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Durchzogene vorolympische Bilanz


Neue Zürcher Zeitung, 6.6.07


Organisatorische Zuversicht und politische Sorgen in Peking

In rund 14 Monaten werden in Peking die Olympischen Sommerspiele ausgetragen. Die Vorbereitungen für den Grossanlass laufen auf Hochtouren, doch gibt es immer noch viele Unwägbarkeiten, die sich der Allmacht der chinesischen Planer entziehen.

us. Peking, Anfang Juni

Di
e Ausgangslage für die Olympischen Sommerspiele 2008 könnte komplexer nicht sein. Da sind die Sportler und die Weltöffentlichkeit, die darauf hoffen, dass die Spiele neue Höhe- und Glanzpunkte bringen werden. Da sind die chinesischen Behörden, die hoffen, dass sie die ganze Welt mit dem freundlichen und monumentalen Bild eines modernen China beeindrucken können. Da sind ferner die ausländischen Nichtregierungsorganisationen und Politiker, die bestrebt sind, die Sommerspiele entweder zugunsten der Sache der Freiheit im Reich der Mitte zu nutzen oder, so dies nicht gelingt, ein sich weiterhin auf Repression versteifendes Peking vor der ganzen Welt blosszustellen. Schliesslich muss davon ausgegangen werden, dass, auch wenn davon kaum etwas in die Öffentlichkeit dringen wird, der Sinn und Wert dieser monumentalen Sportshow innerhalb der chinesischen Führung und der chinesischen Bevölkerung kontrovers diskutiert werden dürfte. Je nach Verlauf des Grossanlasses könnten sich auch politische Nachwirkungen einstellen, bei denen der Erfolg der chinesischen Athleten nur von sekundärer Bedeutung sein dürfte.


Schaufenster und Statisten

Kurz nach Vergabe der Sommerspiele an China liessen die chinesischen Instanzen verlauten, dass die wichtigsten Sportstätten schon lange vor der Eröffnungszeremonie fertig gestellt sein sollten. Man wolle jedenfalls die Hektik und Ungewissheit im Vorlauf von Athen 2004 nicht wiederholt sehen. Ein Blick auf die Baustellen vermittelt einem denn auch den Eindruck, dass diese Vorgabe erfüllt werden könnte. Eindrücklich ist beispielsweise die Geschwindigkeit, mit der der Bau der Schnellbahnverbindung zum neuen Flughafen voranschreitet. Doch werden nicht nur Sportanlagen und Ringstrassen aus dem Boden gestampft, die Kapitale hat in den vergangenen Jahren auch unzählige Hotelneubauten erhalten. Schliesslich werden ganze traditionelle Geschäftsviertel abgerissen und neu aufgebaut. Sogar Museen und mehrere Sehenswürdigkeiten sind geschlossen worden und werden neu hergerichtet.

Doch geht es nicht nur um die Schaufenster, in denen einer von Chinas wirtschaftlicher Renaissance stark beeindruckten Weltöffentlichkeit das neue, dynamische Peking präsentiert werden soll. Auch die Statisten, die Einwohner der Hauptstadt, sollen ihren Part erfüllen. Taxifahrer sind dabei, sich elementarste Fremdsprachenkenntnisse anzueignen. Der Markt für sprachkundiges Personal und Fremdenführer ist ausgetrocknet, und die neuen Hotels jagen sich gegenseitig die Mitarbeitenden ab. Jung und dynamisch zu sein und über eine gute berufliche Ausbildung zu verfügen, dies alles wird in den kommenden Monaten einträglich sein. Peking ist in Nachahmung von Schanghai zu einer von Wolkenkratzern dominierten Millionenstadt geworden. Doch ungeachtet der Skyline und der Verkehrsachsen ist Peking in mancher Hinsicht eine Ansammlung von Dörfern geblieben. Dabei ist nicht so sehr an die alten Hutongs zu denken, die inzwischen auch grösstenteils ein Opfer der Spitzhacke geworden sind, sondern an das Verhalten der Pekinger.

Abseits der grossen Avenuen, in Hinterhöfen, aber auch in der Umgebung moderner Wohnblocks, floriert auch heute noch das ländliche Leben. Viele Hauptstädter hängen die Wäsche von den Balkons, versammeln sich abends zum Schwatz auf der Strasse und sitzen auf den Randsteinen der Trottoirs. Die Sommer in Peking sind lang und heiss. Entsprechend locker ist die Kleidung. Die Stadtbehörden wollen der Weltöffentlichkeit indessen ein glamouröses Bild präsentieren, weshalb sie seit einiger Zeit mit Verhaltensregeln und Erziehungsprogrammen allerlei hinterwäldlerischen Untugenden wie Spucken, Drängeln oder Sich-unflätig-Breitmachen zu Leibe rücken wollen. Man kann sicher sein, dass sie damit wenig Erfolg haben werden. Nicht nur weil die Chinesen sich nicht gerne von den Behörden herumkommandieren lassen, sondern auch weil sie im öffentlichen Verhalten ein gering entwickeltes Schamgefühl an den Tag legen.


Menschenrechte und Darfur

Grossereignisse wie die Olympischen Spiele sind auch hochpolitische Angelegenheiten. Denjenigen Stimmen, die sich gegen eine Vergabe der Spiele an ein Land wandten, das weder Demokratie noch Rechtsstaatlichkeit kennt, wurde im Vorlauf zum Entscheid für den Austragungsort entgegengehalten, dass der Anlass im Zeichen der fünf Ringe dazu dienen könne, der Öffnung und der Liberalisierung in China Auftrieb zu verleihen. Es war dies von Anfang an eine naive Vorstellung, die nicht nur die wahren Machtverhältnisse im Reich der Mitte verkannte, sondern die auch übersah, dass Druck von aussen bei der chinesischen Führung in der Regel genau das Gegenteil des Angestrebten bewirkt. Dabei geht es nicht nur um die Verhaltensregeln totalitärer Regime, sondern auch um das im chinesischen Selbstverständnis hochentwickelte Prinzip des Gesichtwahrens und Gesichtgebens.

Ungeachtet dessen, ob die Spiele nun politisch etwas in der Volksrepublik werden bewirken können oder nicht, steht doch schon heute fest, dass sie ein hochrangiges Politikum darstellen. Bereits haben sich verschiedene Menschenrechtsorganisationen mit äusserst kritischen Berichten über die Rechtslage in China, über die Verfolgung politisch Andersdenkender und unliebsamer religiöser Gruppierungen, über die Unterdrückung von Minderheiten und über die Unterbindung der Medienfreiheit zu Wort gemeldet. Insbesondere die Pressefreiheit ist in den vergangenen Monaten zu einer wichtigen Angelegenheit geworden. Zunächst steht fest, dass Peking bei den Sommerspielen mit einem Aufmarsch der Medien rechnen muss, wie es ihn noch nie erlebt hat. Zu Parteitagen reisen zuweilen mehrere tausend Presseleute an, doch für den Sommer 2008 gehen die Erwartungen auf bis zu 20 000 Medienschaffende.

Im vergangenen Jahr hatten die Behörden gewisse Erleichterungen für ausländische Journalisten angeordnet. Zunächst hatte man gedacht, den Rayon der Medienleute ausschliesslich auf die sportlichen Ereignisse beschränken zu können. Schliesslich musste der Tatsache Rechnung getragen werden, dass eine so grosse Zahl von ausländischen Medienvertretern nicht einfach in ein Ghetto einzuschliessen ist. Mittlerweile haben ausländische Journalisten bei der Anwendung der neuen Regeln schon mit Lokalbehörden, die offensichtlich die Pekinger Anordnungen noch nicht verinnerlicht hatten, Schwierigkeiten gehabt. Auch gibt es Berichte, wonach die Zensurbehörden in jüngster Zeit wieder verschärft gegen einheimische Medienleute vorgingen, wobei dies allerdings kaum mit den Sommerspielen als vielmehr mit dem bevorstehenden 17. Parteitag zu tun haben dürfte. Seit kurzem werfen aber auch internationale Ereignisse ihren Schatten auf den Sportanlass.


Scharfe Kritik erfährt Peking für seine Unterstützung des Regimes im Sudan. Offensichtlich verfolgen die Chinesen in diesem erdöl- und rohstoffreichen Land ihre ureigenen wirtschaftlichen Interessen. Vor allem in den USA erweckt die Afrikapolitik der Volksrepublik Argwohn. Schon steht mit Bezug auf das tragische Geschehen in Darfur das Schlagwort von den «Olympischen Spielen des Genozids» im Raum.


Hausgemachtes Ungemach voraussehen

Darüber hinaus gilt es aber auch hausgemachtes Ungemach in Rechnung zu stellen. Dass die gesamten Weltmedien sich auf Peking fokussieren werden, könnte an den Spielen selbst oder am Rande derselben spontane Proteste veranlassen. Es gibt wohl keinen geeigneteren Zeitpunkt, die chinesische Führung zu beschämen und auf Probleme wie Menschenrechtsverletzungen oder die Lage in Tibet aufmerksam zu machen. Die Behörden werden sicher mit einem Massenaufgebot an Sicherheitskräften versuchen, alles Unvorhersehbare im Voraus im Keime zu ersticken. Man erinnert sich an die totale Abriegelung des Tiananmen-Platzes während Sessionen des Nationalen Volkskongresses oder während Kongressen der KPC in der Grossen Halle des Volkes. Da jedoch die Welt in solcher Dichte in Peking präsent sein wird, wird es ein äusserst schwieriger Drahtseilakt zwischen demaskierender Repression und wirksamer Prävention werden. Jedenfalls wird, so es zu eklatanten Gesichtsverlusten der Gastgeber kommen sollte, auch die chinesische Führung nicht ungeschoren davonkommen. Schliesslich gibt es auch Chinesen, die der Ansicht sind, dass man mit Grossereignissen wie Olympia, ja ganz generell mit der Öffnung des Landes nach aussen, ein zu
grosses Risiko eingegangen ist.

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