|
„Ich will eine echte Autonomie“
Cicero Magazin, Dezember 2007
Interview mit Dalai Lama
Wird
der Dalai Lama von führenden Politikern empfangen, hagelt es
Proteste. Zuletzt löste sein Besuch bei Angela Merkel heftige
Reaktionen der chinesischen Regierung aus. Doch das lässt den
Religionsführer ungerührt
Nur wenige Persönlichkeiten haben eine ähnliche internationale
Stellung wie Sie. Und doch äußern die chinesischen Behörden, wohin
auch immer Sie reisen, ihren Unmut. So erst kürzlich anlässlich
Ihrer Unterredung mit Angela Merkel in Berlin. Wie denken Sie
darüber?
Die Reaktionen der chinesischen Behörden sind immer dieselben. Das
ist zur Gewohnheit geworden, für gewöhnlich folgen diesen Protesten
keine weiteren Konsequenzen. Was soll ich dazu sagen? Ich bedauere,
dass durch diese Besuche den Menschen, die mich einladen,
Unannehmlichkeiten entstehen, dass sie in Verlegenheit gebracht
werden.
Wissen Sie, ich habe bei Politikern ein interessantes Phänomen
beobachtet: Bis auf einige wenige Ausnahmen treffen sie sich mit
mir, solange sie noch keine Minister oder Präsidenten sind. Danach
meiden sie mich, um Peking nicht zu verstimmen: Die wirtschaftlichen
Beziehungen mit China gewinnen die Oberhand… Aber mit all dem habe
ich nichts zu tun.
Die Verantwortlichen Chinas behaupten, dass Tibet ihnen gehört
und dass allein die Tatsache, darüber zu sprechen oder mich zu
empfangen, eine Einmischung in innere chinesische Angelegenheiten
darstellt. In Wirklichkeit sind es jedoch die Führer Chinas, die den
anderen ihr Verhalten vorschreiben. Finden Sie diese Haltung nicht
ein wenig eigenartig?
Man könnte meinen,
die chinesische Regierung verfüge in bestimmten Ländern über
besondere Rechte und würde bevorzugt behandelt, selbst wenn sie sich
in Dinge einmischt, die sie nichts angehen!
Was wissen Sie über die aktuelle Situation in Tibet?
Die Situation ist
schwer einzuschätzen. Soweit ich weiß – und die Neuankömmlinge
bestätigen das (jährlich fliehen 2000 bis 2500 Tibeter nach Indien,
Anmerkung der Redaktion) –, gibt es in den Städten immer mehr
Chinesen: Unter dem Deckmantel der Modernität hat sich Lhasa in eine
chinesische Stadt verwandelt. Da sie nun in der Mehrheit sind,
drängen sie anderen ihre Art zu leben, ihren Geschmack, ihre Musik,
ihre Gewohnheiten auf – zum Nachteil der tibetischen Traditionen.
Und die Tibeter können nichts dagegen sagen, denn wenn sie die
Stimme erheben, werden sie sofort unter dem geringsten Vorwand
misshandelt und des „Separatismus“ bezichtigt.
Ob es die chinesischen Behörden zugeben oder nicht:
Derzeit ist eine Art kultureller Völkermord im Gange, auch wenn
Tibet in der Volksrepublik derzeit sehr „in“ ist. Sehen Sie sich die
jungen Flüchtlinge an, die nach Indien kommen: Sie sprechen ihre
eigene Sprache nur schlecht, reden stattdessen Chinesisch, eine
Sprache, die sie ebenso wenig beherrschen. Frühere Exilanten
erhielten eine tibetische Erziehung und Bildung, sodass sie für sich
eine Identität herausbilden konnten, obwohl die spirituelle
Identifikation beiderseits des Himalaya weiterhin stark ist.
Sind die Olympischen Spiele in Peking eine Gelegenheit, der
Stimme Tibets Gehör zu verschaffen?
Ich habe meinen
Standpunkt klargemacht, seit ich weiß, dass die Olympischen Spiele
2008 in Peking stattfinden werden. Niemand hat ein Interesse an
einer Ausgrenzung Chinas. Vielmehr müssen wir es dabei unterstützen,
seinen Platz in der internationalen Staatengemeinschaft zu finden.
Jedoch unter der Voraussetzung, dass es sich an die Regeln hält und
die Menschenrechte achtet, wozu seine Führer sich mit ihrer
Bewerbung verpflichtet haben. Dies scheint nicht wirklich der Fall
zu sein, vor allem im Hinblick auf Tibet. Die Situation dort ist
weiterhin sehr besorgniserregend. Im Namen der Sicherheit häufen
sich die Zwangsmaßnahmen, und die Tibeter sehen kein Licht am Ende
des Tunnels. Daher rühren auch die vermehrten Zusammenstöße in den
Städten. Die Olympischen Spiele sind eine gute Gelegenheit, erneut
auf das Problem aufmerksam zu machen.
Wie steht es um die Kontakte zwischen Ihren Gesandten und den
Vertretern der chinesischen Behörden?
Diese Kontakte
werden unter den bestehenden Regeln fortgeführt. Im Moment gibt es
keine wirklichen Fortschritte und selbst wenn diese Unterredungen in
offener Atmosphäre stattfinden, nähern sich die Positionen einander
doch kaum an. Unsere Bemühungen, für Tibet einen Autonomiestatus zu
erreichen, stoßen aufgrund der Unnachgiebigkeit einiger hoher
Funktionäre auf eine Mauer der Ablehnung. Die chinesischen
Gesprächspartner sind – zu Unrecht – davon überzeugt, dass mein Ziel
die Unabhängigkeit ist.
Ich wiederhole: Ich verlange nichts weiter als eine echte Autonomie,
so wie sie in der chinesischen Verfassung vorgesehen ist. Wenn die
chinesische Regierung uns eine echte Autonomie zugesteht, welche die
Rettung unserer Kultur, unserer Sprache, der Spiritualität und der
Umwelt Tibets garantiert, spricht nichts gegen die aktuellen
Grenzen. Es ist aber natürlich einfacher, in einem demokratischen
Land Autonomie zu erlangen, in dem die Menschen ihre Meinung frei
äußern und klare und präzise Forderungen formulieren können, ohne
bedrängt oder verhaftet zu werden und Konsequenzen befürchten zu
müssen.
Und doch gibt es immer mehr Tibeter, die beunruhigt sind, dass
nichts vorangeht…
Manche, vor allem
junge Menschen, kritisieren die Langsamkeit dieser Vorgehensweise,
und ich verstehe ihren Frust. Ich kann nicht verlangen, dass sie mir
blind folgen, denn jedes Volk hat ein Recht auf Selbstbestimmung und
ich kann nicht von ihnen verlangen, darauf zu verzichten. Ich
versuche durch das, was ich den „Weg der Mitte“ nenne, eine gütliche
Lösung zu finden, bei der sich alle berücksichtigt sehen. Nun, da
die Exil-Tibeter ihre zivilen Behörden wählen, liegt es an ihnen,
ihren politischen Willen zu bestimmen und sich Gehör zu verschaffen.
Ich bin nunmehr ein Berater.
Für die Tibeter im
Land sieht das anders aus: Sie befinden sich in einer ungleich
heikleren Situation. Nachdem, was mir Neuankömmlinge berichten,
kommen immer mehr Chinesen auf der Suche nach dem schnellen Geld
nach Tibet – zum Nachteil der lokalen Bevölkerung. Die Bauern werden
gezwungen, Platz zu machen. Unter dem Vorwand der Modernisierung
werden sie genötigt, ihre traditionellen Ansiedlungen zu verlassen
und in „Modelldörfer“ umzuziehen. Sie finden sich dann ohne
Lebensunterhalt, am Rande neuer Städte in einer Umgebung wieder, die
ihnen unbekannt ist. Um ihre Häuser bezahlen zu können, sind sie
gezwungen, ihre Tiere zu verkaufen. In den Klöstern tritt an die
Stelle des Studierens immer häufiger die Indoktrinierung. Die Folge
davon ist, dass viele Tibeter ihr Land zur religiösen Erziehung
verlassen.
Glauben Sie, dass Ihr „Weg der Mitte“ auch nur die geringsten
Chancen hat, zu konkreten Ergebnissen zu führen?
Auf politischer
Ebene darf man in näherer Zukunft auf nichts Konkretes hoffen, da
wirtschaftliche und finanzielle Interessen vor allem anderen stehen
und keine Regierung es wagt, China die Stirn zu bieten. Das ist
traurig, aber das ist die Realität.
Es müssen daher andere Wege gefunden werden: der Schutz
der tibetischen Umwelt zum Beispiel. Es handelt sich dabei um ein
sehr empfindliches Ökosystem, dessen Zerstörung schwerwiegende
Folgen für den gesamten asiatischen Kontinent hätte. Ein Handeln ist
hier dringend erforderlich, nicht zuletzt seit der Inbetriebnahme
der Eisenbahnstrecke, durch die die Ausbeutung der natürlichen
Rohstoffe beschleunigt wird. Man darf nicht vergessen, dass die
größten Flüsse Asiens ihren Ursprung in den tibetischen Hochebenen
haben und dass die Bewohner aller Nachbarländer unter einer
Verschmutzung ihres Wassers durch den Menschen leiden würden. Wie es
scheint, schwinden die Gletscher, und der Schnee schmilzt immer
schneller. Die alten Tibeter sagen, dass dies ein Unheil verkündet.
Davon verstehe ich nichts, aber ich stelle selbst fest, dass es im
Himalaya weniger Schnee gibt als in meiner Kindheit. Alles hängt
irgendwie zusammen: Und während man darauf wartet, das Übel an
seiner Wurzel zu packen, kann man doch zumindest die Symptome
behandeln.
Wie steht es um die tibetische Kultur vor Ort?
Das kulturelle Erbe
Tibets ist ernsthaft bedroht. Im Exil werden keine Mittel gescheut,
um es zu schützen und weiterzugeben, doch vor Ort sieht das anders
aus. Es ist natürlich schön, den Potala-Palast zu restaurieren und
zum Weltkulturerbe zu erheben. Doch der Potala ist nur ein Gebäude,
nur Mauern, Bibliotheken, Fresken. Es ist schön, sich darum zu
kümmern und ihn als Zeugnis zu bewahren, doch die Kultur beschränkt
sich nicht nur auf Bauwerke.
Eine Kultur, das sind Menschen, ihr Wissen, ihre
Kenntnisse, ihre Sprache und ihre Geschichte, ihre Legenden. Sie
verleiht dem Leben einen Sinn und ist Teil der Schätze der
Menschheit. Für uns ist der Beitrag zu ihrem Schutz, die
internationale kulturelle – oder auch politische – Hilfe,
unabdingbar. Ohne diese Hilfe verschwände die tibetische Kultur
innerhalb von weniger als fünfzehn Jahren und würde auf eine Art
Folklore für Touristen reduziert.
Es wird derzeit viel über die Beziehung zwischen Religion und
Staat gesprochen. Wie denken Sie darüber?
Allgemein denke ich,
dass die Zeiten, in denen Religion und Staat vermischt wurden,
vorbei sind. Diese Erfahrung habe ich selbst gemacht. Der Dalai Lama
ist gleichzeitig ein spiritueller und weltlicher Führer. Diese
doppelte Aufgabe war in einer bestimmten Zeit unserer Geschichte
wahrscheinlich notwendig. Doch heute haben sich die Umstände
geändert. Die tibetische Exilgesellschaft funktioniert nach
demokratischen Grundsätzen und nach dem Prinzip der Gewaltenteilung.
Und das ist deutlich besser so. Durch die Trennung der religiösen
von den politischen Institutionen kümmert sich jede um ihren
Bereich. Sie können natürlich kooperieren, sich gegenseitig
unterstützen, doch für ihr Handeln und ihre Entscheidungen sind sie
jeweils selbst verantwortlich.
Heutzutage nimmt der Einfluss der Kirche oder der Religion
in bestimmten Teilen der Welt immer mehr ab, und auch die Werte der
Familie gehen immer mehr verloren. Die Rolle geht damit auf die
laizistische Erziehung über, und es liegt in ihrer Verantwortung,
die Entwicklung der intellektuellen und moralischen Fähigkeiten der
jungen Generationen fortzuführen. Aber das spirituelle, oder, falls
Sie das bevorzugen, das religiöse Leben, ist etwas anderes,
Persönlicheres. Und schließlich darf man auch diejenigen nicht
vernachlässigen, die nicht gläubig sind, die Atheisten. Sie werden
immer zahlreicher und sind oftmals Menschen von sehr hoher Güte. Das
ist alles ganz schön kompliziert.
Sind Sie persönlich von den neuen chinesischen Vorschriften
über die Reinkarnation der Dalai Lamas, die am 1. September in Kraft
getreten sind, betroffen? (Das Gesetz erlaubt Wiedergeburten nur auf
dem Boden Chinas, also auch auf dem Tibets. Buddhisten, die
außerhalb der Volksrepublik wiedergeboren werden, werden nicht vom
Staat anerkannt. Davon betroffen ist auch die Wahl des nächsten
Dalai Lama, der in Indien lebt. Anmerkung der Redaktion)
Die neuen Maßnahmen
hinsichtlich der Reinkarnation? Sie scherzen! Zuerst einmal machen
diese Vorschriften deutlich, dass im Gegensatz zu den Behauptungen
der chinesischen Behörden die religiöse Freiheit in Tibet nicht
respektiert wird. In der Praxis sind die Mönche verpflichtet, an
sogenannten „Sitzungen zur patriotischen Erziehung“ teilzunehmen und
anschließend Prüfungen abzulegen, in denen sie mich verleugnen und
der kommunistischen Partei die Treue schwören müssen. Dann beweist
dieser bizarre Beschluss, dass seine Urheber, die sich in gewisser
Weise Bemühen, „Reinkarnationsgenehmigungen“ zu erteilen, nichts von
der Reinkarnation oder dem Buddhismus verstehen. Sie sollen sich
informieren, studieren, lernen – dann sehen wir weiter! Sie denken,
dass eine Anordnung oder eine Vorschrift ausreicht, um alles unter
Kontrolle zu haben und ihre Macht über den Geist der Menschen
ausweiten zu können. Aber so funktioniert das nicht. Wenn sie nur
ein wenig aufmerksamer gegenüber der Realität wären, die sie umgibt,
würden sie das merken.
Ob diese Maßnahmen mich direkt betreffen? Wahrscheinlich.
Sie wissen, wie ich denke: Die Institution des Dalai Lama ist eine
menschliche Institution, die als solche dazu bestimmt ist, eines
Tages zu verschwinden. Ihre unmittelbare Zukunft hängt von den
Tibetern ab. Wenn sie es möchten, wird die Institution fortbestehen.
Wenn sie der Ansicht sind, dass ihre Zeit gekommen ist, kein
Problem. Nach der buddhistischen Tradition kehrt man auf die Erde
zurück, um eine Aufgabe zu vollenden, die man während seines Daseins
nicht zu Ende bringen konnte. Der Dalai Lama wird, wenn nötig,
zurückkehren und befindet sich außerhalb der Reichweite einer
autoritären Macht.
Für mich ist all das kaum von Bedeutung. Ich bin der
vierzehnte einer langen Ahnenreihe – nicht der beste, aber auch
nicht der schlechteste der Dalai Lamas. In jedem Fall aber haben die
Chinesen aus mir den populärsten gemacht!
Beunruhigt Sie die in Gang gebrachte Annäherung zwischen
Neu-Delhi und Peking?
Für die Zukunft
Asiens ist es überlebenswichtig, dass Indien und China – zwei
Länder, die gemeinsam über zwei Milliarden Einwohner zählen – eine
auf gegenseitigem Vertrauen begründete, echte Beziehung der guten
Nachbarschaft aufnehmen. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist
Tibet eine zentrale Herausforderung für beide Seiten.
Solange die
Tibeter nicht frei sind, besteht die Gefahr einer Krise. Und um sich
vor unangenehmen Überraschungen zu schützen, wird die chinesische
Regierung auf militärische Macht setzen.
Indien seinerseits muss sich dieser Bedrohung entgegenstellen und
seine Armee entlang seiner nördlichen Grenzen, die noch nicht einmal
eindeutig festgelegt sind, stationieren. Unter diesen Umständen ist
es schwierig, Bedingungen für eine solide Beziehung zu schaffen.
Eine Annäherung
zwischen Indien und China liegt im Übrigen auch im Interesse der
Europäischen Union und der Vereinigten Staaten und sei es nur im
Hinblick auf eine positive Handelsentwicklung. Denn das alles hängt
zusammen. Deshalb ist Tibet wichtig. China wird den Platz, den es
für sich einfordert und der ihm in der Welt zukommt, nicht durch
eine zügellose Kolonialpolitik sichern. Nehmen Sie zum Beispiel die
europäischen Länder: Sie haben ihren ehemaligen Kolonien schließlich
ihre Unabhängigkeit zurückgegeben. China kann diesen Weg nicht
unbegrenzt weitergehen. Es kann nicht einerseits vorgeben,
Zivilisation und Moderne nach Tibet zu bringen, und andererseits
alles, was seine Besonderheit ausmacht, insgeheim verschwinden
lassen. Es ist offensichtlich, dass Tibet aus einem ausgeglichenen
Verhältnis zu China Nutzen ziehen kann – jedoch nicht unter den
Bedingungen der Unterwerfung, die ihm derzeit auferlegt werden.
Zwischen Indien und Tibet bestehen jahrhundertealte Beziehungen, in
gewisser Weise von Lehrer zu Schüler. Dort liegt der Ursprung
unserer Traditionen, und in schwierigen Zeiten wendet sich Tibet
Indien zu. Ein harmonisches Miteinander dieser heiklen „Ménage à
trois“ käme allen zugute. Allgemeiner betrachtet werden Sie mir
zustimmen, dass Tibet eine Prüfung für alle Demokratien ist.
Übersetzung: Tanja Felder
Das Gespräch führte Claude B. Levenson für die Zeitschrift Politique
Internationale, dem exklusiven Kooperationspartner von Cicero in
Frankreich. |