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Die Letzten frisst der Berg: "Kekexili –
Mountain Patrol"
Der Standard,
4.1.07:
Dominik
Kamalzadeh
Lu
Chuan erzählt vom Kampf gegen Wilderer im Hochland nahe Tibet: ein
ungewöhnlicher Western, in dem die Landschaft den Menschen viel
abverlangt
Wien – Jeder Fußabdruck auf dem Hochplateau Kekexili könnte der
erste seit Beginn der Zeit sein, heißt es in Lu Chuans Film einmal.
Das Zitat vermittelt auf anschauliche Weise eine Vorstellung von der
immensen Größe und Abgeschiedenheit dieses Landschaftszugs am Rande
Tibets. Vor allen anderen ist dieser deshalb auch der eigentliche
Star von "Kekexili – Mountain Patrol": nicht nur Kulisse, sondern
Gradmesser menschlichen Handelns, ja sogar zäher Widersacher. Ein so
karges wie imposantes Ungetüm auf 4500 bis 5000 Meter Höhe.
Wer nun aber an eine weitere Wildlife-Doku im "Universum"-Format
denkt, der ist auf der falschen Fährte – obgleich Lus Film auch noch
von einer bedrohten Tierart, der Tibetantilope, erzählt. Weil sie
über ein besonders einträgliches Fell verfügt, wurde sie Anfang der
90er-Jahre von Wilderern beinahe ausgerottet. Ein eigenes
Bergpatrouillenteam übernahm die Aufgabe, das Terrain und seine
tierischen Bewohner zu schützen. Vorstellen darf man sich diese
Männer aber nicht als friedfertige Öko-Polizei, sie glichen vielmehr
einer Guerillaeinheit; angeführt wurde sie von einem Rotarmisten
namens Ritai.
Kekexili dient dieser Hintergrund als Basis für ein Drama, das sich
ganz bewusst der Ikonografie des Westerns bedient – und darüber
nicht nur in China Aufsehen erregte. Ga Yu, ein Journalist aus
Beijing, ist die vermittelnde Instanz des Films. Er wird in Ritais
Patrouille eingebettet und begleitet sie auf ihrer Verfolgungsjagd
in die Berge, die sich zu einem fast einmonatigen Martyrium
entwickeln wird. Wer gut und wer böse ist, scheint zu Beginn dieses
Unternehmens noch recht klar zu sein. Nicht zuletzt deshalb, weil
einer von Ritais Leuten gerade erst von Wilderern exekutiert wurde.
Es ist allerdings ein vertrauter Topos des Westerns, dass die
moralische Unterscheidung von Verfolger und Gejagtem zum Problem
gerät. Lu Chuan weiß darum – und lässt die Wilderer erst gar nicht
ins Bild kommen. Der so verkniffen wie wortkarge Ritai erscheint
damit allmählich als eine Art Captain Ahab, der seine Mannschaft aus
Freiwilligen zunehmend besessener in immer unwirtlichere Regionen
treibt. Von den Widersachern zeugen nur die Kadaver der erlegten
Antilopen samt Geiern.
Kampf mit Sauerstoff
Die eigentliche Herausforderung stellt daher weniger der Kampf mit
dem Gegner als jener mit der Landschaft dar. Standardsituationen des
Genres werden auf diese Weise gewitzt variiert. Bei einer Verfolgung
bergauf fehlt der nötige Sauerstoff, sodass sich die Kontrahenten
nur mit größter Mühe weiter schleppen können. Unwägbarkeiten wie
Treibsand oder plötzliche Wetterumbrüche setzen dem Patrouillenteam
mehr zu als gelegentliche Schüsse aus dem Hinterhalt.
Lu Chuan weidet solche Aktionsmomente nicht aus, sondern fügt sie in
die organischen Einheit eines Films ein, der auch in weniger
spektakulären Momenten stimmig bleibt. Das extreme Breitwand-Format
lässt die Figuren in ihrer Umgebung verschwindend klein erscheinen.
"Kekexili" weist wohl auch damit darauf hin, dass die Menschen hier
auf beiden Seiten der Landschaft Untertan bleiben. Für effektiven
Umweltschutz fehlt das nötige Geld, die Wilderer rekrutieren sich
dagegen großteils aus der Landbevölkerung, die über keine andere
Einkommensquelle mehr verfügt.
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