von
Emchi Tenzin Norbu
Die erste
Flüchtlingsgeneration von Tibetern aus dem Ende der 50er
Jahre ist am aussterben, die Zweite
kommt langsam in das Rentenalter und die dritte Generation hat
zum Teil bereits eigenen Nachwuchs. Jedoch hat sich in der
Situation in und um Tibet in den letzten 50 Jahren wenig bis gar
nichts geändert. Im Gegenteil – je länger das Exildasein dauert,
desto rasanter ändert sich, und dies auf dramatischer Weise, die Lage zu
Ungunsten der Landsleute in der alten Heimat.
Wir haben in
diesen langen Jahren des Exils nicht fertig gebracht,
eine
wesentliche Änderung dieser Lage in der Praxis herbei zu führen. Stattdessen
liessen wir uns lieber vom Prinzip der Hoffnung leiten, nährten uns von leeren Worthüllen,
massen uns
in wortreichen und unendlichen Debatten, zerrieben uns in internen Quereleien
und vielleicht wurde auch mancher Hoffnungsträger niedergemacht, ohne jemals die
Chance gehabt zu haben
beweisen zu können, dass eventuell andere Alternativen
schneller zum Ziele hätten führen können. Trotz dass die Zeit für das Volk von Tibet unaufhaltsam rinnt und das
Exildasein kein Ende nimmt, begnügen wir uns mehrheitlich immer
noch mit
der Nabelschau und meinen, der Rest unserer Aufgabe
würde sich schon von selber erledigen.
Einziger
Lichtblick während dieser Zeit war die Gründung eines weltweiten
Netzwerkes von "Support Groups" sowie die verschiedenen
Parlamentarier Gruppen für Tibet. Hauptsächlich dank ihnen sowie
aufgrund Aktivitäten anderer Grassroot Bewegungen und der
Präsenz des Dalai Lamas als Galionsfigur für die Sache hat
bisher verhindert, dass die
Tibetfrage völlig von der Agenda der Weltpolitik
verschwunden ist.
In den
letzten Jahren fand die 4. Weltparlamentarierkonferenz für Tibet in Edinbourgh in Schottland, Besuche und Gegenbesuche von westlichen
Parlamentariern sowie Exilparlamentarier von und nach Dharamsala,
in und aus der der
Schweiz, nach Gross Britannien, Tirol sowie kürzlich aus Frankreich usw. statt sowie auch das Support
Group Meeting in Prag muss als wichtiges Ereignis erwähnt werden. Dies sind vielleicht ermutigende
Anzeichen dafür, dass langsam ein Umdenken in der Exilpolitik
stattfindet und eine andere Generation nun aktiver daran ist,
die bereits vorhandenen Resourcen und die weltweite
Unterstützung für die tibetische Sache effizienter zu nutzen als auch zu
koordinieren und somit Selbstverantwortung zu übernehmen, anstatt passiv der Dinge zu harren.
Damit in
der Tibetfrage endlich eine Lösung gefunden werden kann und der
begonnene Dialog mit China zu einem Durchbruch kommt, müssen die
besten und fähigsten unter uns in die Exilregierung hinein
gewählt werden. Aus diesem Grunde sollte das Geschlecht, die
Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppierungen und
Partikularinteressen keine entscheidende Rolle bei den Wahlen spielen und im
Vordergrund stehen. Wichtig ist, dass im neu zu bestellendem
Parlament und in der Exekutive keine Selbstdar-steller,
Narzissten und Populisten herumtummeln. Gefragt sind Männer und
Frauen mit dem Herz am richtigen Fleck, mit einem hohen Mass an
Bildung und die Bereitschaft zu besonderem Engagement und
Persönlichkeiten, die durch
Wahrhaftigkeit sowie Integrität sich auszeichnen. Die Motivation
der Kandidaten sollte daher sein, dem tibetische Volk zu
dienen und damit verbunden muss eine tiefe Liebe zu der eigenen Heimat
einhergehen, für deren Freiheit sie ihre ganze Energie
einsetzen wollen.
Aus
diesem Hintergrund heraus sollten sie mit ihrem ganzen Wissen
sowie Können professionell und mit unermüdlicher Kraft für eine gerechte und
baldige Lösung des Tibetproblems sich einsetzen. Dies ist das
Gebot der Stunde, denn es bleibt wenig Zeit für Tibet. Daher
sollten oder müssten die neuen Akteure des weiteren zusätzliche
Qualitätsmerkmale wie Verantwortungsgefühl, die nötige
Entschlossenheit, Rückgrat und Durchsetzungskraft für ihr Amt
mitbringen und während ihrer Amtszeit nicht als Schattenboxer
ihre Zeit im Dharamsala brav absitzen, um den vermeintlich durch
die Wahl erworbene guten Ruf zu gefährden und aufs Spiel zu
setzen.
Für eine Sache wie für Tibet in verantwortungsvollen
Positionen zu dienen und schlussendlich auch Erfolge feiern zu
können, ist kein Zuckerschlecken und erfordert besondere Qualitätsmerkmale.
Diese Qualitäten übersteigen
weit mehr die Fähigkeiten, die man gemeinhin zum alltäglichen Überleben
braucht und ziemlich sicher auch die der so genannten "erfolgreichen" westlichen Wirtschaftsmanager oder der Tagespolitiker.
Es geht hier nicht um den Schutz sowie Erhalt einer seltenen
Pflanzen- oder einer bedrohten Tierart, sondern um das Überleben
einer
ganzen und viele jahrtausend alten Kulturnation dieser Erde. Dieses
Volk, das in der heutigen Welt im
spirituellen Bereich führend ist, trägt auch das
Potenzial in sich nicht nur in der
heutigen Zeit, sondern erst recht in der Zukunft einen gewichtigen Beitrag zur
Befriedung und einem dauerhaften Frieden zwischen den
Völkern auf diesem zerrütteten Planeten
besteuern zu können.
Die Zeichen der Zeit und die Wichtigkeit der Wahlen
wurde bei uns noch nicht
richtig erkannt. Beleg dafür ist die Reaktion unserer lokalen
Wahlkommission. Wäre die Gemeinschaft und die Redaktion nicht
von sich aus frühzeitig aktiv geworden, so wüssten voraussichtlich viele
Interessierte nicht, dass demnächst die Wahlen zur Bildung einer
neuen Exilregierung vor der Tür
stehen!