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Tibeter – ein Volk im Schatten der fünf Ringe
Die Presse, 05.11.2007
MICHAEL
KÖTTRITSCH
Olympia. Tibets
Unabhängigkeits-Bewegung wittert vor den Olympischen Spielen in
Peking 2008 ihre Chance, sich international ins Rampenlicht zu
stellen.
 WIEN/LAUSANNE.
Sie
leben in der Schweiz, in England, Deutschland, Indien und in den
USA. Aber als Kinder tibetischer Flüchtlinge schlägt ihr
Sportler-Herz für das – aus ihrer Sicht zu Unrecht – zu China
zählendes Hochland. Ihr gemeinsames Ziel ist es daher, bei den
Olympischen Spielen in China dabei zu sein. Nicht als Zuseher,
sondern für „ihr Land“ als Athleten für das „Team Tibet“. „Rund 30
Sportler sind in diesem Kader“, sagt Wangpo Tethong. „Nicht alle
sind Olympiareif, keine Frage. Aber es sind etliche dabei, zwei
Beach-Volleyballer, ein Tischtennisspieler und zwei, drei
Leichtathleten, die unsere Limits erfüllen.“ Wangpo Tethong ist der
Präsident des im Vorjahr gegründeten Nationalen Olympischen Komitee
Tibets NOKT. Und der Züricher hat sich ein hohes Ziel gesteckt: Er
möchte vom Internationalen Olympischen Komitee IOC eine offizielle
Einladung zu den Spielen in Peking erreichen. Die notwendigen
Dokumente habe sein Komitee im Sommer hinterlegt. Noch, sagt der in
Zürich lebende Exil-Tibeter, habe er vom IOC keine Antwort erhalten.
IOC: Keine
Chance für Tibet
Auf Anfrage
der „Presse“ meinte IOC-Sprecherin Sandrine Tonge, dass nur jene
Länder Delegationen zu Olympischen Spielen entsenden dürfen, die als
unabhängiger Staat international anerkannt sind. Eine Voraussetzung,
die Tibet keineswegs erfüllt. Weshalb etwa Taiwan, das von China als
abtrünnige Provinz betrachtet wird und nur von wenigen Staaten
anerkannt ist, mit einer eigenen Delegation bei Olympia dabei sein
dürfe, begründet Tonge so: Bevor 1996 die Olympische Charter
reformiert wurde, konnten auch „anerkannte Regionen“ den Status
eines „Staates“ erhalten. Ein Weg der für Tibet nun verschlossen
ist.
Auch deshalb
hält NOKT-Österreich-Sprecher Lobsang Gyalpo die Teilnahme-Chancen
für das „Team Tibet“ im kommenden Jahr für gering. Er sieht in der
Anerkennung Tibets ein langfristiges Projekt. Aber, sagt er, „mit
der Gründung des NOKT wollten wir zweierlei erreichen. Einerseits
aus der Opferrolle heraustreten und andererseits ein aktives Zeichen
setzen und sagen: Wir wollen dabei sein.“ Ein Boykott der Spiele
sei, sagt der in Wien lebende Gyalpo, das falsche Signal an die
Welt.
In Neu-Delhi
gab es dennoch massive Proteste und Boykott-Aufrufe. Eine Gruppe von
14 Tibetern war in Hungerstreik getreten und hatte 33 Tage hungernd
gegen die Vergabe der Olympischen Spiele an Peking protestierten.
Dalai Lama
appellierte
Die Mitglieder
des Tibetischen Jugendkongresses beendeten ihre Protestaktion erst
nach Appellen des Dalai Lama und indischer Abgeordneter. Die
Hungerstreikenden hatten von China unter anderem Auskunft über den
Verbleib des Pantschen Lama, der von den buddhistischen Tibetern als
zweithöchstes geistliches Oberhaupt verehrt wird, gefordert. Die
Menschenrechtler vermuten China hinter dessen Verschwinden, was die
Volksrepublik bestreitet. Seit 1995 wird der damals Sechsjährige
vermisst. Zudem verlangen die Hungerstreikenden Tibeter von Peking
ein Bekenntnis zu den Menschenrechten und eine Unterstützung der
Entwicklung Tibets.
Gegen-Olympia
in Indien
Eine andere
exil-tibetische Gruppe ließ mit einer kreativen Idee aufhorchen: Sie
will drei Monate vor den Chinesen im Mai in Indien eigene
„Olympische Spiele“ ausrichten. Es soll damit dem China-Bild
widersprochen, das Tibet als Teil eines vereinigten China zeichnet.
Die Spiele sollen in Dharamsala stattfinden, wo der Dalai Lama, das
geistliche und weltliche Oberhaupt der Tibeter, lebt und auch die
tibetische Exilregierung ihren Sitz hat. An den Spielen in
Dharamsala können nach Angaben der Veranstalter alle Tibeter
teilnehmen. Sie müssten lediglich die Reisekosten selbst übernehmen,
für Unterkunft und Verpflegung werde gesorgt.
2008 – GEEINTES KOREA
Nord- und
Südkorea haben sich
darauf geeinigt, eine gemeinsame
Anhänger-Delegation 2008 nach Peking zu entsenden. Nordkoreas
Machtinhaber Kim Jong Il und Südkoreas Präsident Roh Moo Hyun
unterzeichneten eine diesbezügliche Deklaration.
Bei den
Spielen In Sydney 2000
traten die
Athleten der seit Jahrzehnten verfeindeten Staaten bei der
Eröffnungs- und Schlusszeremonie gemeinsam auf. 2008 reisen die
Anhänger per Zug nach China – als geeintes Korea.
"Die Presse",
Print-Ausgabe, 05.11.2007 |