass Außenpolitik natürlich zuerst die Sache
des Außenministers ist. Aber ich weiß genauso gut aus Erfahrung,
dass der Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin sich da nicht
heraushalten kann."
Koalitionsverstimmung über Außenpolitik
Donau-Kurier.de, 21.11.07
Berlin (dpa) - In der Koalition schwelt der Streit über den Empfang
des Dalai Lama durch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auch zwei
Monate nach dem Treffen im Kanzleramt weiter. Merkel machte in der
«Bild»-Zeitung klar: «Als Bundeskanzlerin entscheide ich selbst, wen
ich empfange und wo.
Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) übte deutliche Kritik an
Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). Es sei kein Wunder,
dass die Chinesen nach dem Empfang am 23. September mehrere
deutsch-chinesische Treffen abgesagt hätten. «Sie werden doch durch
Steinmeier geradezu dazu aufgefordert», sagte er der «Frankfurter
Allgemeinen Zeitung». Die SPD und Außenamtssprecher Martin Jäger
wiesen
die Kritik umgehend zurück.
Das Auswärtige Amt bemühe sich derzeit «geduldig und mit großem
Engagement», die bestehenden Irritationen im Verhältnis zu China
auszuräumen. «Vor diesem Hintergrund ist es sicher nicht hilfreich,
wenn solche Bemühungen des Außenministers angezweifelt oder sogar
unterlaufen werden», sagte Jäger. Der AA-Sprecher betonte, es gebe
keine öffentliche Äußerung Steinmeiers mit einer nachweisbaren
Kritik am Dalai-Lama-Empfang.
SPD-Generalsekretär Hubertus Heil nahm Steinmeier gegen die Angriffe
der Union in Schutz. «Frau Merkel hat das Recht, jeden Gast zu
empfangen. Aber niemand sollte dann den Außenminister für die
Konsequenzen verantwortlich machen», sagte Heil dem «Tagesspiegel».
Er forderte Schäuble auf, «seine Vorwürfe noch einmal gründlich zu
überdenken». Mit Blick auf den Empfang des Dalai Lama sagte Heil:
«Politische Klugheit erfordert es, dass man auch beim Kampf um das
Gute die richtigen Mittel wählt.»
Steinmeier hatte Ende Oktober in einem Zeitungsinterview erklärt,
wegen des Empfangs seien die Beziehungen zu China «in einer
schwierigen Phase». Das «zerschlagene Porzellan» müsse nun wieder
gekittet werden. Zuletzt hatte Altkanzler Gerhard Schröder (SPD)
Merkels außenpolitischen Stil bemängelt und ihr indirekt nahegelegt,
ihre Zurückhaltung gegenüber Russland gehe auf ihre
DDR-Vergangenheit zurück.
Schäuble sagte in der «FAZ»: «Es ist doch absurd. Jeder deutsche
Außenminister hat den Dalai Lama empfangen - nur nicht Herr
Steinmeier.» Die Tibet Initiative Deutschland bedauerte die
innenpolitische Debatte über das Treffen mit Merkel. «Dieser Empfang
hat ein deutliches Zeichen der Solidarität mit dem tibetischen Volk
gesetzt, das von der deutschen Öffentlichkeit sehr begrüßt wurde»,
hieß es in einem offenen Brief an die SPD.
Tibet war 1951 von China besetzt worden, der Dalai Lama 1959 nach
Nordindien geflohen. Er gilt den meisten Tibetern als geistliches
und weltliches Oberhaupt. Nach Angaben staatlicher Medien in China
vom Dienstag wurde ein Tibeter wegen einer Äußerung über den Dalai
Lama zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Er hatte öffentlich
gefragt, ob dem Dalai Lama die Rückkehr nach Tibet erlaubt werden
solle.
Peking hält Merkel für
unberechenbar
taz, 21.11.07
Seit dem Dalai-Lama-Besuch in Berlin fürchtet China die
Asienpolitik der Kanzlerin. Die Sorge ist groß, dass Merkels
Doppeldeutigkeit ausgerechnet im Olympia-Jahr 2008 die
Unabhängigkeitsbewegung Taiwans stärken könnte
PEKING taz Was denkt Angela Merkel über China? Seit dem Besuch des
Dalai Lama im Kanzleramt im September rätseln Deutsche und Chinesen
über diese Frage. Wollte die Kanzlerin nur ein publikumswirksames
Privatgespräch über Religion führen oder doch die ganze deutsche
China-Politik auf ein neues Gleis führen? Es gibt darauf keine
schlüssige Antwort, aber jeden Tag neue Indizien.
Am gestrigen Dienstag erfuhr man aus deutschen diplomatischen
Kreisen in Peking, dass Merkel vieles von dem, was jetzt in ihre
Haltung hineininterpretiert werde, ausdrücklich nicht anstrebe. Die
Kanzlerin wolle keinen Paradigmenwechsel der deutschen Asienpolitik,
sie wolle nicht demokratische Länder wie Japan und Indien gegenüber
China aufwerten, sie halte nichts von der Unterteilung Asiens in
Werteblöcke und eine darauf basierende Systemdiskussion.
Genau das alles aber hat der außenpolitische Sprecher der
CDU/CSU-Faktion, Eckard von Klaeden, gestern in einem Interview mit
dem US-Blatt International Herald Tribune erneut angeregt. Die
Zeitung titelte: "Deutschland schaut nach Asien - auf Kosten
Chinas". Wer aber kennt Merkels Haltung zu China besser: von Klaeden
oder deutsche Diplomaten in Peking?
Merkel selbst gibt sich keine Blöße. Sie agiert wie schon während
ihres Peking-Besuchs im August: mit Zuckerbrot und Peitsche. So soll
sie dem chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao in Peking gesagt
haben, dass sie China nicht als Bedrohung, sondern als Chance
empfinde. Im gleichen Atemzug aber habe sie gewarnt, dass die
überwiegende Zahl der Deutschen China schon aufgrund seiner Größe
sehr wohl als Bedrohung wahrnähmen. Was aber sollte Wen Jiabao nun
glauben?
Solche Ungewissheiten waren für Peking schon vorher schwierig
einzuschätzen, seit dem Dalai-Lama-Besuch aber empfindet man sie als
Qual. Sie sagt das eine und tut das andere, heißt es nun in Pekinger
Regierungskreisen. Man fürchtet Merkels Doppeldeutigkeit in den
Existenzfragen Chinas, besonders weil nächstes Jahr vor Olympia ein
Aufbäumen der Unabhängigkeitsbewegung auf Taiwan erwartet wird.
Wird, so fragen Chinas Diplomaten, Merkel womöglich auch mit Kritik
an den Unabhängigkeitsbefürwortern auf Taiwan sparen, nachdem sie
den auf Autonomie drängenden Dalai Lama hofierte? US-Präsident
George W. Bush hat ein Referendums-vorhaben der Taiwaner bereits
dreimal kategorisch rügen lassen, Merkel bisher nicht ein einziges
Mal. Das empfindet man in Peking als Peitschenhieb.
Doch mehr Klarheit ist von der Bundeskanzlerin derzeit nicht zu
erwarten, zumal China nun auch zum Streitfall in der Koalition
avanciert ist. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) forderte
kürzlich forsch, dass die Regierung nicht untätig zusehen könne, wie
sich die Beziehungen zu China weiter verschlechterten. Doch genau
darauf läuft es wohl hinaus. Denn ein positives Signal Richtung
China, das Bewegung in das festgefahrene Verhältnis bringen würde,
könnte Kanzlerin Merkel heute nicht nur als Kotau vor der KP,
sondern auch vor der SPD ausgelegt werden. Im Rahmen halten - so
lautet deshalb die Devise deutscher Diplomaten in Peking im Umgang
mit dem Streit. An Normalität sei nicht zu denken.
GEORG BLUME
Die Freiheit, die sich
Merkel nimmt
Der Westen, 20.11.07
Von Miguel Sanches
Berlin. Angela Merkel hat in China Respekt gewonnen. "Mit
Sicherheit", beteuert Werner Hoyer. Um welchen Preis, ist für den
FDP-Außenpolitiker und früheren Staatsminister eine andere Frage.
Auch Hoyer ist "beeindruckt" von der "harten Reaktion" aus Peking.
Seit Merkel den Dalai Lama im Kanzleramt empfangen hat, sagen die
Chinesen ein Treffen nach dem anderen ab. "Das ist eine Entwicklung,
die wir so nicht belassen dürfen", mahnte Außenminister Frank-Walter
Steinmeier in Paris. Der Ort war gut gewählt. Der nächste große Gast
in Peking ist Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy. Er und die
französische^Wirtschaft könnten die Nutznießer sein.
Am 23. September traf Angela Merkel das geistige Oberhaupt der
Tibeter im Kanzleramt, was "ein Tick zuviel war", wie Hoyer und der
Grünen-Außenpolitiker Jürgen Trittin wortgleich meinen. Treffen mit
Ministern wie Brigitte Zypries (Justiz), Peer Steinbrück (Finanzen)
und Steinmeier sagte China ab. Zum Erliegen kam auch der
Menschenrechtsdialog. China betrachtet den Dalai Lama bloß als
Separatisten, der eine Abspaltung betreiben will.
Hoyer nimmt Merkel in Schutz. Eine Kanzlerin dürfe sich nicht
vorschreiben lassen, ob sie den geistigen Führer empfange. Die
Freiheit "wird sie sich nehmen", so Regierungssprecher Thomas Steg.
Im Klartext: Sie würde heute wieder genau so handeln.
Steinmeier graust es davor. Er muss das Verhältnis wieder ins Lot
bringen. Dabei hatte Merkel ihn noch nicht mal eingeweiht.
Vielleicht erklärt das am besten, warum er sich unverhohlen über die
Schaufensterpolitik beklagt; über eine Haltung, die einzig auf
Schlagzeilen setze, wie SPD-Generalsekretär Hubertus Heil
beipflichtet. Die Frage ist, ob Merkel gut aussehen will oder
obendrein naiv ist und Vorurteile pflegt. Das deutet jedenfalls
Altkanzler Gerhard Schröder an. In einer Rede stichelte er, "man
kann über eine wertgebundene Energiepolitik philosophieren. Aber das
Gas wird ganz real gebraucht." Und bei allem "Verständnis für
Besonderheiten von DDR-Biografien" solle man keine rhetorischen
Mauern gegen Russland aufbauen.
Es ist nicht das erste Mal, dass Schröder über Merkel herzieht. Auch
in Peking hatte er sich unlängst von der Nachfolgerin distanziert.
Das Verhältnis zu beiden Staaten ist vergleichbar. Sie sind beide
Supermächte, auf die es in der UNO und bei der Lösung vieler
internationaler Krisen ankommt, zum Beispiel in Birma oder Darfur.
Beide stehen für Milliardenmärkte. Von Gas aus Russland ist die EU
abhängig. Und in beiden Ländern hat sich Merkel nicht gescheut, sich
mit Oppositionellen zu treffen.
Auf den Ärger mit den Chinesen dürfte sie gefasst gewesen sein. "Das
muss sie wissen", so Hoyer. Jetzt geht es darum, sich weiter um
einen Dialog zu bemühen; klarzumachen, dass Deutschland an der
Ein-China-Politik festhält; und der Respekt gegenüber dem Dalai Lama
dem geistigen Oberhaupt galt.
Die Union steht hinter Merkel, obwohl sie das Grummeln der
Wirtschaft kennt. "Wenn man sich über Wirtschaftsaufträge die
Grundsätze abkaufen lässt, verliert man die Achtung, drinnen wie
draußen", stimmt FDP-Mann Hoyer zu. Einen Fundamentalvorwurf macht
ihr auch Trittin nicht. Allerdings stört er sich an den
Doppelstandards. Beim Besuch des saudischen Königs habe die
Kanzlerin die Menschrechte nicht mehr angesprochen, sagte er der
"Frankfurter Rundschau".
Für Union und FDP ist Schröder eine Reizfigur. "Jeder weiß, von wem
Herr Schröder bezahlt wird", giftet der außenpolitische Experte
Eckart von Klaeden und spielt auf Schröders Engagement beim
Energieriesen Gazprom an. Er schlägt auf Schröder ein, meint aktuell
auch Steinmeier. Dessen Kritik am Empfang des Dalai Lama müsse von
Peking als Bestätigung des Protestes angesehen werden. Merkel hatte
noch nie so viel Grund, sich mit Steinmeier abzustimmen. Ab heute
ist er gar ihr Vize-Kanzler.
Die Maus, die brüllte
Leitartikel
Handelsblatt, 21.11.07
Von Thomas Hanke
Der Streit über den Empfang des Dalai Lamas im Kanzleramt nimmt an
Schärfe zu, je länger das Treffen zwischen Angela Merkel und dem
geistigen Führer der Tibeter zurückliegt.
Von einer außenpolitischen Auseinandersetzung zwischen Peking und
Berlin wird er zur innenpolitischen Debatte zwischen Union und SPD,
bei der Altkanzler Gerhard Schröder kräftig mitmischt. Der Streit in
der Koalition dreht sich im Kern um die Frage, ob die Kanzlerin
Gefahr läuft, Außenpolitik als Trampolin für die Steigerung ihrer
Beliebtheit im Inland zu nutzen. Was manchem als parteipolitisches
Nachkarten erscheint, dient einer notwendigen Klärung: Symbolpolitik
hat dort nichts verloren, wo es um die Wahrnehmung deutscher
Interessen geht.
Die Heftigkeit des Streits versteht nur, wer weiß, dass es eine
Vorgeschichte gibt. Seit längerem besteht eine latente Spannung
zwischen Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier wegen des
Umgangs mit Russland. Beide wissen, dass die EU und gerade auch
Deutschland ein Interesse an der strategischen Partnerschaft mit
Russland haben. Abseits dieser Grundlinie setzen Merkel und
Steinmeier aber unterschiedliche Akzente. Merkel nutzt ihre Treffen
mit Putin gerne, um zu demonstrieren, dass für sie die Frage der
Menschenrechte einen anderen Stellenwert habe als für die
Vorgängerregierung. Der Außenminister dagegen sieht wenigSinn in
öffentlicher Kritik an Putin.
Bei ihrem jüngsten Besuch in Peking hat die Kanzlerin den Spot noch
etwas stärker auf ihre Menschenrechtspolitik gerichtet durch
öffentliche Aufforderungen an die Adresse des Regimes und
demonstrative Treffen mit Oppositionellen. Ihr Ziehvater Helmut Kohl
besuchte die Kasernen, Schröder die Fabriken und sie die Kritiker --
so grobschlächtig konnte man die Änderungen in der deutschen
Chinapolitik darstellen. In Deutschland schlug ihr dafür eine Welle
der Begeisterung entgegen.
Vielleicht hat das Merkel dazu verleitet, noch einen Schritt
weiterzugehen und den Dalai Lama wie einen Regierungschef zu
empfangen. Merkel führte Peking öffentlich vor: Die Bundesregierung
lässt sich nicht von chinesischen Befindlichkeiten beeindrucken. Das
war ein naiver Fehler.
Erstens, weil eine kleine Mittelmacht wie Deutschland mit Symbolen
nur wirken kann, wenn sie sich nicht aufplustert: Helmut Kohls
Händedruck mit Mitterrand in Verdun oder Willy Brandts Kniefall in
Warschau waren in diesem Sinn starke Gesten. Zweitens, weil China in
einer anderen Liga spielt: Deutschland bringt einfach nicht genügend
Gewicht auf die Matte, um China öffentlich vors Schienbein zu
treten. Wen beeindruckt eine Maus, die brüllt - außer der eigenen
Mäuseschar? Und drittens, weil man keine Macht zum Watschenmann
machen sollte, auf die Europa dringend angewiesen ist.
Hier geht es nicht so sehr um Exportaufträge, sondern um harte
Außenpolitik: Wir brauchen die Kooperation der Chinesen, aber auch
der Russen, um in zwei außenpolitischen Schlüsselfragen
weiterzukommen: beim Klimaschutz und beim Atomstreit mit Iran.
Zusammenarbeit bedingt im eigenen Interesse leise Töne. Demut ist
nicht erforderlich, aber erst recht kein Imponiergehabe. Das Gespür
dafür darf der deutschen Außenpolitik nicht verloren gehen.
Die Chuzpe des Gerhard
Schröder
Leitartikel
Die Presse (A), 21.11.07
Christian Ultsch
Deutschlands Ex-Bundeskanzler steht in russischem Sold und
geißelt ungeniert Merkels Russland-Politik.
Außer Ludmilla Putina und dem Kreml-Chauffeur gibt es auf diesem
Planeten wahrscheinlich nicht allzu viele Menschen, die weniger
kritische Distanz zum russischen Präsidenten haben als Gerhard
Schröder. Trotzdem fühlt sich Deutschlands ehemaliger Bundeskanzler
berufen, die Russland-Politik seiner Nachfolgerin Angela Merkel zu
kritisieren, und zwar nicht hinter vorgehaltener Hand, sondern wann
immer er ein Mikrofon zu greifen bekommt. Jetzt ritt Wladimir Putins
Gasmann wieder eine Attacke, diesmal bei einem Galadiner der
Quandt-Stiftung in Berlin: Er habe ja "Verständnis für die
Besonderheit von DDR-Biografien", sagte Schröder in Anspielung auf
die CDU-Chefin. Doch klug sei es nicht, sich gegenüber Russland von
allzu "großer Emotionalität" leiten zu lassen. Denn das russische
Gas werde ganz real gebraucht, befand der ehemalige
SPD-Regierungschef.
Was da als altväterlicher Ratschlag daherkommt, ist eine
unglaubliche Chuzpe. Es empfiehlt hier jemand, servil vor Putins
autokratischem Gehabe und Kalten-Krieger-Posen zu kuschen, der
selbst in russischem Sold steht. 250.000 Euro erhält Schröder
jährlich von Gazprom dafür, dass er den Aufsichtsratsvorsitzenden
beim russisch-deutschen Ostsee-Pipeline-Konsortium macht. Ein
Projekt, das Schröder offenbar schon als Bundeskanzler nach Kräften
unterstützte, trotz aller Einwände der EU-Partner in Polen und im
Baltikum.
Als wäre es nicht schon unverschämt genug gewesen, dass sich
Schröder nur ein paar Wochen nach seiner Abwahl von dem russischen
Energieriesen anheuern ließ, besorgt er jetzt auch noch bei jeder
Gelegenheit Putins politisches Geschäft in Europa. Natürlich war es
Schröder (wer sonst?), der die geplante US-Raketenabwehr in Polen
und Tschechien besonders scharf als "Programm zur Sicherung der merikanischen
Vorherrschaft" geißelte.
Dieser Mann hat einfach keine Hemmungen. Er ist immer dabei, wenn er
seinem Duzfreund Putin einen Gefallen erweisen kann. Über autoritäre
Züge Putins hat Schröder immer gerne hinweggesehen. Schon als
Bundeskanzler attestierte er dem russischen Herrscher, ein
"lupenreiner Demokrat" zu sein. Zu einer Zeit, als bereits dem
durchschnittlichen Konsumenten von RTL-Fernsehnachrichten bewusst
sein musste, wohin die Reise in Russland geht. Doch Schröder wollte
einfach nicht sehen, wie sein KGB-Kumpel Kritiker zum Schweigen
brachte. Vielleicht fand er es auch nur halb so schlimm.
Die Moral hörte bei ihm schon immer dort auf, wo das Geschäft
anfing. Es drängte in der Europäischen Union kaum jemand vehementer
auf eine Aufhebung des Waffenembargos gegen China als der damalige
Bundeskanzler Schröder. Da war dann nicht mehr so wichtig, dass
Pekings kommunistische Machthaber Menschenrechte verletzten oder
Taiwan hin und wieder mit einer kleinen Militärintervention drohten.
Wer solche moralischen "Kinkerlitzchen" an die große Glocke hängt,
ist für Schröder ein "Weichei", das Unternehmen Chancen verbaut. Der
ehemalige Bauhilfsarbeiter ist immer auf der Seite der Macht und des
Geldes anzutreffen.
Deshalb war es auch nicht weiter verwunderlich, dass er Merkel
öffentlich dafür tadelte, den Dalai Lama, das geistliche Oberhaupt
der Tibeter, im Bundeskanzleramt empfangen und damit die chinesische
Regierung verärgert zu haben. Und weil Schröder nichts zu peinlich
ist, ließ er seiner Nachfolgerin die Rüge auch noch über chinesische
Zeitungen ausrichten. Das Außenamt in Peking, in dessen Dienst der
geschäftstüchtige Frührentner übrigens (kein Witz!) die chinesische
Heilmedizin in Europa verbreiten soll, wird es seinem "Berater" aus
Niedersachsen danken.
Schröder hat ein Charakterproblem - und geniert sich nicht dafür.
Das machte er unlängst innenpolitisch deutlich: Statt seine Agenda
2010 zu verteidigen, opferte er auch dieses einzige mutige Konzept
seiner
siebenjährigen Regierungszeit auf dem Altar des Opportunismus. Die
Arbeitsmarktreformen, um derentwillen er die SPD einer Zerreißprobe
aussetzte, seien nicht die Zehn Gebote und Müntefering, der sich vor
seinem Rücktritt als einziger gegen den Linksruck in seiner Partei
zur Wehr setzte, sei nicht Moses, feixte Schröder.
Es bleibt Schröder unbelassen, sein eigenes Bundeskanzler-Denkmal zu
demolieren. Das gelingt ihm auch ausgezeichnet. Doch zu denken gibt,
dass Schröder in der SPD nun anscheinend wieder den Ton vorgibt –
statt dass ihm einmal ein Genosse ernsthaft ans Herz legt, endlich
die Klappe zu halten. |