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Dalai Lama - Neue Heimat Hamburg


FAZ.NET, 29.07.07

Von Brigitte Löhr
 

Im Dienst von Harmonie und Mitgefühl: der Dalai Lama in Hamburg

„Dort wo es einem gut geht, wo man sich wohlfühlt, da ist die Heimat. Und diejenigen, die einem Gutes tun, sind die Eltern.“ Entspannt, alterslos sitzt der Dalai Lama da. Und beantwortet mit dem tibetischen Sprichwort die Frage, ob er hoffe, seine Heimat Tibet noch einmal zu sehen. „Nun, in dieser Woche genieße ich die positive Atmosphäre in Hamburg, und zumindest für diese neun Tage ist Hamburg meine Heimat.“ Sprühend vor Energie, blickt der Zweiundsiebzigjährige auf die Gesprächspartner. Dabei hat er schon tagelang ein dichtes Programm absolviert.
 

Gleich nach der Ankunft am vergangenen Freitag empfing ihn Bürgermeister Ole von Beust mit allen Ehren im Hamburger Rathaus. Nur auf tibetische Flaggen wurde verzichtet. China hatte vorab interveniert und protestierte auch hinterher noch. Doch die Hanseaten mochten sich nicht einschüchtern lassen und der Dalai Lama sagt knapp: „Das ist wie eine Schallplatte. Sogar wenn ich schweige, kritisieren Sie mich.“

Menschliche Werte und Harmonie

Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Hamburg

Was begeistert die vielköpfige Menge, die stundenlang vor dem Rathaus ausharrt? Man hört von seiner Aufrichtigkeit und Bescheidenheit, von seiner Ausstrahlung und dass sich die Stadt mit seinem Besuch schmücken könne. Als er spontan auf eine Frau zugeht, die den „Spiegel“ mit seinem Konterfei hochhebt und Tibetparolen ruft, als er Autogramme gibt und Hände schüttelt, gewinnt er auch Zögerliche.

 

Er nennt zwei Ziele dieses Aufenthalts: die Förderung menschlicher Werte und die Förderung von Harmonie unter den Religionen. Diese Aufgaben habe er freiwillig angenommen und werde sie deshalb auch bis an sein Lebensende zu erfüllen versuchen. Die Tibetproblematik hingegen sei ihm qua Amt zugefallen. Deshalb nehme er die moralische Verantwortung für sein Land wahr. Sorgen machen ihm der „kulturelle Genozid“, die Sinisierung der großen Städte, Folter in den Gefängnissen, fehlende religiöse Ausbildung der nachwachsenden Generation. Vierzehn Tibeter befinden sich seit mehr als zwei Wochen in Delhi im Hungerstreik befinden.

Ein Dalai Lama mit zuviel Mitgefühl?

Ein Band für den Bürgermeister: Geste kulturellen Respekts zwischen Ole von Beust und dem Dalai Lama

Aus Enttäuschung über die ergebnislose sechste Verhandlungsrunde zwischen Peking und den Exiltibetern hat der Tibetan Youth Congress (TYC) den Protest organisiert. Der TYC tritt für die volle Unabhängigkeit Tibets ein und kritisiert den auf Autonomie ausgerichteten Kurs des Dalai Lama. Er sei ein „schwacher Dalai Lama“ mit „zu viel Mitgefühl“ - ein Missverständnis, das ihn lachen macht. Er versteht die Enttäuschung der jungen Leute, schätzt ihr starkes Nationalgefühl und schreibt ihnen ins Stammbuch, dass Hungerstreik Gewalt gegen sich selbst und Selbsttötung eine negative Handlung ist.

Auf die Frage, ob kontemplatives Training der politischen Führer die Welt besser machen würde, schüttelt er sich vor Lachen: „Wie? Präsident Putin, Präsident Bush und Mister Brown, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, der französische Präsident? Unmöglich. Niemand kann das machen. Jeder fühlt sich als großer Boss.“ Die heutigen Verantwortlichen hätten Denkmuster aus dem vergangenen Jahrhundert. Der Dalai Lama setzt auf eine neue Generation, die schon im Kindergarten, in der Schule zum Dialog und zur Gewaltlosigkeit erzogen worden ist. Wenn man dreizehn Reinkarnationen hinter sich hat und - in welcher Form auch immer - noch viele vor sich, ist ein Langfristprojekt kein Problem. Auch in China hofft er auf die Jungen, die zunehmend Interesse am tibetischen Buddhismus haben, seine Veranstaltungen in Indien besuchen und sich ihre eigene Meinung bilden. Olympische Spiele in Peking begrüßt er, sie können zur Öffnung beitragen.

Prominenz reicht sich die Hand: Der Dalai Lama und die Sängerin Judith Holofernes von "Wir sind Helden"

Wichtiger als die Rückkehr nach Tibet ist es ihm, „ein nützliches Leben“ zu führen. Ohne Freiheit wäre es dort wie Hausarrest, wie beim gegenwärtigen Panchen Lama. Falls er doch zurückkann, möchte er „Aussöhnung zwischen den tibetischen und den chinesischen Brüdern und Schwestern bewirken - das ist das, was ich wirklich tun will“. Und enge Beziehungen zwischen Deutschland, Indien und China schaffen. „Und dann werde ich gehen und als Dalai Lama ,Auf Wiedersehen' sagen.“ Noch ist es nicht so weit.

Für die volle Ordination der tibetsichen Nonnen

Bei den Veranstaltungen in Hamburg lernt man allmählich seine Strategien kenne. Zunächst beim „International Congress on Buddhist Women's role in the Sangha“. Die Studienstiftung für Buddhismus und das Asien-Afrika-Institut der Universität Hamburg richten den Kongress aus. An sich eine innerbuddhistische Angelegenheit. Seit der Gründung des Nonnenordens vor rund 2500 Jahren sind die Nonnen den Mönchen untergeordnet. Dort wo, wie in Tibet, die volle Ordination für Nonnen niemals eingeführt worden war und dort wo sie, wie in Sri Lanka, seit Jahrhunderten ausgestorben ist, sehen sich die Nonnen auf den Status der Novizin eingeschränkt. Damit sind sie von höheren Studien ausgeschlossen, dürfen wesentliche Texte überhaupt nicht lesen. Der Kongress will auf die Einführung der vollen Ordination für tibetisch-buddhistische Nonnen hinwirken. Die kann auch der Dalai Lama nicht im Alleingang gewähren. Aber mit der Unterstützung aller buddhistischen Traditionen ist ein Meilenstein gesetzt.

Stadionfüllend: Der Dalai Lama war während seines zehntätigen Besuchs ein Zuschauermagnet

In der Frauenfrage zeigt sich der Dalai Lama als Modernisierer. Der Buddha, so sagt er, würde den Frauen heute mehr Rechte geben. Bei den Veranstaltungen am Wochenende im Rothenbaumstadion, die jeweils mehr als zehntausend Teilnehmer anziehen, entfaltet sich dann sein Unterhaltungstalent. Schon im Februar war innerhalb von zwei Wochen „Frieden lernen“ ausverkauft. Gebetsfahnen und eine Zeltstadt mit Verkaufs- und Imbissständen stimmen auf Tibet ein. Innen ist das Stadion in den buddhistischen Farben blau-gelb-rot geschmückt. Im Hintergrund der Bühne steht ungenutzt ein hoher Thron. Der Dalai Lama sitzt mit wechselnden Gesprächspartnern zusammen, gibt kurze Einführungen, etwa über Ethik im Alltag und lässt sich über Unternehmungen berichten, die dem alltäglichen, friedlichen Zusammenleben der Menschen dienen. Die Wogen der Begeisterung gehen hoch.

Auf dem Weg zur Erleuchtung

Sein Vortrag über „Mitgefühl in der globalisierten Welt“ wird mit Jubelstürmen gefeiert. Beim fünftägigen Kommentar zu den „Vierhundert Versen über die Übungen auf dem Weg zur Erleuchtung“ des indischen Meisters Aryadeva dagegen ist das Stadion nicht voll. Das Publikum ist fast vollständig ausgetauscht, die Atmosphäre konzentriert. Der Dalai Lama wechselt vom Englischen ins Tibetische, er ist jetzt als buddhistischer Lehrer ganz in seinem Element. Es geht um die Geistesschulung eines Bodhisattvas, eines Wesens, das das altruistische Mitgefühl entwickelt, und um hochphilosophische Fragen. Dieser Klassiker ist auch für altgediente Buddhisten harte Kost.

Prediger des Mitgefühls: Der Dalai Lama während eines Pressegesprächs

Offensichtlich weckt der Dalai Lama im Westen Interesse am Buddhismus. Auffallend bleibt aber die Diskrepanz zwischen der Wertschätzung des Dalai Lama als Person und der mangelnden gesellschaftlichen Anerkennung praktizierender Buddhisten. Teilnehmer erzählen, dass sie aus Furcht vor sozialer Ausgrenzung ihre Zugehörigkeit zum Buddhismus verbergen.

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