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Ab
Juli kann man erstmals mit der Bahn nach Tibet
Standard
Ein weiterer Rekord für China: Die höchste Eisenbahnlinie der Welt
beginnt im Juli ihren Zugverkehr nach Tibet.
Ar beiter
beim Bau der Bahnstrecke. Bild: EPA/Hong
Es ist die erste
Bahnverbindung auf das "Dach der Welt", das ehrgeizigste und
umstrittenste Eisenbahn-Projekt des Landes. Ein Grund für
Nationalstolz, sagen die Chinesen. Doch Exil-Tibeter sehen die
Verbindung als Bedrohung für die Kultur ihrer Heimat.
Tibet galt lange Zeit als einzige Region der Welt, die nicht per
Schiene zu erschließen sei. Der "große Vorsitzende" Mao Tsetung
hatte schon in den 50er Jahren von einem Tibet-Express geträumt.
Erste Abschnitte wurden in den 70er Jahren begonnen. Aber die raue
Welt des tibetischen Hochlandes blieb von Schienen unberührt. Erst
2001 wurde die Arbeit an der Strecke wieder aufgenommen.
Inzwischen hat China die Zweifler an dem Mammutprojekt, vergleichbar
wohl nur mit der Großen Mauer oder dem Jangtse-Staudamm, eines
Besseren belehrt. Die im Juni fertig gestellte Strecke führt über
1.142 Kilometer von Golmud in der Provinz Qinghai nach Lhasa. 33
Milliarden Yuan soll dieser zuletzt fertig gestellte Abschnitt
gekostet haben (3,3 Milliarden Euro). Die Passagierzüge starten am
1. Juli in den Metropolen Peking und Schanghai oder Kanton, sowie
den westchinesischen Städten Chengdu und Xining.
Die Reise von Golmud nach Lhasa dauert zwölf, von Peking aus sogar
48 Stunden. Über 1956 Kilometer führt die Qinghai-Tibet-Trasse von
der Provinzhauptstadt Xining durch das Kunlun und Tanggula Gebirge.
Allein 960 Kilometer der Bahnstrecke liegen mehr als 4.000 Meter
über dem Meeresspiegel. Der höchste Punkt misst 5.072 Meter, 255
Meter höher als die peruanische Andenbahn. Die Station Tanggula auf
5.068 Meter wird in Zukunft der höchste Bahnhof der Welt sein.
Da in dieser Berggegend der Sauerstoffgehalt der Luft nur halb so
hoch ist wie im Flachland, sind die Spezial-Waggons mit
Sauerstoffgeräten bestückt. Ähnlich wie durch eine Klimaanlage wird
Sauerstoff in die Kabinen geblasen. Wie im Flugzeug hat im Notfall
jeder Passagier eine eigene Atemmaske. Ärzte fahren mit, um
Patienten zu behandeln, die an Höhenkrankheit leiden.
Die dünne Luft ist ein Grund, warum der Bau jahrzehntelang nicht für
möglich gehalten wurde. Ein anderer ist der gefrorene Boden, über
den die Trasse teilweise führt. Langfristig könnte der zu einem
Problem werden. Durch die globale Erwärmung weicht die Erde unter
den Schienen von Jahr zu Jahr im Sommer stärker auf. Die Trasse
könnte irgendwann absacken.
Die neue Bahnverbindung soll "Touristen, Händler und chinesische
Siedler" anziehen, wie die Zeitung "China Daily" einmal schrieb.
Bisher kommt man nur mit dem Bus oder Flugzeug nach Tibet.
Exil-Tibeter fürchten den zu erwartenden Zustrom von Han-Chinesen
und damit eine weitere kulturelle Angleichung der Tibeter, deren
Hochland sich China nach dem Einmarsch der Volksbefreiungsarmee 1950
einverleibt hatte. Tibet-Initiativen prophezeien gar eine "zweite
Invasion" per Bahn.
Experten und Politiker aus Peking unterstreichen dagegen die
wirtschaftlichen Vorteile für die unterentwickelte und arme
Westregion. Waren kommen bisher zu 85 Prozent über rumpelige
Hochstraßen nach Tibet. In Zukunft könnte ein Großteil per Güterzug
transportiert werden. Zug um Zug dürfte Tibet so noch enger an China
gebunden werden.
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