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Leben in Demut


Neue Westfälische, 29.12.07

Weisheit und Stolz prägen das Leben in Lhasa, Hauptstadt von Tibet

 Von Stefanie Meier

 Hochachtung (Foto: Stefanie Meier)Lhasa – die verbotene Stadt. Nur wenige Orte auf der Erde besitzen solch einen Mythos wie die Stadt auf dem tibetischen Hochplateau. Jahrhunderte lang war sie für Ausländer nicht zugänglich, die tibetischen Theokraten hatte Angst vor fremden Einflüssen und schotteten sich ab. Heinrich Harrer musste sich mit seinem Bergsteigerkumpel Peter Aufschnaiter 1946 in die Hauptstadt des damals noch unabhängigen Tibets einschleichen.

Heute ist Lhasa keine verbotene Stadt mehr. Ganz im Gegenteil. Die chinesische Besatzungsmacht unternimmt viel, um der Stadt ihren Mythos zu nehmen. Die neue Eisenbahnlinie bringt seit gut einem Jahr immer mehr Chinesen und Touristen in die 3600 Meter hoch gelegene Stadt.

Chinas Präsenz ist überall zu spüren

Da sind die vielen Neubauten mit grünspiegelnden Fassaden, die die traditionellen tibetischen Häuser mit ihrem weißen Putz verdrängen. Selbst der bisher alles überragende Potala-Palast – die Winterresidenz des Dalai Lamas vor seiner Flucht – verschwindet langsam, aber sicher hinter den mehrstöckigen Hochhäusern. Da sind die Chinesen, die sich überall ansiedeln, die Geschäfte führen und machen. Noch sollen von den gut 400.000 Einwohnern, die Lhasa hat, etwa 60 Prozent Tibeter sein.

"Das sind die offiziellen Zahlen", rückt Tenzing den Eindruck zurecht. Er ist Tibeter und lässt Touristen auch hinter die chinesischen Kulissen blicken. "Die Chinesen zählen auch die Soldaten nicht mit", ergänzt er mit Blick auf die großen Kasernen, die an Lhasas Ausfallstraßen liegen. Dort liegen Autohäuser wie an einer Gebetsschnur aufgereiht und Regierungsgebäude, deren Vorfahrt größer als ein Fußballplatz ist. Langsam, aber sicher wird aus Lhasa eine chinesische Stadt.

Nur auf dem Barkhor nicht. Auf dem rund einen Kilometer langen Pilgerweg schlägt das Herz Tibets intensiver als je zuvor. Wie jeder Muslim einmal im Leben nach Mekka möchte, so möchte jeder tibetische Buddhist einmal im Leben nach Lhasa. Und so strömen sie aus allen Teilen des Landes heran. Groß und klein, alt und jung, allein oder mit Familie, immer aber mit Gebetsmühle und Gebetskette. Es ist ein ständiges Treiben auf dem Rundweg.

Immer in Uhrzeigerrichtung, so will es der buddhistische Brauch. Mindestens dreimal umkreist ein Pilger den Jokhang-Tempel, das Ziel seiner Reise. "Am besten aber ist 108-mal", meint Tenzing – das ist eine heilige Zahl im tibetischen Buddhismus.

Im Jokhang-Tempel steht die Statue des Jobo Shakyamuni. Die prachtvolle juwelengeschmückte Statue wurde im 7. Jahrhundert nach Christus einer chinesischen Prinzessin bei ihrer Heirat nach Tibet als Mitgift mitgegeben und ist die älteste und heiligste Abbildung Buddhas in Tibet. Sie ist das Ziel aller Pilger. Geduldig stehen sie in langen, dichtgedrängten Schlangen an, um Einlass zu bekommen.

Währenddessen zünden andere Tibeter ganze Büsche von Wacholder in dem großen Brennofen vor dem Tempel an.

Andere Pilger stehen mit dem Gesicht zum Jokhang und sind ganz versunken im Rhythmus ihrer Niederwerfungen. Aus dem Stand gehen sie in die Hocke, strecken sich auf dem Boden aus, stehen wieder auf, gehen in die Hocke, strecken sich auf dem Boden aus, stehen wieder auf, gehen in die Hocke, strecken sich auf dem Boden aus . . . Diese besonders intensive und anstrengende Form der Verehrung vollziehen manche stundenlang – ohne Pause.

Magere Hilfsmittel aus Leder oder Holz schonen Hände und Knie. Einige haben Matrazen als Unterlage dabei. Das stetige Wischgeräusch auf dem Steinboden vor dem Jokhang geht dem Besucher auch abends noch nicht aus dem Sinn. Der Platz vor dem Jokhang ist einer der eindrucksvollsten Plätze der Erde. Intensiv, bunt, friedlich.

Der Barkhor ist nicht nur Pilgerweg. Er ist auch ein Ort des Flanierens und des Handelns. Auf den Marktständen links und rechts gibt es vom Docht für die Butterlampe über Gebetsfahnen bis hin zum Mönchsgewand alles, was der Pilger braucht. Die Dinge fürs tägliche Leben wie die für den Buttertee dringend benötige Yakbutter gibt es eher in den Nebengassen der Altstadt.

In den Gesichtern spiegelt sich Stolz


Das bunte Treiben auf dem Barkhor lässt sich auf zweierlei Art betrachten. Entweder man geht gegen den Uhrsinn – das ist mühselig und entlarvt den Spaziergänger sofort als Fremden, bietet aber den besten Blick auf die faszinierenden tibetischen Gesichter. Oder man zieht sich ins Café Makyeame zurück und beobachtet aus dem zweiten Stock aus der Distanz bei einer guten Tasse Kaffee – selten zu bekommen in Tibet – oder einem Gläschen chinesischen Rotwein den stetigen Pilgerstrom.15 bis 20 Minuten brauchen die Pilger für eine Umrundung.

Wer ein wenig Geduld hat, entdeckt schnell bekannte Gesichter. So die hochgewachsene Frau, die mit Stolz ihr Kind auf dem Rücken trägt, die kleine alte Frau mit dem gütigen Gesicht und den Mönch, der zwischendurch die Nachrichten auf seinem Handy anschaut. Mitten in diesem Pilgerstrom sitzen die chinesischen Polizisten auf ihren Plastikstühlchen an Plastiktischen unter einem Sonnenschirm. Alltag in Lhasa.

TIPPS


Anreise: Für China ist ein Visum und ein mindestens noch sechs Monate lang gültiger Reisepass erforderlich. Sowohl das Visum für China als auch die Einreisegenehmigung für Tibet besorgt in der Regel der Reiseveranstalter. Währung: Der chinesische Yuan gilt auch in Tibet. Zur Zeit bekommt man für einen Euro zehn Yuan.

Kosten: Das Leben in Tibet ist für Europäer sehr günstig. In Hotels kostet ein Bier zehn Yuan, in den landesüblichen Kneipen meist sogar nur drei Yuan. Eine große Kanne Buttertee kostet 15 Yuan.
Lese-Tipp: Karl-Heinz Everding: Tibet. Kunstreiseführer. DuMont Reiseverlag, Ostfildern, 4. aktualisierte Auflage 2007, 25,90 Euro.

 

Angebot: Studiosus-Reisen hat mehrere Tibet-Reisen im Programm. Darunter eine 21-tägige Reise nach Osttibet ab 3695 Euro und eine neue 17-tägige Tibet-Nepal-Tour ab 3.490 Euro.

Menschenrechte: Tibet ist kein einfaches Reiseland. Ratschläge für kritische Reisende gibt es bei der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte und unter der Internetadresse
www.savetibet.de.

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