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Pekinger Spitzen
Die
KP-Führung, der Druck und die Ökonomie
FR-online.de,
20.11.07
VON HARALD
MAASS

 Huanqiu-Titelblatt
Peking.
Chinas Führer lassen derzeit keine Gelegenheit aus, um den Deutschen
ihre Unzufriedenheit kundzutun. Deutsche Politiker wurden von Peking
ausgeladen, diplomatische Konsultationen eingefroren und beim
Empfang in der deutschen Botschaft Anfang Oktober zum Tag der
Einheit blieb manch ein Pekinger Regierungsvertreter dem Fest fern.
China reagiert damit auf das Treffen zwischen dem Dalai Lama und
Bundeskanzlerin Merkel im September in Berlin, das aus Pekings Sicht
ein Tabubruch war. Als erste Regierungschefin hatte Merkel den
Nobelpreisträger, das Oberhaupt der Tibeter, im Kanzleramt
empfangen. Pekings KP-Führer, die Tibet als "Teil des chinesischen
Mutterlandes" und den Dalai Lama als "Separatisten" sehen,
versuchen, Berlin unter Druck zu setzen. Die Staatsmedien
attackieren Merkel als "diplomatisch unreif" und warnen vor einem
"Gefrierpunkt" in den Beziehungen.
Chinas
Reaktion ist jedoch kein Zeichen der Stärke einer aufsteigenden
Großmacht. Hinter Pekings Schmolldiplomatie versteckt sich
Unsicherheit. Je stärker China wirtschaftlich und politisch in die
Welt eingebunden wird, desto größer wird der Druck von außen, auch
in Fragen der Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit globale Normen
einzuhalten.
Vor den Olympischen Spiele 2008 spüren die KP-Führer diesen Druck
besonders stark. Nicht nur in Deutschland, auch in den USA, Kanada
und in Österreich wurde jüngst der Dalai Lama von den
Regierungschefs empfangen. Peking fürchtet, diese politische
Aufwertung des Dalai Lama könnte China eines Tages zu Verhandlungen
mit den Exil-Tibetern zwingen.
Dass westliche Regierungen heute eher eine Konfrontation mit Peking
riskieren, liegt auch im veränderten Handel. Jahrelang profitierte
vor allem Deutschland vom wachsenden Warenaustausch mit der
Volksrepublik. Deutsche Firmen exportierten weit mehr nach China als
umgekehrt. Um diesen florierenden Handel nicht zu gefährden,
versuchte die deutsche Politik Pekings Führer möglichst wenig zu
provozieren. Themen wie Tibet, Taiwan oder Tiananmen (wo 1989 das
Militärmassaker stattfand) waren unter den Kanzlern Helmut Kohl und
Gerhard Schröder tabu.
Mittlerweile haben sich die Handelsvorteile jedoch zu Gunsten
Pekings verschoben. China exportiert mehr nach Deutschland als
umgekehrt. 2006 betrug der Handelsüberschuss rund 2,5 Milliarden
US-Dollar. Das hat Folgen: Ein funktionierender Handel ist für
Peking so wichtig wie für Berlin. Selbst wenn Peking als Reaktion
auf den Dalai Lama-Streit deutschen Firmen eine Zeit lang weniger
Aufträge erteilen sollte, wofür es bislang keine Anzeichen gibt, an
den Wirtschaftsbeziehungen würde dies kaum etwas ändern. Außerdem
brauche China deutsches Know How, sagte ein deutscher Diplomat in
Shanghai.
China
unterbricht den Dialog mit Deutschland
Plötzliche Terminnot
VON STEFFEN
HEBESTREIT
 
Wen
Jiabao und Merkel (dpa)
Berlin. Die
lauschige Ecke in einem Festzelt des Oktoberfests war längst
gebucht. Die geschätzten Gäste aus Fernost sollten dort mit
Brathendl, Brezn, einer Maß Bier und jeder Menge deutscher
Gemütlichkeit belohnt werden für vorangegangene Zumutungen. Zuvor,
so sah es das Programm vor, sollten die Chinesen in München zwei
Tage einem Symposium beiwohnen. Spitzenjuristen und Rechtspolitiker
aus Deutschland und China wollten sich der heiklen Frage des
Schutzes von geistigem Eigentum widmen. Ein Thema, bei dem Besuchern
aus Fernost das Lächeln gefrieren kann.
Doch der "Rechtsstaatsdialog" zwischen China und Deutschland hatte
sich eingespielt und seit 1999 genügend Vertrauen auf beiden Seiten
geschaffen, um auch politisch heikle Fragen juristisch zu
bearbeiten. Eigentlich. Mitte September nun ließ der Leiter des
Pekinger Rechtsamts seiner Kollegin Brigitte Zypries (SPD)
mitteilen, dass es leider, leider Terminschwierigkeiten gebe und er
deshalb das Treffen absagen müsse.
Schwierigkeiten bei der Terminplanung machte wenige Tage später auch
Pekings Außenminister Jang Jiechi geltend, als er seinen
Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier (SPD) kurzerhand von einem
Frühstück am Rande der UN-Plenarwoche in New York auslud.
Dieser Tage musste Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) eine
lang geplante Asien-Reise absagen - sein chinesischer Kollege fand,
man ahnt es, leider in seinem Terminkalender keine Lücke für den
Gast aus Berlin. Zugleich ließ Peking verlauten, dass es kein
Interesse mehr am Strategischen Dialog mit Deutschland habe. Das
Forum sieht jährliche Treffen auf Ebene der Staatssekretäre vor, bei
denen neben Wirtschaftsfragen auch die Lage der Menschenrechte
diskutiert wurde.
"Es handelt sich wohl nicht mehr nur um eine kleine Verschnupfung",
heißt es in Diplomatenkreisen zum Zustand der deutsch-chinesischen
Beziehungen. Man fürchtet größeren Schaden. Seit Angela Merkel (CDU)
im September angekündigt hatte, sie werde den Dalai Lama im
Kanzleramt empfangen, häufen sich die Terminabsagen aus Peking.
Alle Welt zollte der Kanzlerin Lob und Anerkennung für den Schritt,
das geistliche Oberhaupt der Tibeter in ihren Amtsräumen zu begrüßen
- und damit Peking die Stirn zu bieten. US-Präsident George W. Bush
und Kanadas Premier Paul Martin eiferten der Kanzlerin alsbald nach.
Die Chinesen indes, die solche Ehrungen des Dalai Lama als
Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten betrachten, schließlich
erheben sie seit den fünfziger Jahren Anspruch auf Tibet, zeigen den
Deutschen seither die kalte Schulter. Ist dies der Preis, den
Deutschland zahlt für ein offenes Eintreten für Menschenrechte?
Schlecht
informiert
Auf den ersten Blick scheint es so, doch Kenner sehen die
gegenwärtigen Probleme vor allem in der mangelnden
Informationspolitik der Kanzlerin gegenüber China begründet. Denn
wenige Wochen vor dem Treffen mit dem Dalai Lama hatte sich Merkel
zum Staatsbesuch in Peking aufgehalten. "Offene Worte" hatte sie
angekündigt - und dafür von ihren Gastgebern Gelegenheit erhalten.
Sie konnte mit Studenten diskutieren, sprach auch das Schicksal der
entrechteten Wanderarbeiter an. Offene Worte eben. Mit keinem Satz
erwähnte Merkel gegenüber ihren Gastgebern, dass sie den Dalai Lama
empfangen werde.
Nicht einmal ihren Außenminister weihte sie in diese Pläne ein, er
erfuhr davon erst durch Journalisten - und machte gute Miene zum
bösen Spiel. Der Top-Diplomat sieht solche Auftritte skeptisch, weil
sie den Menschen in China nichts nutzten, den gemeinsamen
Beziehungen aber schadeten - und damit jede Außenpolitik erschweren.
Die Krise in Darfur, die Aufstände in Birma, das Gerangel um das
Atomprogramm des Iran - in diesen Fragen falle China eine wichtige
Rolle zu. Darüber könne man reden - wenn man denn einen Termin
bekäme.
Die Bundesregierung ist nun offen darum bemüht, dass die Situation
eskaliert. Am Freitag betonte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg,
"dass die gesamte Bundesregierung ausdrücklich daran interessiert
ist, dass sich die guten Beziehungen zu China weiter positiv
entwickeln". Fraglich ist, ob diese Worte genügen, um Peking zu
besänftigen. Fachleute jedenfalls fürchten, dass Foren wie der
Rechtsstaatsdialog dauerhaft beschädigt sind. "Der könnte auf der
Strecke bleiben", sagen sie. |