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Peking
am Pranger
Süddeutsche Zeitung, 13.3.07
Bundestag will System der Arbeitslager in China verurteilen
Edeltraud
Rattenhuber
Vor einem Monat fühlte sich die chinesische Regierung durch die
Europäer schon einmal bloßgestellt. Damals verabschiedete das
Europäische Parlament einstimmig eine Resolution, in der China
aufgefordert wurde, den unterbrochenen Dialog mit der tibetischen
Exilregierung wieder aufzunehmen. China protestierte und verbat sich
jede Einmischung in seine inneren Angelegenheiten.
Nun steht den Pekinger Machthabern neues Ungemach ins Haus. Dieses
Mal aus Berlin. Die Bundestagsfraktion der Großen Koalition haben
gemeinsam mit den Abgeordneten von FDP und Grünen einen gemeinsamen
Antrag formuliert, in dem das System der /Laogai/-Lager (Reform
durch Arbeit) in China verurteilt wird. In dem Schriftstück werden
Parallelen gezogen zum sowjetischen Gulag-System, dem die
chinesischen Lager nacheifern. Einziger Unterschied: Das
Laogai-System besteht weiter und soll, wie Peking erst kürzlich
klarmachte, auch nicht abgeschafft werden. Von China in Aussicht
gestellte Reformen halten Kritiker und Menschen-rechtsorganisationen
für völlig unzureichend.
Bereits Ende 2005 gab es eine ähnliche Resolution im US-Kongress.
Auch sie stützte sich vor allem auf die Erkenntnisse von Harry Wu.
Unermüdlich prangert der mittlerweile 70 Jahre alte Dissident die
unmenschlichen Haftbedingungen im Laogai-System an, die er 19 Jahre
lang schmerzlich am eigenen Leib erfahren musste. Seit seiner
Ausreise in die USA 1985 dokumentiert Wu das System. "Zwangsarbeit
ist das Mittel, Gedankenreform ist das Ziel", sagt Wu. Laogai sei
nicht nur ein Gefängnissystem, sondern ein politisches Werkzeug für
die Aufrechterhaltung der totalitären Herrschaft der Kommunistischen
Partei.
Der Antrag des Bundestages, der voraussichtlich Anfang Mai im
Bundestag beschlossen werden soll, formuliert es ähnlich scharf.
Laogai sein ein Unterdrückungsinstrument, in dem politische
Dissidenten sowie Angehörige ethnischer und religiöser Minderheiten
drangsaliert würden, heißt es. In mehr als 1000 Gefängnissen,
Arbeitslagern und angeblichen psychiatrischen Kliniken befänden sich
derzeit laut offiziellen Angaben 200 000 Menschen, unter ihnen auch
Minderjährige. Wus Laogai Research Foundation spricht gar von bis zu
sechs Millionen Gefangenen, je nachdem, wie weit der Laogai-Begriff
gefasst wird.
Bis zu 16 Stunden täglich an sieben Tagen die Woche müssten die
Gefangenen unter "dramatischen" und oft gesundheits-gefährdenden
Bedingungen harte unentgeltliche Arbeit leisten, wirft der Antrag
China vor. Die Häftlinge würden gefoltert, ihr Tod werde in Kauf
genommen, die Selbstmordrate sei hoch. Das alles soll die
Bundesregierung nach Ansicht der Abgeordneten bei ihrem
Rechtsstaatsdialog mit Peking anprangern.
Auch soll China aufgefordert werden, exakte Daten zum Laogai-System
zu veröffentlichen. Deutsche Firmen sollen informiert werden, dass
sich hinter Geschäftspartnern möglicherweise Laogai-Einrichtungen
verbergen. Der gemeinsame Antrag ist laut dem FDP-Abgeordneten
Florian Toncar ein Novum. Negative Reaktionen der chinesischen Seite
werden erwartet. "Peking wird nicht erfreut sein", sagt er, "die
Regierung tendiert vielmehr dazu, das Laogai-System zu
verharmlosen." Neuer Streit steht ins Haus, wenn die Bundesregierung
der Aufforderung der Abgeordneten nachkommt und das Thema im
Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen anspricht. Dort will Peking
nicht an den Pranger gestellt werden.
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