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Harmoniegedusel gegenüber Chinas Muskelspielen
Hamburger Abendblatt,
04.12.07
Ansichtssache
Von
Irene Jung
Diesmal war der
"Spiegel" dran. Vorige Woche widerrief das Doulun-Museum in Shanghai
seine vor einem halben Jahr gegebene Zusage, eine Sammlung von
"Spiegel"-Titelbildern zu zeigen. Grund: die derzeitige "Eiszeit" in
den deutsch-chinesischen Beziehungen. Im Gegenzug sagte
"Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust eine ganze Veranstaltungsreihe
in China ab: "Wir lassen uns von der chinesischen Zensur nicht
vorschreiben, welche genehm sind und welche nicht." Offenbar ist
Peking nicht nur sauer auf Angela Merkel, sondern auch über
chinakritische Berichte in deutschen Medien. Zum Beispiel über
chinesische Spionageviren in Bundescomputern.
Die Eskalation wird
von China ganz bewusst geschürt: Sie gehört zu einer "Politik der
1000 Nadelstiche", mit der die KP-Führung abwechselnd die Länder
abstraft, die ihr auf die Füße treten. 2005 war es Japan mit einem
chinakritischen Schulbuch, jetzt ist es Deutschland. Und zur Freude
der Machthaber ließ sich sogar Ex-Kanzler Gerhard Schröder in diese
Posse einspannen; er "bedauerte" in China, dass die "jüngsten
Handlungen der Bundesregierung" die "Gefühle des chinesischen Volkes
verletzt" hätten.
Hat Schröder eine
Ahnung von den Gefühlen des chinesischen Volkes? Oder nur von den
Erwartungen der KP-Führung? Putzigerweise hieß das Symposium, an dem
er teilnahm, "Chinas friedliche Entwicklung und eine harmonische
Welt".
Dieses süßliche
Propagandabild eines harmoniebeseelten China gehört ebenso zur
Fassade der chinesischen Außenpolitik wie das beleidigte Muskelspiel
des roten Riesen. Beides sind reine Ablenkungsmanöver. In einem
Dreivierteljahr beginnen die Olympischen Spiele in Peking - ohne
dass die versprochene Verbesserung bei Menschenrechten und
Informationsfreiheit bisher sichtbar wäre. Im Gegenteil. Nach
Berichten von Organisationen wie Amnesty International, Reporter
ohne Grenzen oder Human Rights Watch haben die Verfolgung und
Verhaftungen von Kritikern oder Journalisten zugenommen.
Nur drei Beispiele:
Am 13. November wurde ein Autor in Guangzhou zu fünf Jahren Haft
verurteilt, weil er über einen politischen Skandal geschrieben und
Dorfbewohner gegen Bürokraten unterstützt hatte - in der Haft wurde
er gefoltert. Eine Woche später wurde ein katholischer
Untergrundpriester zu drei Jahren Haft verurteilt, weil er eine
Kirche geweiht hatte. Zuvor war ein Internet-Autor verhaftet worden,
der auf Webseiten über Menschenrechtsverstöße berichtete und einen
Appell an die Uno unterzeichnet hatte.
Auf einer
Pressekonferenz berichtete der Vizepräsident des Europäischen
Parlaments, Edward McMillan-Scott, vor Kurzem über die Verfolgung
mehrerer Menschenrechtsanwälte in China und über mehr als 3000
namentlich bekannte Mitglieder der Falun-Gong-Bewegung, die seit
1999 nach Folterungen gestorben sind. Der in China sehr bekannte
Bürgerrechtler Hu Jia sagte der Konferenz per Telefon: "Die Menschen
in China haben gehofft, dass die Olympischen Spiele eine Gelegenheit
wären, zu anderen Ländern aufzuschließen." Stattdessen seien die
Spiele "zu einem Deckmantel für Menschenrechtsverletzungen
geworden".
Der chinesische
Bürgerrechtsanwalt Gao Zhinsheng, der mit offenen Briefen unter
anderem an den Ministerpräsidenten Chinas und amerikanische
Kongressabgeordnete sein Leben riskierte, schreibt: Das Regime
verfolge mit den Olympischen Spielen zwei Ziele. Der eigenen
Bevölkerung wolle es "beweisen, dass die Welt die Partei immer noch
als eine legale Regierung anerkennt, trotz aller Tyrannei". Dem
Ausland wolle es beweisen, "dass die Partei immer noch die
Unterstützung der Bevölkerung genieße". IOC-Präsident Jacques Rogge
vernachlässige seine Pflicht, gegenüber China "die ethischen Werte
der Olympischen Idee zu verteidigen". Gao ist bereits in Gewahrsam
des chinesischen Sicherheitsdienstes.
Rogge und andere
IOC-Funktionäre haben bisher Pekings Olympia-Großbaustellen
bewundert, aber es geflissentlich vermieden, mehr Menschenrechte
einzufordern. Man solle die Olympics "nicht zu sehr politisieren"
und "mit Politik überfrachten", meinten sie.
Ist Abwiegeln und
Harmoniegedusel die einzige Antwort demokratischer Länder auf Chinas
Muskelspiel? Hat nicht China den Zuschlag für die Spiele bekommen,
weil es zumindest umfassende Pressefreiheit zusagte? Warum wurden
diese Zusagen überhaupt verlangt - um dann wegzusehen?
China möchte mit den
Spielen sein internationales Image verbessern - aber nicht sein
Verhalten ändern. Dieses durchsichtige Spiel stellt alle
großmäuligen Vertreter westlicher "Werte" auf die Probe. Haben das
IOC, deutsche Wirtschaftsverbände und unsere prominenten
Sozialdemokraten dem eigentlich irgendetwas entgegenzusetzen? |