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Meinung ja,
Freiheit nein
Süddeutsche
Zeitung, 28.6.07
Chinas
Mittelschicht entdeckt das Internet
Mit elektronischen Hilfsmitteln beginnt die chinesische
Mittelschicht, sich öffentlich zu artikulieren. Doch zarte Keime
bürgerlichen Engagements passen dem Pekinger Regime gar nicht in den
Kram.
Von
Johannes Kuhn
 Die
SMS war anonym und sie erreichte innerhalb weniger Stunden Tausende
Bewohner der chinesischen Hafenstadt Xiamen: "Die Xianglu-Gruppe
investiert in eine hochgiftige Chemiefabrik im Haicang-Distrikt. Das
ist wie das Entzünden einer Atombombe in Xiamen. Wir werden an
Leukämie
erkranken und missgebildete Kinder gebären", konnten viele
Handybesitzer Ende Mai auf ihrem Display lesen.
Nun sind die 2,3 Millionen Bewohner von Xiamen nicht gerade als
Dissidenten bekannt: Die Industrie floriert, unter anderem steht
dort eine Fabrik des deutschen iPhone-Zulieferers Balda. Doch der
Bau einer 1,8 Milliarden Euro teuren Chemiefabrik direkt am
Stadtrand beunruhigte die Bewohner. Normalerweise stehen Anlagen,
die das Materiali Paraxylene (PX) produzieren, mindestens 20
Kilometer außerhalb eines Wohngebiets.
So wurde das Thema auch in Internetforen und Blogs aufgegriffen und
diskutiert. Ehe die Zensoren einschreiten konnten, fanden sich
Tausende Menschen zusammen, um gegen die Fabrik zu demonstrieren.
Viele von ihnen gehörten zur Mittelschicht, die sich eigentlich
loyal zu den Regierungsbehörden verhalten.
Die Stadtverwaltung wurde vom plötzlich aufkeimenden zivilen
Ungehorsam kalt erwischt: Erst ließ sie verkünden, die Fabrik würde
wie geplant gebaut und verordnete ihren Mitarbeitern
Wochenendschichten, um sie an der Teilnahme an den Demonstrationen
zu hindern. Kurz darauf musste Vizebürgermeister Ding Guoyan jedoch
einlenken und einen Baustopp erlassen, um weitere Untersuchungen zu
möglichen Umweltschäden zu ermöglichen.
Es gibt zarte Anzeichen dafür, dass sich in China Vorformen einer
Zivilgesellschaft entwickelen -- und sie führt ihre Debatte über das
Internet. Als Anfang Juni Gerüchte über die Haltung junger
Arbeitssklaven in der nördlichen Provinz Shanxi die Runde machten,
wurden Internet-Foren schnell zum Multiplikator. Bald schon stand
eine Online-Petition im Netz, in der die Eltern von für die
Zwangsarbeit verschleppten Kindern um Hilfe baten.
Als sich auch die offiziellen Medien der Geschichte annahmen, hatten
die chinesischen Behörden bereits Schritte eingeleitet:
Regierungsangaben zufolge nahmen 45.000 Polizisten Razzien in mehr
als 8.000 Ziegeleien und kleinen Kohle-Bergwerken vor, Hunderte von
Zwangsarbeitern wurden seitdem befreit, Firmenbosse und korrupte
Aufsichtsbeamte verhaftet.
56 Millionen Breitband-Anschlüsse
Es ist ein uneinheitliches Bild, das China im Jahr 2007 bietet: Auf
der einen Seite besitzen 56 Millionen Chinesen einen
Breitband-Internetanschluss, eine breite Mittelschicht entdeckt
dadurch Chaträume und Internetforen. Die Regierung hat den Ausbau
der Online-Infrastruktur durch staatliche Programme gefördert, nicht
zuletzt, um Unternehmen aus dem In- und Ausland westliche
Rahmenbedingungen zu bieten.
Die Kehrseite der Online-Medaille ist, dass China ein kontrolliertes
Internet haben möchte, das die Autorität des Regimes in Frage
stellen könnte - was bei der gigantischen Menge an Informationen,
die durch die Datenleitungen fließen, ein mühsames Geschäft ist.
Gebetsmühlenartig wiederholt Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao
seit einigen Monaten seine Forderung nach der Befreiung des
Internets von "ungesunden" Inhalten.
In der Realität sieht das klinisch reine China-Net so aus: Die
Festnahmen von Cyber-Dissidenten in China haben nach Angaben der
Menschenrechts-Organisation Amnesty International in der jüngeren
Vergangenheit nochmals zugenommen.
Ein "sauberes" Netz
Experten vermuten Schlüsselwort-Filter an wichtigen Knoten- und
Endpunkten des Netzes und bis zu 30.000 Zensoren, die Online-Foren,
Nachrichtenseiten und Blogs von staatlicher Seite aus überwachen.
Google bietet weiterhin nur eine vorzensierte Version seiner
Suchmaschine an, die bei Suchworten wie "Falun Gong" keine
Ergebnisse zeigt, die Fotocomunity Flickr ist von China aus zur Zeit
gar nicht erreichbar -- unter anderem, weil dort Fotos der
Demonstrationen in Xiamen zu sehen sind.
"Die Informationsverbreitung ist ein wichtige Säule, um eine
Zivilgesellschaft entstehen zu lassen", erklärt der China-Experte
Thomas Heberer von der Universität Duisburg, "was wir jetzt erleben,
sind höchstens sehr frühe Vorformen eines Zivilbewusstseins."
So sind die Demonstrationen gegen die Chemifabrik für ihn kein
Umweltstatement, sondern nichts anderes als der Protest von
Wohnungsbesitzern, die nicht neben einer vermeintlichen Giftanalage
wohnen wollen. "Es hieß ja auch: Baut das Ding überall in China, nur
nicht bei uns." Dazu passen auch die Gerüchte, dass Immobilienfirmen
hinter der anonymen SMS steckten.
Frühe Vorformen des Zivilbewusstseins
Dirk Pleiter von Amnesty International vermutet, dass die
Online-Vernetzung einer anderen Bevölkerungsgruppe der Regierung in
Peking viel mehr Sorgen macht. So gibt China die Zahl der Unruhen
jährlich zwischen 80.000 und 90.000 an.
"Die Proteste schaffen es aber nie, die lokale Ebene zu
überschreiten", sagt Pleiter, "Die Größe der Studentenproteste von
1989 war eine absolute Ausnahme, die der Staat um jeden Preis
verhindern will – weil er wahrscheinlich wieder ähnlich reagieren
würde."
Ein möglicher Unruheherd ist die verarmte Landbevölkerung, die sich
seit Jahren über die schlechten Lebensbedingungen beschwert. Würden
sich hier Unruhen über die Provinzen hinweg verbreiten, könnte die
Regierung die Situation nur schwer kontrollieren.
Deshalb, so Pleiter, "wird der Zugang zu Internetcafés immer weiter
eingeschränkt." In Regionen wie Tibet, das nach Autonomie strebt,
müssen sich Nutzer in Internetcafés sogar ausweisen.
Das Internet als Sensor für Themen mit Sprengkraft
Bisher hat die Methode Erfolg: "Das chinesische Volk weiß, dass die
Informations- und Meinungsfreiheit auch im Internet seien Grenzen
hat", glaubt Pleiter und Heberer ergänzt: "Die Schrecken der
Kulturrevolution sitzen immer noch tief. Die Mehrheit der Menschen
möchte sich überhaupt nicht am öffentlichen Geschehen beteiligen."
Wer es trotzdem tut und Informationen ins Internet stellt, die der
Regierung nicht gefallen, kann durch die Dehnbarkeit der Gesetze
schnell wegen Staatsverrats ins Gefängnis wandern.
Allerdings hat die chinesische Regierung zumindest begriffen, dass
Einschüchterung alleine nicht mehr reicht. Als die Situation der
Arbeitssklaven von Shanxi thematisiert wurde, mussten die Behörden
reagieren, um den entstehenden gesellschaftlichen Druck abzubauen.
Das Internet, so scheint es, ist ein idealer Sensor, um solche
Themen auszuspüren und ihnen von vorneherein die Sprengkraft zu
nehmen. Und auch die Kraft des Mobiltelefons hat das Regime bereits
für seine Zwecke genutzt: Als 2005 Proteste gegen Japan schüren
wollte, organisierten die Funktionäre die Demonstrationen per SMS.
Die eigentliche Zivilgesellschaft, glaubt Heberer deshalb, entsteht
an anderen Stellen: "In einigen Ostküsten-Städten wie Shenyang und
Shanghai herrscht durch die vielen Einwanderer und ausländischen
Investoren ein liberaleres Klima. Dort beginnen die Menschen, ihre
Bürgerrechte vor Gericht einzuklagen. Und sie bekommen sogar
manchmal Recht."
Die Bewohner von Xiamen hingegen konnten ihre neue
Kommunikationsfreiheit nur kurz ausleben: Inzwischen sind die
Foren-Einträge zum Thema Chemiefabrik gelöscht,
Handy-Kurzmitteilungen mit entsprechenden Schlüsselwörtern erreichen
ihren Empfänger nicht mehr.
Chinas Weg in die Demokratie scheint also trotz besserer Vernetzung
eher einem langen Marsch gleichen -- aber an große Sprünge nach vorn
hat man im Reich der Mitte ohnehin keine guten Erinnerungen.
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