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Jesus und
die Politik des Dalai Lama
Readers
Edition, 28.12.07
Obwohl die
meisten Politiker bezweifeln, dass man im Geiste der Bergpredigt
Jesu regieren kann, gibt es eine respektable Reihe von weltbekannten
Politikern, die mit der Gewaltfreiheit der Bergpredigt erfolgreich
Politik gemacht und dem Frieden gedient haben.
Martin
Luther King hat in den USA ganz wesentlich zur Emanzipation der
Schwarzen im Geiste Jesu beigetragen, Mahatma Gandhi hat in Indien
ein Milliardenvolk mit einer Politik der Gewaltfreiheit in die
Unabhängigkeit von der Großmacht England geführt und Nelson Mandela
sowie Bischof Tutu haben in Südafrika unter ausdrücklicher Berufung
auf Jesu Bergpredigt die menschenverachtende Politik der
Rassentrennung aufgehoben.
Und heute versucht der Dalai Lama eine Politik der Bergpredigt für
Tibet. An seinem Beispiel wird freilich auch deutlich, dass der
Erfolg einer Bergpredigt-Strategie niemals garantiert ist und schon
gar nicht der schnelle Erfolg. Eine erfolgreiche Politik der
Bergpredigt erfordert Geduld, Gottvertrauen und souveräne
Beharrlichkeit. Jesus landete schließlich am Kreuz, Mandela war 28
Jahre im Gefängnis für seine Überzeugung und Gandhi wurde wegen
seiner Politik der Gewaltfreiheit ermordet.
„Die acht Seligpreisungen der Bergpredigt sind wie der achtfache
Pfad des Buddha ein Weg zum Frieden und Glück“, sagte mir der Dalai
Lama schon vor über 20 Jahren. Und als mein Buch „Der ökologische
Jesus – Vertrauen in die Schöpfung“ erschienen war, meinte der
„Papst des Ostens“ lachend: “Ihr nächstes Buch sollte „Der
ökologische Buddha“ heißen, denn in zentralen Fragen der Menschheit
waren sich unsere großen Vorbilder wie Buddha, Jesus, Laotse oder
Gandhi völlig einig. Sie wollten vor allem, dass alle Menschen
glücklich werden und in Frieden leben.“
Ausdrücklich
stimmt der Dalai Lama der These des christlichen Theologen Hans Küng
zu: „Ohne Religionsfrieden kein Weltfrieden“. Bei der Friedenssuche
sollten Religionen Vorbilder, Vorreiter und Vorkämpfer sein, was sie
freilich oft nicht waren.
Unter Frieden versteht der Dalai Lama keinen Frieden um jeden Preis.
„Gerechtigkeit ist die Bedingung für Frieden“, meint er und verweist
darauf, dass der Frieden zwischen China und Tibet vor allem deshalb
so schwer zu erreichen sei, weil die chinesischen Besatzer in seiner
Heimat im Himalaya seit bald 60 Jahren ein verbrecherisches
Unrechtsregime errichtet haben, das die Würde und Menschrechte der
Tibeter brutal verletzt. Der sanft und - wie er ausdrücklich sagt –
„der Bergpredigt Jesu verpflichtete“ Dalai Lama findet sehr klare
Worte, wenn es um die Menschenrechte in Tibet geht: „China betreibt
in Tibet eine Art kulturellen Völkermord. Politische Gefangene
werden gefoltert. Es gibt Zwangstötungen von Neugeborenen und
Zwangsabtreibungen wegen der chinesischen Ein-Kind-Familienpolitik“.
Gewaltlosigkeit heißt für wirkliche Bergpredigt-Freunde nicht
Feigheit vor dem Feind, sondern Klugheit, nicht Angst und
Duckmäusertum, sondern Mut und Aufrichtigkeit. „Gewalt“, sagt der
Dalai Lama, „ist einfach ein Zeichen von Schwäche und Dummheit.“
Wenn aber eine Politik der Gewaltlosigkeit 60 Jahre lang keine
Erfolge bringt und ein Ende der chinesischen Gewaltherrschaft immer
noch nicht abzusehen ist, hat der Dalai Lama Verständnis dafür, dass
junge Tibeter ungeduldig werden und auch den bewaffneten Kampf
gegen China fordern? „Verständnis ja“, sagt der
Friedensnobelpreisträger, der seit 50 Jahren im indischen Exil leben
muss und der prominenteste Flüchtling der Welt ist. Er fügt jedoch
hinzu: “Wenn junge Tibeter tatsächlich Gewalt anwenden würden, dann
würde ich aus Protest dagegen von allen Ämtern zurücktreten.“
Noch immer hofft der Dalai Lama, dass eines Tages auch chinesische
Politiker die Vorteile eines friedlichen und gerechten Ausgleichs in
Tibet erkennen und nutzen. Der Dalai Lama bietet China schon lange
an, dass Tibet im chinesischen Staatsverband bleibt, wenn es dafür
mehr kulturelle und religiöse Unabhängigkeit bekommt. Tibet könnte
eines Tages einen Status innerhalb Chinas erhalten wie heute
Südtirol innerhalb Italiens, meint er. Ein Angebot an China, das
ernsthaft geprüft werden sollte.
Jesu Botschaft heißt: „Selig sind die Friedensstifter“ und
„Liebt auch Eure Feinde“. Auch für Martin Luther King ist die
Feindesliebe der Bergpredigt der Schlüssel zum Frieden. King kurz
vor seiner Ermordung: „Die Liebe auch zu unseren Feinden ist der
Schlüssel, mit dem sich die Probleme der Welt lösen lassen. Jesus
war kein weltfremder Träumer, sondern ein praktischer Realist.“
Auch deshalb ist es gut und realpolitisch richtig, dass die
Bundeskanzlerin vor kurzem den Dalai Lama empfangen hat. Das war ein
wichtiges Zeichen für Frieden und humanitäre Außenpolitik. Schon
nach seinem ersten Treffen mit Angela Merkel 2005 hatte mir der
Dalai Lama gesagt: „Politikerinnen sind oft mutiger als Politiker.“
Die
ganze Weihnachtsbotschaft des jungen Mannes aus Nazareth heißt:
Frieden ist nur mit friedlichen Mitteln möglich. Frieden lässt sich
niemals herbei bomben. Das beweist der Irak-Krieg erneut. Frieden
entsteht durch Dialog, Verhandeln, Verständnis auch für den „Feind“
und durch fairen Interessenausgleich.
Auch die Gewalt von Terroristen besiegen wir erst an dem Tag, an dem
wir der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen. Das ist der Tag, an dem
auf dieser Welt kein Kind mehr verhungern muss. Das ist die
eigentliche Frohe Botschaft des Kindes in der Krippe.
Quelle:
Franz Alt 2007 |