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Merkel und der Dalai Lama - In
die Mitte aller Dinge
Frankfurter Allgemeine, 16.11.07
Von Mark Siemons
 Als
die Bundestagsfraktion der Union kürzlich ihre „Asienstrategie“
vorlegte, war das der Pekinger Parteizeitung „Global Times“ eine
entrüstete Titelgeschichte unter einem großen Merkelfoto wert. Für
gewöhnlich werden Neuigkeiten von ausländischen Parteien allenfalls
mit einer kurzen Meldung bedacht. Offensichtlich sieht die
chinesische Führung in dem Papier eine Bestätigung des Argwohns, den
sie gegen die deutsche Kanzlerin hegt: dass der Empfang des Dalai
Lama nicht bloß eine populistische Laune aus innenpolitischem Kalkül
war, wie es ihr jetzt ihre deutschen Kritiker Schröder, Steinmeier
und Antje Vollmer vorwerfen.
Immerhin haben in jüngster Zeit auch
der österreichische Bundeskanzler Gusenbauer, Präsident Bush und der
kanadische Premierminister Harper den Dalai Lama getroffen. Bei
allen gab es den erwartbaren routinierten Protest aus China. Nur im
Falle Merkels und Deutschlands scheint die Verstimmung dauerhaft zu
sein. Anscheinend wittert Peking etwas Grundsätzliches dahinter, das
die Großwetterlage empfindlich verändern könnte.
Ein neuer Systemkonflikt
In der „Asienstrategie“ der CDU/CSU
heißt es: „China stellt dem Westen in zunehmendem Maße die
Systemfrage.“ Seine Kombination von Autoritarismus und
Frühkapitalismus werde von einigen Entwicklungsländern schon als
„alternatives politisches Ordnungsmodell“ empfunden. Da gelte es, in
einer „immer weniger euro-atlantisch geprägten Welt“ die Position
des Westens neu zu definieren. Die Union rät nicht zu
Protektionismus, aber sie fordert Europa auf, schon jetzt den
Schulterschluss mit den amerikanischen Interessen im Fernen Osten zu
suchen: „Wir unterstützen die Rolle der USA als
sicherheitspolitische Garantiemacht in Asien.“ Das Konzept zielt
also auf Eindämmung des aufsteigenden Chinas. Die CDU trägt
Deutschland und Europa nichts Geringeres als einen neuen
Systemkonflikt an.
Das wäre eine deutliche Veränderung
des nach dem Ende des Kalten Kriegs entstandenen „multipolaren“
Selbstverständnisses Europas: Auf der Grundlage der gemeinsamen
Werte soll die EU künftig mit Amerika in Asien an einem Strang
ziehen. Was immer daraus wirtschaftlich, politisch und militärisch
folgen mag, so scheint der Kampf auf symbolischer Ebene bereits
begonnen zu haben. In den letzten Tagen veröffentlichte die amtliche
Nachrichtenagentur Xinhua mehrere Grundsatzartikel gegen den Dalai
Lama und gab damit zu erkennen, dass sie sich auf die
Systemauseinandersetzung einlassen will.
Instrument feindlicher Kräfte
Für die Regierung in Peking ist die
„Dalai-Clique“ ein Instrument feindlicher Kräfte im Ausland, die wie
früher die Kolonialmächte China seine Souveränität bestreiten wollen
- Tibet sei aber seit mehr als siebenhundert Jahren ein „integraler
Bestandteil“ des Landes. Die Versicherung des Dalai Lama, er strebe
für Tibet heute nur noch Autonomie an, sei unglaubwürdig, da er
zugleich an zwei Strategiepapieren aus den achtziger Jahren
festhalte, in denen die Unabhängigkeit als langfristiges Ziel
erscheine.
Die Behauptung der fraglosen
Souveränitätsausübung über Tibet fügt sich ein in die mythische
Perspektive, aus der China seine Geschichte betrachtet. Man pflegt
die Fiktion einer im Zweifel seit fünftausend Jahren bestehenden
territorialen Einheit „Chinas“ als eines schicksalhaft
zusammengehörigen Raumes. Allerdings wird auch das Konzept einer
kompletten „nationalen Unabhängigkeit“, das viele Tibeter vertreten,
zum Teil von Behauptungen gestützt, die von den vielfältigen
geschichtlichen Verflechtungen der Region abstrahieren. Seit dem
dreizehnten Jahrhundert bestand ein enges Priester-Patron-Verhältnis
des obersten buddhistischen Würdenträgers mit dem mongolischen Khan,
das erhalten blieb, als der Khan Kaiser von China wurde. Der Kaiser
war auch militärischer Schutzherr Tibets. Die Mandschu-Kaiser der
Qing-Dynastie stellten dieses Verhältnis im achtzehnten Jahrhundert
ausdrücklich wieder her, unter dem der Dalai Lama eine weitgehende
Autonomie besaß.
Keine Untertanen Chinas
Als die Volksbefreiungsarmee Tibet
1950 besetzte, interpretierte sie das als „Befreiung“ eines China
ohnehin zugehörigen Territoriums, während die Regierung des Dalai
Lama einen unabhängigen Staat zu repräsentieren beanspruchte. Die
früheren Patronage-Verhältnisse lassen sich nicht umstandslos in die
Kategorien eines Völkerrechts unter dem Paradigma nationaler
Souveränität überführen. Die Tibeter hatten sich nie als Untertanen
Chinas, sondern allenfalls der mongolischen und der mandschurischen
Kaiser empfunden.
Nach deren Sturz hatte der Dalai
Lama Tibet 1913 für unabhängig erklärt; 1914 sicherte Großbritannien
als regionale Vormacht Tibet die Anerkennung von dessen
Selbstverwaltung bei fortdauernder Oberhoheit Chinas zu. Die
kommunistische Volksrepublik wurde später der alten Rolle als
Schutzherr jedenfalls nicht gerecht: Nachdem sie der buddhistischen
Hierarchie anfangs noch eine relative Autonomie zugestanden hatte,
begann spätestens nach dem grausam niedergeschlagenen Aufstand von
1959 eine brutale Unterdrückung der Mönche und ihrer Kultur, die
während der Kulturrevolution ihren Höhepunkt erreichte. Amerika
machte sich den Konflikt zunutze; tibetische Rebellen wurden in
Trainingscamps der CIA ausgebildet. Der Dalai Lama war unterdessen
nach Indien geflohen.
Worum geht es?
Wegen der Verwickeltheit dieser
Geschichte und des chinesischen Drucks fordern westliche
Regierungschefs genauso wie der Dalai Lama selbst offiziell heute
nicht mehr die Unabhängigkeit Tibets. Aber worum geht es dann?
Tibetfreunde wie Roland Koch und Antje Vollmer stimmen darin
überein, dass sie die Rückkehr des Dalai Lama in sein Land für
vorrangig halten, um der tibetischen Kultur und Religion einen
authentischen, nicht von außen aufgedrückten Selbstausdruck zu
verschaffen. Die Trennung von Politik und Religion, die dabei sowohl
der chinesischen wie der tibetischen Seite abverlangt würde, wäre
für alle Beteiligten etwas Neues.
Ob Frau Merkels Treffen mit dem
Dalai Lama für die langwierigen Verhandlungen zu diesem Zweck der
richtige Schritt war, ist zweifelhaft. Eher hat es, wie die Kritiker
vermuten, die Fronten verhärtet und lässt weniger Spielraum denn je,
wenigstens für Deutschland. Doch die Kanzlerin scheint, was China
betrifft, mehr auf die Weltöffentlichkeit als auf diplomatische
Absprachen zu setzen. Insofern ist der Empfang tatsächlich schon ein
Symbol für den neuen Systemkonflikt, dem sich die Partei der
Kanzlerin stellen will.
Die Frage ist, ob ihre Analyse
richtig ist, ob es sich bei China überhaupt um ein „System“ handelt,
dem nur mit der Konfrontation durch ein anderes System beizukommen
ist. Oder ob es ein sich langsam, aber ständig aus sich selbst
heraus wandelndes Gebilde ist, das für Einflüsse von außen nicht
unempfänglich ist. Schon in den letzten Jahrzehnten haben die
Kategorien „Menschenrechte“ und „Demokratie“ das Land gehörig unter
Druck gesetzt; allerdings geschahen die Reformen immer nur unter der
Maßgabe der eigenen inneren Verhältnisse und unter der obersten
Priorität der „Stabilität“. Gemeinhin wird diese Stabilität mit dem
Herrschaftsmonopol der Kommunistischen Partei gleichgesetzt; aber
auch, ob das so bleibt, ist nicht gesagt. |