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"Er hat nicht
mal im Traum einen bösen Gedanken"
Die Welt, 29.6.07
Manuel Bauer, offizieller Fotograf des Dalai Lama, zeigt eine
Auswahl seiner bewegenden Bilder in der Flo Peters Gallery
Vermutlich
ist es seine Lebensaufgabe, denn Manuel Bauer strahlt genau jene
Tatkraft und Gelassenheit aus, die Menschen eigen ist, die wissen,
weshalb sie auf der Erde sind. Seit 17 Jahren, bald schon die Hälfte
seines Lebens, fotografiert der Schweizer überwiegend seine
Heiligkeit den 14. Dalai Lama. Er hat ihn auf zahllosen Reisen
begleitet und vollbringt mit seinen Bildern das Kunststück,
größtmögliche Nähe mit Diskretion zu versöhnen. Knapp drei Wochen,
bevor der im Exil in Indien lebende tibetische Gottkönig zu einer
mehrtägigen Unterweisung für Nonnen und zu öffentlichen Vorträgen
nach Hamburg reist, ist jetzt eine bewegende Auswahl von Bauers
Bildern in der Flo Peters Gallery im Chilehaus zu sehen.
In den 80er Jahren stellte Bauer seine Handwerkskunst noch in den
Dienst der Produktwerbung, "doch ich schlief immer öfter schlecht
und sah mich abends Flugblätter gegen den Kommerz verteilen, den ich
tagsüber mit meinen Bildern verherrlichte". 1990 machte er sich auf
eigene Faust nach Indien auf, um dort nach den Spuren der
tibetischen Diaspora zu suchen. Bekanntlich marschierten 1949 die
Chinesen in Tibet ein und verüben seither auf dem Dach der Welt
einen andauernden "kulturellen Genozid", wie der Dalai Lama es
nennt. Wer von der geistigen, religiösen und wissenschaftlichen
Elite Tibets überlebte, hatte sich in der Regel nach Indien
gerettet. Als Bauer in Dharamsala, dem Amtsitz des Dalai Lama im
Exil, Gelegenheit erhielt, den höchsten tibetischen Würdenträger
selbst zu fotografieren, muss es auch zwischen den beiden irgendwie
geklickt haben. Immerhin reiste der Dalai Lama kurz darauf zur
Ausstellungseröffnung von Bauers Bildern nach Zürich an, und seither
darf der Schweizer als "offizieller Fotograf" in seine nächste Nähe.
Neben genau beobachteten Szenen öffentlicher Auftritte, bei denen
die Sorge um die Sicherheit des Dalai Lama immer präsent ist, bloß
nicht in den Gesichtszügen des Gefährdeten, macht vor allem eine
Serie von Porträtfotos des Dalai Lama in Meditation Eindruck. "Er
betreibt analytische Meditation, also nicht das Ausleeren des
Geistes, sondern aktive Problemlösung", berichtet Bauer. Anfangs
hatte er Angst vor der Nähe zum Idol: "Ich dachte, ich mach mir
meinen Dalai Lama kaputt." Doch die Projektionen lösten sich in
dessen Umgebung einfach auf, "weil er vollkommen das lebt, was er
sagt. Er hat nicht einmal im Traum einen bösen Gedanken. Er ist
immens gelehrt, aber er implementiert diese Lehre so beispielhaft,
und wie aktiv er sein Mitgefühl lebt, habe ich unendliche Male
miterleben dürfen."
Trotz seiner privilegierten Stellung ist der Schweizer Fotograf
weiterhin unabhängig, die tibetische Exilregierung hat ihn nicht
angestellt, und seine Reisen muss er aus eigener Tasche bezahlen.
Ohne die Großzügigkeit von Stiftungen und Sponsoren könnte Bauer
seine Arbeit kaum machen. Fotostrecken wie vor einem Jahr im Magazin
"Geo", die eine Reportage über den Dalai Lama begleiteten, sind die
absolute Ausnahme.
Für das obere Stockwerk der Galerie hat Bauer Reportagefotos über
die Ausbildungszeit des jungen Geistlichen Nueden Taksham
mitgebracht, den Exil-Tibeter 1990 in der Schweiz als Reinkarnation
des Shantideva entdeckten, eines erleuchteten südindischen Prinzen
aus dem 8. Jahrhundert. Wie der Alltag des damals achtjährigen
Kindes sich im indischen Kloster aus Lehre und Playmobil-Spielzeug
mischt, aus Maskeraden und Ernst, und wie er neun Jahre später nach
vor tausenden von Mönchen bestandener Prüfung weiter im stillen
Kämmerlein buddhistische Schriften studiert, eine Katze auf dem
Schoß, einen Riegel Toblerone auf dem Arbeitstisch, denkt man, dass
der Tibetische Buddhismus bei aller Strenge und Gelehrtheit doch
auch eine sehr süße Religion sein muss.
Bis 28. August, Chilehaus C, Mo bis Fr 12bis 18, Sa,
11-15 Uhr |