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Hitler, Dalai-Lama und Halbwahrheiten


derStandard.at, 12.01.07

Aktuelle Bucherscheinung: Gerald Lehners Protokoll über die Nazi-Vergangenheit Heinrich HarrersFoto: REUTERS/ Miro Kuzmanovic/File

Heinrich Harrer und der Dalai

Heinrich Harrer war nicht nur einer der vier Eiger-Nordwand-Bezwinger, Bestsellerautor und legendärer Lehrer des Dalai-Lama, er war auch Nazi. Reinhold Messner sagte 1997 in der Fachzeitschrift Alpin über die Person Harrers: "Ich habe hohen Respekt vor dem Bergsteiger und Abenteurer Heinrich Harrer. Beim Menschen und politischen Denker kommen mir Bedenken. Tibet könnte heute ein freies Land sein, wenn der Dalai-Lama 1949, 1950 und 1951 einen weisen Lehrer und Berater gehabt hätte". Ein starker Satz über die Bergsteiter- und Forscherlegende. Der ORF-Redakteur, Filmemacher und Autor Gerald Lehner verwendet ihn daher als Klappentext für sein neues Buch "Zwischen Hitler und Himalaya. Die Gedächtnislücken des Heinrich Harrer", in dem er die Geschichte seiner Recherchen der "braunen Flecken" im Leben des berühmten Österreichers erzählt.

Lehner durchforstete 1997 amerikanische Archive in Washington D. C. und Maryland nach SS-Akten in Verbindung mit Harrer - und wurde fündig. Der Österreicher war als Lehrer bei der NSDAP, als Berg- und Skiführer bei der SS und seit 1933 Mitglied der SA. Das erste Kapitel des Buches befasst sich mit der Eiger-Nordwand-Durchsteigung 1938 und vor allem mit der Frage, ob Heinrich Harrer damals in seinem Rucksack eine Hakenkreuzfahne dabei hatte, um sie am Gipfel zu hissen.

Er hat das sein ganzes Leben lang bestritten. "Das mit der Hakenkreuzfahne, die ich in das Gipfeleis gerammt haben soll, ist ein ausgesprochener Blödsinn. Der Sturm war derart heftig, dass wir für die Abwicklung irgendwelcher Zeremonien gar keine Chance gehabt hätten", wird er aus einem Interview zitiert. Die Gerüchte über die Fahne im Rucksack sind für Lehner Symbol für Harrers früheres Seelenleben und seine "Erinnerungen" Jahrzehnte später. Er recherchiert deshalb beim damaligen Seilersten am Eiger, Andreas Heckmair, wie es wirklich gewesen sein könnte. Heckmair selbst bekommt er nicht zu sprechen, aber aus dem nahen Umfeld des Bergsteigers erfährt der Autor, dass Harrer einen Wimpel dabei gehabt hat. "Aber wenn er so etwas am Gipfel aufgepflanzt hätte, dann hätte ihm der Anderl als Seilerster das Ding eigenständig die Wand hinuntergeworfen."

Das Buch schildert in weiterer Folge Harrers Heirat mit Lotte Wegener, der Tochter des berühmten Polarforschers Alfred Wegener, am 24. Dezember 1938 mit der Genehmigung von höchster SS-Reichsführungsstelle. Das Ganze musste schnell passieren, da er im Frühjahr danach mit einer deutschen Expedition zum Nanga Parbat aufbrach. Bei Kriegsausbruch im September 1939 wurden die Bergsteiger von britischen Truppen in Indien aufgegriffen und in ein Internierungslager gesperrt. Harrer versuchte einige Male auszubrechen, mit dem Tiroler Bergführer und Expeditionsleiter Peter Aufschnaiter gelang ihm schließlich die Flucht nach Tibet, wo er sich zum Berater und Freund des Dalai Lama hinaufarbeitete. 1952 kehrte er nach Europa zurück, veröffentlichte "Sieben Jahre in Tibet" und wurde damit zum Weltstar.

Am spannendsten liest sich der Teil des Buches, in dem Gerald Lehner den berühmten Abenteurer in seinem Heimatort Hüttenberg im Frühjahr 1997 bei einem Interview für das ORF-Radio mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Lehner gibt bei der telefonischen Anfrage noch vor, ihn zum damals bevorstehenden Hollywoodfilm mit Brad Pitt in der Hauptrolle befragen zu wollen. Er nimmt den Journalisten und Pressefotografen Walter Scheinöster als Zeugen mit und Kopien von Harrers SS-Akten aus den USA, um sie im Bedarfsfall vorlegen zu können.

Als erster Journalist stellt er dann Heinrich Harrer die entscheidenden Fragen: "Waren Sie jemals Mitglied der SS, waren Sie jemals Mitglied der NSDAP?" Harrer argumentiert mit seinem Beruf als Lehrer. "Nie, ich habe nie ein Gesuch eingereicht oder geschrieben, bin halt da eingeteilt worden als Sportlehrer. Offensichtlich war ich da bei der SS, aber ich habe da kein Parteibuch oder was gehabt." Der Journalist legt im darauf hin die Akten vor, inklusive der Mitgliedskarte der NSDAP. Harrer lacht verlegen: "Wenn Sie so etwas ausgraben, dann ist das Ihre Sache, nicht meine." Harrer bestreitet im weiteren Gespräch auch die meisten Fakten in den Dokumenten. In den internationalen Medien wird im Vorfeld des Hollywood-Filmes "Sieben Jahre in Tibet" daraufhin kritisch über den österreichischen Abenteurer berichtet. Einige Passagen des Streifens werden mit neuen Dialogen versehen, Harrer, der ursprünglich zur Weltpremiere in Los Angeles eingeladen war, wird wieder ausgeladen.

Erst in seiner 2002 erscheinenden Biografie "Mein Leben" gibt Heinrich Harrer einige Fehler in seinen Jugendjahren zu, aber er tut es mit Selbstmitleid, Medien- und Journalistenschelte sowie Angaben, die seine Rollen im NS-Regime herunterspielen sollen, schreibt Gerald Lehner in seinem Buch. Es wird auch die Geschichte einer SS-Expedition erzählt, die für "Rassenforschung" einige Zeit vor Harrer nach Tibet gereist ist. Viele Exponate von damals sind bis heute unkommentiert im Salzburger "Haus der Natur" ausgestellt. Bruno Beger war einer der "Rassenforscher" dieser Expedition. Er wurde 1970 als Mitwisser eines 86-fachen Mordes an KZ-Häftlingen verurteilt. Auf der Homepage der tibetischen Exilregierung befindet sich bis heute ein Foto, das den Dalai-Lama unter anderem mit Bruno Beger und Heinrich Harrer zeigt.

Damit leitet der Autor Lehner zu den letzten, problematischen Kapiteln in seinem Buch über. Er geißelt den Buddhismus der tibetanischen Exilregierung als Supermarkt für westliche Esoterikfans und räumt mit der nach außen gezeigten Freundlichkeit und Friedfertigkeit des Dalai-Lama auf. Es soll ein regelrechter Bürgerkrieg zwischen der Exilregierung in Daramsala und oppositionellen Tibetern herrschen. Anlass ist das Verbot des Schutzheiligen Dorje Shugden durch den Friedensnobelpreisträger. Gerald Lehner führt die religiösen Unruhen auch auf den umstrittenen Lehrer des jungen Dalai-Lama zurück. Der damals noch unter dem Einfluss des NS-Regimes stehende Österreicher kann auf den Gottkönig in Lhasa keinen guten Einfluss gehabt haben. Und daraus resultieren die heutigen Probleme der tibetischen Exilregierung. Der bekannte Wiener Tibetologe Ernst Steinkellner spricht auf Anfrage der Wochenzeitung "Die Furche" von einer "sehr boshaften Überzeichnung von Harrers Lehrerrolle" und meint, "eine maßgebliche Beeinflussung der Ideenwelt des Dalai-Lama durch Harrer ist unvorstellbar."

(Martin Grabner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14. 1. 2007)

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