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Gefagener aus
der neuen Chushul Haftanstalt erreicht das Exil
TCHRD April 2007
 Der
heute 38jährige Sonam Dorjee wurde im Dorf Dasher, Gemeinde Gyama,
Kreis Meldro Gungkar, TAR, geboren. Aus einem bäuerlichen Milieu
stammend ging er einige Jahr zur Grundschule im Dorf, mußte sie aber
später verlassen, um zu Hause bei der Bestellung der Felder zu
helfen.
Am 30. Juni 1992 beriefen die Behörden auf dem Gelände der
Gemeindeverwaltung von Gyama eine Versammlung ein, zu der über 1.200
Leute kamen. Plötzlich entrollten Thupten Yeshi, Lhundup, Sonam
Rinchen, Kunchok Lodroe und Sonam Dorjee eine tibetische
Nationalflagge und riefen „Freiheit für Tibet, China raus aus Tibet,
Lang lebe S.H. der Dalai Lama“. Die Menschenmenge geriet in Panik,
und Chaos brach aus. Nachdem die fünf etwa eine Viertelstunde ihre
Parolen gerufen und die tibetische Nationalflagge entrollt hatten,
trafen neun Polizisten ein und nahmen alle Protestierenden fest.
Zusätzlich wurden zwei Militär-Lastwagen geschickt, um die Lage
unter Kontrolle zu bringen.
Nach
ihrer Festnahme wurden die fünf Tibeter zu dem Kreis-Haftzentrum
gebracht, wo jeder einzeln verhört und dabei mit elektrischen
Folterwerkzeugen, Stöcken und Seilen mißhandelt wurde. Die
Polizeibeamten wollten wissen, wer der Anführer sei, wer den
Anschlag geplant und sie zu dem Protest angestiftet habe. Außerdem
wurden sie gefragt, ob irgendeine spalterische Gruppe ihre Hand bei
dieser Sache im Spiel gehabt habe. Die Festgenommenen gaben an, der
Hauptgrund für ihren
Protest sei ihre Empörung darüber gewesen, daß die Bauern gezwungen
werden, Düngemittel zu überhöhten Preisen zu kaufen. Um eine gute
Ernte zu erzielen, müssen sie zweimal im Jahr düngen, deshalb müßten
sie dann exorbitante Preise bezahlen. Jeder Sack Düngemittel koste
über 200 Yuan. Außerdem, so sagten sie, richtete sich ihr Protest
gegen den massiven Zuzug von Chinesen nach Tibet, was zu einer stets
wachsenden Arbeitslosigkeit unter den Tibetern führe. Denn in Tibet
reißen die chinesischen Zuwanderer die Märkte an sich, so daß den
Tibetern nur sehr wenig Spielraum bleibt, um Geschäfte zu machen.
Alle nannten dieselben Gründe für ihren Protest, was die Ermittler
der Polizei stutzig und wütend machte. Sie schlugen die fünf halbtot
und traktierten sie am ganzen Körper mit elektrischen Schlagstöcken.
Sonam Dorjee wurde so heftig auf den Magen getroffen, daß er kaum
mehr atmen konnte. Mit einem Brett um den Hals, auf dem ihre Namen
standen, wurden die Häftlinge photographiert und dann am 30. Juni
1992 nach Gutsa verlegt. Dort wurde Sonam jeden Morgen um neun Uhr
und jeden Nachmittag um halb vier verhört, wobei er schwer geschlagen
und häufig
gefoltert wurde.
Während der Verhöre wurden ihm die Arme mittels eines Stricks auf
dem Rücken gefesselt und die Finger mit den Elektroschockern
traktiert. Die Peiniger steckten zudem Glassplitter zwischen die
Fesseln, um die Schmerzen zu vergrößern. Manchmal schlugen sie
solange mit Eisenstangen auf die Häftlinge ein, bis sie dessen
überdrüssig wurden. Zwölf Tage lang dauerten diese von Folter
begleiteten Vernehmungen in Gutsa.
Am 28. Oktober 1992 klagte der Mittlere Volksgerichtshof von Lhasa
die fünf Tibeter der „konterrevolutionären Propaganda“ an und
verurteilte Sonam Dorjee und Konchok Lodroe zu je 13 Jahren
Gefängnis mit Entzug der bürgerlichen Rechte für weitere vier Jahre.
Sonam Rinchen, Thupten Yeshi und Lhundup wurden zu 15 Jahren Haft
und Verlust der bürgerlichen Rechte auf fünf Jahre verurteilt. Am
20. September 1992 wurden alle ins Drapchi-Gefängnis verlegt. Dort
wurden sie jeden Morgen wie das Militär gedrillt, indem man sie in
einer Reihe rennen ließ. Danach mußten sie in den
Gemüse-Gewächshäusern arbeiten. Im Drapchi Gefängnis können die
Häftlinge einmal monatlich ihre Angehörigen sehen, aber manchmal
wurden ihnen sogar diese Familienbesuche ohne ersichtlichen Grund
gestrichen.
Am 1. und 4. Mai 1998, als es in Drapchi zu den bekannten Protesten
kam, wurden alle politischen Häftlinge dermaßen gefoltert, daß das
ganze Gefängnisgelände blutüberströmt war. Trotzdem wurde
jeder einzelne Häftling die ganze Nacht weiter unter Mißhandlungen
vernommen. Seit diesen grausamen Folterungen und ununterbrochenen
Befragungen hatte Sonam Dorjee ein schweres erzleiden und verlor von
da an täglich mindestens zweimal das Bewußtsein. Am 23. November
1998
wurde er aus medizinischen Gründen auf Bewährung entlassen, damit
der Staat nicht für die Ausgaben für seine Behandlung aufzukommen
brauchte. Doch nach der Entlassung konnte er sich aus finanziellen
Gründen nicht in ärztliche Behandlung begeben und mußte zu Hause
bleiben. Am 22. November 2000 wurde er wieder ins Gefängnis geholt,
wo er seine Strafe weiter zu verbüßen hatte.
Am 13. April 1994 wurde auch Kunchok Dorjee aus medizinischen
Gründen entlassen, denn durch die brutale Folterung und das lange
Leiden war er sehr schwach geworden. Auch Sonam Rinchen war infolge
der Folter und der unmenschlichen Behandlung lange Zeit krank, aber
er erhielt keine ärztliche Versorgung im Gefängnis, so daß sein
Zustand schließlich lebensbedrohlich wurde. Erst dann beförderten
sie ihn ins Krankenhaus, wo er jedoch zehn Tage später starb. Bei
den postmortalen Befunden [vermutlich bei der Himmelsbestattung]
stellte sich heraus, daß sein Gehirn durch die Elektrofolterung in
Mitleidenschaft gezogen war, seine Rippen gebrochen und seine Lunge
schwer geschädigt war. Sein Tod ist der unmenschlichen Behandlung,
die er im Gefängnis erlitten hatte,
zuzuschreiben.
Am 12. April 2005 wurden alle politischen Häftlinge aus Drapchi, 100
an der Zahl, unter strengster Bewachung nachts in das neu gebaute
Gefängnis Chushul transferiert, wobei für jeden Häftling ein
Aufseher abgestellt wurde. Die Bedingungen in dieser Haftanstalt
sind noch entsetzlicher als in Drapchi, und in jeder Zelle gibt es
Überwachungskameras. Die Zellen für die politischen Häftlinge sind
sehr klein und niedrig, durch ein winziges Fenster können sie nur
ein Stück Himmel und die Spitze eines Berges sehen. Abgesehen von
fünf Minuten, die man sie täglich ins Freie läßt, sind die Häftlinge
die meiste Zeit in ihren kleinen dunklen Zellen eingesperrt.
Im Chushul Gefängnis wurden die Häftlinge in drei Einheiten
eingeteilt: A, B und C. In der Einheit A sind solche, die der
Gefängnisobrigkeit Gehorsam leisten und die sich gut benehmen. Sie
bekommen ein grünes Schildchen mit ihrem Namen und ihrer Einheit
darauf, das sie auf der Brust tragen. Sie werden den anderen
gegenüber bevorzugt, indem sie den ganzen Tag in der Sonne sitzen
dürfen und bei den Verwandtenbesuchen eine halbe Stunde Zeit zur
Verfügung haben.
Die Häftlinge der Einheit B, zu denen Sonam Dorjee zählte, dürfen
nur einmal täglich und nur für fünf Minuten ihre Zellen verlassen,
sie tragen ein gelbes Abzeichen mit ihrem Namen und ihrer Einheit
darauf. Bei den Familienbesuchen dürfen sie nur fünf Minuten über
Telefon mit ihren Angehörigen sprechen und von diesen nur 1 kg Obst
oder Speisen annehmen.
In der Einheit C werden jene Häftlinge gehalten, die sich den
Behörden zufolge am schlechtesten benehmen, sie haben ein rotes
Abzeichen auf ihrer Brust. Sie dürfen ihre Zellen niemals verlassen
und ihre Angehörigen überhaupt nicht treffen.
Die Gefängnisbedingungen in Chushul sind äußerst hart. Obwohl der
Tagessatz pro Häftling fünf Yuan beträgt, ist die Kost, die man den
Gefangenen gibt, weniger als zwei Yuan wert. Die restlichen drei
Yuan werden denjenigen Aufsehern, die am strengsten sind, zur
Belohnung gegeben. Das Essen, das die politischen Gefangenen
bekommen, ist äußerst dürftig, es wird kein Fett oder Öl zur
Zubereitung verwendet. Wegen dieser minderwertigen Kost und der
kalten Zellen haben die meisten Gefangenen Probleme mit Magen und
Nieren. Sie haben sich wiederholt mit der Bitte um gehaltvolleres
Essen und ärztliche Versorgung an die Gefängnisleitung gewandt, aber
die chinesischen Aufseher gestehen ihnen diese nur unter der
Bedingung zu, daß sie Kritik am Dalai Lama üben. Sonam Dorjee
erzählte, man habe sie aufgefordert, sich vom Dalai Lama loszusagen,
aber weil sie sich weigerten, dies zu tun, versuchten die Wachen auf
jede nur mögliche Weise, Argwohn und Feindschaft unter den
Gefangenen zu stiften.
Am 29. Juli 2005 hatte er schließlich seine 13jährige
Gefängnisstrafe hinter sich gebracht und wurde entlassen. Die
fortwährenden Einschränkungen, denen er selbst nach der Entlassung
unterworfen war, machten sein Leben unerträglich. Er holte sich eine
Genehmigung, um seinen Wohnort für eine medizinische Untersuchung
verlassen zu können, und benutzte die Gelegenheit, um heimlich ins
Exil zu fliehen, wo er wohlbehalten eintraf. Seine Freunde Thupten
Yeshi und Lhundup befinden sich noch im Chushul Gefängnis,
vermutlich bis zum 29. Juni 2007, denn dann geht ihre 15jährige
Haftstrafe zu Ende.
Übersetzung: Adelheid Dönges, Revision: Angelika Mensching / Bilder
IGFM
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