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Siegel der Menschlichkeit
Spiegel Nr. 20/2007
D eutschland
will chinesische Zwangsarbeiterprodukte ächten - und liegt damit im
Trend: Viele Länder etablieren humanitäre Mindeststandards für den
Import.
Mit diplomatischer Feinfühligkeit hatte der Auftritt des Gesandten
der chinesischen Regierung wenig zu tun: "Völlig unprofessionell"
und ein "Affront" sei schon die Tatsache, dass sein Name auf dem
Schildchen vor ihm falsch geschrieben sei. Es schimpfte:
Botschaftsrat Zhao Bin. Adressat seines Ende April vorgetragenen
Ärgers war eine Handvoll Bundestagsabgeordnete.
So ungenau würden die Deutschen wohl auch sonst arbeiten. In dem
interfraktionellen und mit dem Auswärtigen Amt abgestimmten Antrag
über "die Verurteilung des Systems der Laogai-Lager in China" sei
"alles falsch", polterte der Chinese, der selbst um das Gespräch mit
den Abgeordneten gebeten hatte. Das Papier bediene sich des
Vokabulas des "Kalten Krieges". Sollte der Bundestag zustimmen,
drohe eine deutliche Verschlechterung der Beziehungen zwischen
Deutschland und China unter Ministerpräsident Wen Jiabao. Im Übrigen
verbitte er sich jede Einmischung in Angelegenheitenseines Landes.
All das Drohen und Zetern half nichts: Am Donnerstagabend
vergangener Woche beschloss der Bundestag die von China lautstark
missbilligte Drucksache 16/5146.
"In über 1000 Gefängnissen, Arbeitslagern und angeblichen
psychiatrischen Kliniken", heißt es in dem Papier, werden
"Anders-denkende ohne rechtsstaatliches Verfahren inhaftiert und
politisch umerzogen". Neben politischer Gehirnwäsche würden die
Gefangenen zu harter, unentgeltlicher
Arbeit gezwungen, bis zu 16 Stunden täglich, sieben Tage die Woche,
bei nur drei bis vier freien Tagen im Jahr.
Die deutsche Regierung wird in dem Antrag nicht nur aufgefordert,
die Lager zu verurteilen, in denen vermutlich vier bis sechs
Millionen Kriminelle und Drogenabhängige, aber auch Regimekritiker
und Homosexuelle inhaftiert sind. Deutschland möge auf europäischer
Ebene auch für die Entwicklung eines Gütesiegels eintreten, mit dem
die Verbraucher künftig sicher sein können, dass ein Produkt ohne
die Hilfe von Laogai-Häftlingen hergestellt wurde.
Die Gesellschaft für Menschenrechte bezeichnete die Initiative der
Fraktionen als "menschenrechtliche Sensation". Doch sie ist auch
Ausdruck eines Trends: Nachdem Verbraucherschutzverbände
jahrzehntelang dafür gekämpft haben, dass Hersteller die
Bestandteile ihrer Produkte teilweise bis aufs Milligramm genau
angeben müssen, fordern sie nun auch Transparenz bei den
Produktionsbedingungen, die oft der entscheidende Wettbewerbsfaktor
sind.
Immer mehr derartige Standards finden Einzug in Gesetze und
Verordnungen. Mittlerweile boykottieren Hunderte deutscher Städte
und Gemeinden Lieferanten von Natursteinen aus Indien, wenn nicht
zweifelsfrei sichergestellt ist, dass sie aus Steinbrüchen stammen,
in denen keine Kinder
arbeiten (SPIEGEL 47/2006).
Vergaberechtlich ist das bislang zwar unzulässig. Doch das
Wirtschaftsministerium arbeitet gerade an einer Novelle des
Gesetzes.
Als Mindeststandard, den die öffentlichen Auftraggeber einfordern
können, sollen die Kernarbeitsnormen der Internationalen
Arbeitsorganisation ILO dienen. Deren Regelwerk zufolge dürfen weder
Kinder noch Zwangsarbeiter an der Produktion beteiligt sein.
Außerdem muss in den jeweiligen Unternehmen ein
Diskriminierungsverbot herrschen. Und die Arbeitnehmer müssen die
Freiheit haben, sich in Gewerkschaften zu organisieren.
Laut ILO gibt es weltweit mehr als 12 Millionen Menschen, die
Zwangs- oder Sklavenarbeit verrichten - hauptsächlich in
Entwicklungs- und Schwellenländern, obwohl die katastrophalen
Arbeitsbedingungen auch dort offiziell verboten sind.
Selbst in Spanien ist der Polizei kürzlich eine Schlepperbande ins
Netz gegangen, die 91 überwiegend portugiesische Arbeiter gewaltsam
gezwungen hat, für weniger als zwei Euro pro Stunde auf
landwirtschaftlichen Gütern zu ackern.
Auch in Deutschland gibt es nach Angaben der ILO rund 15 000
Menschen, die zur Arbeit gezwungen würden. Über die Hälfte davon, so
schätzt die Organisation, seien ausländische Frauen, die in Bars
oder Bordellen ausgebeutet werden.
Doch die Verbraucher sind sensibilisiert - und viele Länder
versuchen, soziale Standards zu etablieren. Belgien etwa hat ein
sogenanntes Social Label eingeführt, Frankreich arbeitet an einem
ähnlichen Modell. In den USA kann der Zoll - theoretisch - harte
Strafen verhängen, wenn ein Importeur Waren einführt, die von
Zwangsarbeitern produziert wurden.
Der Nachweis ist indes schwierig, solange es keine etablierten
Gütesiegel gibt. Denn wer seine Waren mit so einem Prädikat versehen
will, muss unabhängigen Kontrolleuren Zugang zu seinen
Produktionsstätten gewähren. Dazu dokumentieren Organisationen wie
UNICEF Verstöße - etwa gegen das Verbot der Kinderarbeit.
Im Falle der Laogai-Lager stellt die von dem Ex-Häftling Harry Wu
gegründete Laogai Research Foundation jährlich eine Liste von
Firmen, die mit den Häftlingen arbeiten, auf. Ein Bußgeld wurde von
den US-Behörden bisher nur einmal verhängt. Höhe: 50 000 Dollar.
Wolfgang Reuter |