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Im
Dienst von Harmonie und Mitgefühl: der Dalai Lama in Hamburg |
„Dort wo es einem
gut geht, wo man sich wohlfühlt, da ist die Heimat. Und
diejenigen, die einem Gutes tun, sind die Eltern.“ Entspannt,
alterslos sitzt der Dalai Lama da. Und beantwortet mit dem
tibetischen Sprichwort die Frage, ob er hoffe, seine Heimat Tibet
noch einmal zu sehen. „Nun, in dieser Woche genieße ich die
positive Atmosphäre in Hamburg, und zumindest für diese neun Tage
ist Hamburg meine Heimat.“ Sprühend vor Energie, blickt der
Zweiundsiebzigjährige auf die Gesprächspartner. Dabei hat er schon
tagelang ein dichtes Programm absolviert.
Gleich nach der
Ankunft am vergangenen Freitag empfing ihn Bürgermeister Ole von
Beust mit allen Ehren im Hamburger Rathaus. Nur auf tibetische
Flaggen wurde verzichtet. China hatte vorab interveniert und
protestierte auch hinterher noch. Doch die Hanseaten mochten sich
nicht einschüchtern lassen und der Dalai Lama sagt knapp: „Das ist
wie eine Schallplatte. Sogar wenn ich schweige, kritisieren Sie
mich.“
Menschliche Werte
und Harmonie
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Eintrag ins
Goldene Buch der Stadt Hamburg |
Was begeistert die
vielköpfige Menge, die stundenlang vor dem Rathaus ausharrt? Man
hört von seiner Aufrichtigkeit und Bescheidenheit, von seiner
Ausstrahlung und dass sich die Stadt mit seinem Besuch schmücken
könne. Als er spontan auf eine Frau zugeht, die den „Spiegel“ mit
seinem Konterfei hochhebt und Tibetparolen ruft, als er Autogramme
gibt und Hände schüttelt, gewinnt er auch Zögerliche.
Er nennt zwei Ziele
dieses Aufenthalts: die Förderung menschlicher Werte und die
Förderung von Harmonie unter den Religionen. Diese Aufgaben habe
er freiwillig angenommen und werde sie deshalb auch bis an sein
Lebensende zu erfüllen versuchen. Die Tibetproblematik hingegen
sei ihm qua Amt zugefallen. Deshalb nehme er die moralische
Verantwortung für sein Land wahr. Sorgen machen ihm der
„kulturelle Genozid“, die Sinisierung der großen Städte, Folter in
den Gefängnissen, fehlende religiöse Ausbildung der nachwachsenden
Generation. Vierzehn Tibeter befinden sich seit mehr als zwei
Wochen in Delhi im Hungerstreik befinden.
Ein Dalai Lama mit
zuviel Mitgefühl?
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Ein Band für den
Bürgermeister: Geste kulturellen Respekts zwischen Ole von
Beust und dem Dalai Lama |
Aus Enttäuschung über
die ergebnislose sechste Verhandlungsrunde zwischen Peking und den
Exiltibetern hat der Tibetan Youth Congress (TYC) den Protest
organisiert. Der TYC tritt für die volle Unabhängigkeit Tibets ein
und kritisiert den auf Autonomie ausgerichteten Kurs des Dalai
Lama. Er sei ein „schwacher Dalai Lama“ mit „zu viel Mitgefühl“ -
ein Missverständnis, das ihn lachen macht. Er versteht die
Enttäuschung der jungen Leute, schätzt ihr starkes Nationalgefühl
und schreibt ihnen ins Stammbuch, dass Hungerstreik Gewalt gegen
sich selbst und Selbsttötung eine negative Handlung ist.
Auf die Frage, ob
kontemplatives Training der politischen Führer die Welt besser
machen würde, schüttelt er sich vor Lachen: „Wie? Präsident Putin,
Präsident Bush und Mister Brown, die deutsche Bundeskanzlerin
Angela Merkel, der französische Präsident? Unmöglich. Niemand kann
das machen. Jeder fühlt sich als großer Boss.“ Die heutigen
Verantwortlichen hätten Denkmuster aus dem vergangenen
Jahrhundert. Der Dalai Lama setzt auf eine neue Generation, die
schon im Kindergarten, in der Schule zum Dialog und zur
Gewaltlosigkeit erzogen worden ist. Wenn man dreizehn
Reinkarnationen hinter sich hat und - in welcher Form auch immer -
noch viele vor sich, ist ein Langfristprojekt kein Problem. Auch
in China hofft er auf die Jungen, die zunehmend Interesse am
tibetischen Buddhismus haben, seine Veranstaltungen in Indien
besuchen und sich ihre eigene Meinung bilden. Olympische Spiele in
Peking begrüßt er, sie können zur Öffnung beitragen.
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Prominenz reicht
sich die Hand: Der Dalai Lama und die Sängerin Judith
Holofernes von "Wir sind Helden" |
Wichtiger als die
Rückkehr nach Tibet ist es ihm, „ein nützliches Leben“ zu führen.
Ohne Freiheit wäre es dort wie Hausarrest, wie beim gegenwärtigen
Panchen Lama. Falls er doch zurückkann, möchte er „Aussöhnung
zwischen den tibetischen und den chinesischen Brüdern und
Schwestern bewirken - das ist das, was ich wirklich tun will“. Und
enge Beziehungen zwischen Deutschland, Indien und China schaffen.
„Und dann werde ich gehen und als Dalai Lama ,Auf Wiedersehen'
sagen.“ Noch ist es nicht so weit.
Für die volle
Ordination der tibetsichen Nonnen
Bei den
Veranstaltungen in Hamburg lernt man allmählich seine Strategien
kenne. Zunächst beim „International Congress on Buddhist Women's
role in the Sangha“. Die Studienstiftung für Buddhismus und das
Asien-Afrika-Institut der Universität Hamburg richten den Kongress
aus. An sich eine innerbuddhistische Angelegenheit. Seit der
Gründung des Nonnenordens vor rund 2500 Jahren sind die Nonnen den
Mönchen untergeordnet. Dort wo, wie in Tibet, die volle Ordination
für Nonnen niemals eingeführt worden war und dort wo sie, wie in
Sri Lanka, seit Jahrhunderten ausgestorben ist, sehen sich die
Nonnen auf den Status der Novizin eingeschränkt. Damit sind sie
von höheren Studien ausgeschlossen, dürfen wesentliche Texte
überhaupt nicht lesen. Der Kongress will auf die Einführung der
vollen Ordination für tibetisch-buddhistische Nonnen hinwirken.
Die kann auch der Dalai Lama nicht im Alleingang gewähren. Aber
mit der Unterstützung aller buddhistischen Traditionen ist ein
Meilenstein gesetzt.
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Stadionfüllend:
Der Dalai Lama war während seines zehntätigen Besuchs ein
Zuschauermagnet |
In der Frauenfrage
zeigt sich der Dalai Lama als Modernisierer. Der Buddha, so sagt
er, würde den Frauen heute mehr Rechte geben. Bei den
Veranstaltungen am Wochenende im Rothenbaumstadion, die jeweils
mehr als zehntausend Teilnehmer anziehen, entfaltet sich dann sein
Unterhaltungstalent. Schon im Februar war innerhalb von zwei
Wochen „Frieden lernen“ ausverkauft. Gebetsfahnen und eine
Zeltstadt mit Verkaufs- und Imbissständen stimmen auf Tibet ein.
Innen ist das Stadion in den buddhistischen Farben blau-gelb-rot
geschmückt. Im Hintergrund der Bühne steht ungenutzt ein hoher
Thron. Der Dalai Lama sitzt mit wechselnden Gesprächspartnern
zusammen, gibt kurze Einführungen, etwa über Ethik im Alltag und
lässt sich über Unternehmungen berichten, die dem alltäglichen,
friedlichen Zusammenleben der Menschen dienen. Die Wogen der
Begeisterung gehen hoch.
Auf dem Weg zur
Erleuchtung
Sein Vortrag über
„Mitgefühl in der globalisierten Welt“ wird mit Jubelstürmen
gefeiert. Beim fünftägigen Kommentar zu den „Vierhundert Versen
über die Übungen auf dem Weg zur Erleuchtung“ des indischen
Meisters Aryadeva dagegen ist das Stadion nicht voll. Das Publikum
ist fast vollständig ausgetauscht, die Atmosphäre konzentriert.
Der Dalai Lama wechselt vom Englischen ins Tibetische, er ist
jetzt als buddhistischer Lehrer ganz in seinem Element. Es geht um
die Geistesschulung eines Bodhisattvas, eines Wesens, das das
altruistische Mitgefühl entwickelt, und um hochphilosophische
Fragen. Dieser Klassiker ist auch für altgediente Buddhisten harte
Kost.
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Prediger des
Mitgefühls: Der Dalai Lama während eines Pressegesprächs |
Offensichtlich weckt
der Dalai Lama im Westen Interesse am Buddhismus. Auffallend
bleibt aber die Diskrepanz zwischen der Wertschätzung des Dalai
Lama als Person und der mangelnden gesellschaftlichen Anerkennung
praktizierender Buddhisten. Teilnehmer erzählen, dass sie aus
Furcht vor sozialer Ausgrenzung ihre Zugehörigkeit zum Buddhismus
verbergen.