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Peking
in Abwehrstellung
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.3.07
Von Petra
Kolonko, Peking
Kohlendioxidverschmutzung in China, man kann sie riechen, sehen und
fühlen. Dicker Smog hängt über den Ballungsgebieten, rußiger Staub
liegt über den Kohlerevieren und der süßlich-trockene Geruch von
Kohlebrand im Winter über nordchinesischen Städten. In China bislang
als ein unvermeidliches Begleitprodukt der Industrialisierung
abgetan, wird der immense Kohleverbrauch der Volksrepublik zunehmend
als ein Hauptverursacher des globalen Klimawandels benannt.
In kaum einer anderen Frage erfährt die chinesische Regierung
derzeit so viel Druck aus dem Ausland. Fast 70 Prozent von Chinas
Energie werden aus Kohle gewonnen. Das Land ist schon jetzt der
zweitgrößte Emittent von Treibhausgasen. Klimaschützer und eine
besorgte Bevölkerung besonders in Europa blicken auf China und
fragen sich, was heimische Programme nutzen können, wenn doch China
weiterhin seine Emissionen nicht begrenzt. Dass die EU mit gutem
Beispiel vorangehen und Emissionen senken will, hat auch das Ziel,
China zu beeinflussen, beim Klimaschutz aktiver zu werden.
Beunruhigendes Wachstum
Die chinesische Regierung ist sich ihrer negativen Rolle als
Klimasünder bewusst und wehrt nach Kräften Anschuldigungen ab. Ihre
Hinweise darauf, dass etwa die Pro-Kopf-Emissionen der Volksrepublik
nur 15 Prozent der amerikanischen ausmachen, sind zwar richtig. Doch
angesichts der riesigen Bevölkerung Chinas -- 1,3 Milliarden -
keineswegs beruhigend.
Vielmehr zeichnet sich ab, dass mit wachsendem Wohlstand in China
auch die Pro-Kopf-Emissionen und somit die gesamte Ausstoßmenge auf
lange Zeit weiter wachsen werden. Schon in zwei Jahren wird China
wohl die Vereinigten Staaten überholt haben.
Auch der Hinweis der chinesischen Regierung, die Klimaveränderung
sei von den Industriestaaten geschaffen worden, diese trügen damit
die Verantwortung, sie zu bekämpfen, ist richtig. Doch fordern die
globale Erwärmung und ihre möglicherweise katastrophalen Folgen
nicht historische Analysen, sondern schnelle Gegenmaßnahmen.
"Koordinierungs-Komitee für Klimawandel"
Lange hat die chinesische Regierung den Klimawandel und den
Kyoto-Prozess vornehmlich im internationalen Zusammenhang gesehen
und dabei darauf bestanden, dass China als Entwicklungsland sein
Wachstum nicht durch Emissionsgrenzen zu dämpfen braucht. Dabei
wurden den Industriestaaten auch böse Absichten unterstellt. Erst in
letzter Zeit setzt sich an der Führungsspitze Chinas die Einsicht
durch, dass der Klimawandel auch für China böse Folgen haben kann,
Klimaschutz daher auch im eigenen Interesse ist.
Während das Thema in den Regierungsverlautbarungen relativ neu ist,
befassen sich chinesische Wissenschaftler schon lange damit. Das
Zentrum für Klimawandel des chinesischen Wetteramtes und die
Meteorologen der Akademie für Wissenschaften führen die Forschung.
Chinesische Wissenschaftler haben am UN-Weltklimabericht
mitgearbeitet. Im Jahr 2003 hat die chinesische Regierung ein
"Koordinierungs-Komitee für Klimawandel" eingesetzt, dem sieben
Ministerien und die Akademie der Wissenschaften angehören. Leiter
ist der Chef von Chinas oberster Planbehörde, der Kommission für
Entwicklung und Reform des Staatsrates.
Einbrüche bei der Getreideproduktion drohen
Der erste Bericht über die Folgen des Klimawandels für China wurde
aber
erst Ende vorigen Jahres vorgestellt. Demnach werden die
Küstengebiete mehr unter Taifunen und schweren Regenfällen zu leiden
haben. Der Anstieg des Meerwasserspiegels würde die
Wirtschaftszentren in den Mündungsbereichen des Yangtse, des Gelben
Flusses und des Perlflusses gefährden.
Die Gletscher auf dem Qinghai-Tibet-Plateau sind in den vergangenen
dreißig Jahren um 131,4 Quadratkilometer pro Jahr kleiner geworden.
Bei diesem Tempo könnte bis 2050 ein Drittel der Gletscher
geschmolzen sein. Kurzfristig wird das Abschmelzen der Gletscher zu
einer Zunahme des Wassers in Flüssen und Seen führen, langfristig
hingegen würden die Flüsse austrocknen. Außerdem wären mehr Dürren,
großflächige Verwüstung und mehr Sandstürme zu erwarten.
In Nordchina könnte die Wassermenge der Flüsse bis zur Mitte des
Jahrhunderts um zehn Prozent abnehmen, während sie im Süden wohl
zunehmen und dort Fluten verursachen wird. Die Produktion von
Getreide könnte bis zur Mitte des Jahrhunderts wegen
Klimaveränderungen um bis zu 37 Prozent fallen.
Kein Geld für saubere Energiegewinnung
Der Bericht hat die Aufmerksamkeit der Führung erregt. Parteichef Hu
Jintao hat erstmals auf den Zusammenhang zwischen dem Klimawandel
und der wirtschaftlichen Entwicklung hingewiesen. Noch in diesem
Frühjahr soll nun der erste "Nationale Bericht zur Antwort auf den
Klimawandel" veröffentlicht werden. Der liegt jetzt dem Staatsrat
zur Genehmigung vor.
Doch nach Angaben von Wissenschaftlern, die am Entwurf beteiligt
waren, werden auch dort keine Emissionsgrenzen gefordert. China habe
kein Geld, um auf saubere Energiegewinnung umzurüsten, sagte der
Leiter des chinesischen Wetteramtes, Qin Dahe, nach der
Veröffentlichung des Weltklimaberichtes. Vor dem Volkskongress
bestätigte Ministerpräsident Wen Jiabao nur die Absicht der
Regierung, die Energieeffizienz zu verbessern und einige
verschmutzende Kraftwerke zu schließen.
Bis 2010 will China 20 Prozent weniger Energie pro Einheit des
Bruttosozialprodukts verbrauchen. Doch das erste Etappenziel dorthin
ist im vergangenen Jahr schon verfehlt worden. Dies hat in China und
im Ausland zu Zweifeln geführt, ob China das Ziel im Jahr 2020
erreichen kann. Die chinesische Regierung hat auf die Kritik bereits
reagiert: Für dieses Jahr wird kein Etappenziel bei der
Energiereduzierung vorgegeben. Es sei sinnvoller, alle fünf Jahre
nachzurechnen, erklärte Wen Jiabao den Abgeordneten. |