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Western
Development Programme” führt zu massiven Umsiedlungen
Das TCHRD sprach
mit Neuankömmlingen aus Tibet, deren Lebensgrundlage durch die von
der Zentralregierung finanzierten und vielgepriesenen Projekte des
“Western Development Programme” (Entwicklungsprogramm für den
Westen) vernichtet wurde.
Nomaden in Golok zur Ansiedlung in Ortschaften gezwungen
Im Rahmen der
von der Regierung propagierten “Modernisierungsinitiative” wurden
Nomadengemeinschaften aus Golok zur Umsiedlung gezwungen, weil diese
ihnen angeblich zu “einem besseren Leben” verhelfen würde. Die
Behörden erklärten den Nomaden, ihre Lebensweise sei rückständig,
und wiesen sie an, ihre Herden zu verkaufen und sich an einem festen
Ort niederzulassen. Eine Reihe von Nomadenfamilien wurde bereits in
Ortschaften angesiedelt.
Ein Tibeter, der am 23. März 2006 im Exil ankam und anonym bleiben
möchte, berichtete: “Ich komme aus dem Distrikt Tawu, TAP Golog,
Qinghai. Im Jahr 2000 haben die Behörden in unserer Gegend die
sogenannte “Modernisierungsinitiative” gestartet. Sie erklärten den
Nomaden, ihre bisherige Lebensweise zusammen mit den Tieren sei
überholt und sie sollten sich stattdessen an die Leitlinien der
Regierung halten, um ihre Lage zu verbessern. Sie wurden angewiesen,
ihr Vieh zu verkaufen und sich in Siedlungen niederzulassen, wo man
bereits im Jahr 2000 mit dem Bau von kleinen Häusern begonnen hatte.
Nach deren Fertigstellung wurden die Nomaden zum Verkauf ihrer
Herden gezwungen, egal, ob sie angemessene Preise dafür erhielten
oder nicht. Anschließend mußten sie in die neu gebauten
Dreizimmerhäuschen einziehen. Die Nomadengemeinschaften aus Nelung
und Domchung im Distrikt Tawu wurden aufgefordert, ihr Vieh an die
örtlichen muslimischen Siedler zu verkaufen. Insgesamt wurden mehr
als 60 Nomadenfamilien, 45 davon aus Nelung und 16 aus Domchung,
zwangsumgesiedelt. Da es sich bei den Nomaden meistens um
Großfamilien mit vielen Personen handelt, fanden sie nicht alle in
den ihnen von der Regierung zugewiesenen Häusern Platz. Als sie sich
deswegen bei den Behörden beschwerten, bekamen sie zu hören, die
Regierung könne ihnen keine anderen als die bereits gebauten Häuser
zur Verfügung stellen. Um die Nomaden zum Schweigen zu bringen,
erhielten sie ein paar Kilo Reis und Gerste.
In der Gemeinde Gepo, Distrikt Tawu, ereignete sich 2004 etwas
Ähnliches. Mehr als 90 Familien aus Chuwa und Nechen mußten in die
neu gebauten Häuser einziehen. Die beiden Nomadencamps zählten
ursprünglich über 200 Familien, die verbliebenen sollen in naher
Zukunft ebenfalls umgesiedelt werden.
Die sogenannte “Modernisierungsinitiative” der chinesischen
Regierung zeigt sich auf dem tibetischen Hochland von einer ganz
anderen Seite. Die in die sesshafte städtische Gesellschaft
verpflanzten traditionellen nomadischen Familien werden mit den
dortigen komplexen Anforderungen konfrontiert, ohne über die
notwendigen Fähigkeiten zum Erwerb ihres Lebensunterhalts zu
verfügen. Ohne moderne Schul- oder Berufsausbildung können sie keine
Arbeit finden und auch kein Geschäft
eröffnen, denn diese Nische ist bereits von chinesischen Siedlern
besetzt. Die Regierung wird sie gewiß nicht auf Dauer unterstützen
und so werden sie als Bettler enden, denn zu ihrer bisherigen
Lebensweise können sie nicht mehr zurückkehren.
Die Familie des von uns Interviewten besaß 150 Stück Vieh, wovon sie
nicht nur ihren Lebensunterhalt bestreiten, sondern ihn sogar noch
zur Schule schicken konnte. Seinen Angaben zufolge gab seine Familie
etwa 8000 Yuan für seine Schulbildung aus, aber nach der Umsetzung
der Regierungspolitik zur Abschaffung des Nomadentums mußte das Vieh
verkauft werden. Der Familie blieben nur noch 27 Tiere übrig, und
sie hat nun enorme Probleme mit dem Erwerb ihres Lebensunterhalts.
Unser Gesprächspartner mußte die Mittelschule abbrechen, da seine
Eltern die Kosten nicht mehr aufbringen konnten. Die in der Gegend
verbliebenen Nomaden haben bereits mit dem Verkauf ihrer Herden
begonnen, denn früher oder später werden sie ebenfalls umgesiedelt
werden, und sie machen sich nun große Sorgen wegen der neuen
Lebensumstände, die sie in der Stadt erwarten.
Bauern im Distrikt Dingri werden umgesiedelt
Auch die Bauern
im Westen Tibets stehen vor derselben Misere. Wie ein Neuankömmling
aus dem Distrikt Dingri (chin. Tingri) dem TCHRD berichtete, sollen
im Rahmen des “Entwicklungsprogramms für den Westen” zahlreiche
Familien in einer neu errichteten Ortschaft angesiedelt werden:
“Vor etwa zwei Jahren gaben die Gemeinde- und Distriktbehörden
bekannt, daß die Einwohner von zwei Dörfern in der Gemeinde Shekar,
Distrikt Dingri, auf ein etwa drei Kilometer entferntes Stück Land
umgesiedelt würden. Von den zehn Dörfern der Gemeinde Shekar waren
diese beiden diejenigen mit den meisten Bewohnern. In Chushar leben
um die 40 und in Lishin um die 60 Familien. Beide Dörfer sind
organisch gewachsen und von Feldern umgeben, die eifrig bestellt
werden. In der Umgebung der neuen Siedlung ist kaum Ackerbau
möglich, da sie an einem Hang liegt. Vor zwei Jahren begann die
Regierung damit, dort Häuser zu bauen, welche die Bauern beim Einzug
zur Hälfte zu zahlen haben, der Restbetrag wird ihnen dann von der
Regierung leihweise zur Verfügung gestellt. Die Regierung versprach
den Bauern eine Entschädigung von 1000 Yuan für jedes mu (1 mu
entspricht 67 qm) eingebüßten Ackerlands sowie Schadensersatz für
die Sachwerte in ihren bisherigen Behausungen. Obwohl keine der
betroffenen Familien etwas von der Umsiedlung und der in Aussicht
gestellten Entschädigung hält, wagt es niemand, den Behörden zu
widersprechen.”
Der Flüchtling fuhr fort: “Auch in der Gegend von Dzongdul, Distrikt
Dingri, haben die Behörden mit der Errichtung von neuen Häusern
begonnen. Es heißt, einige davon würden an Einzelpersonen verkauft
und die übrigen anderweitig für kommerzielle Zwecke verwendet
werden. Die Tibeter in den Dörfern befürchten, wenn die Eisenbahn
erst einmal voll in Betrieb genommen ist, werden viele
chinesische Zuwanderer kommen und in diese Häuser einziehen, so daß
ihnen allmählich das ganze Gebiet weggenommen wird.”
Verlust der Ernte infolge der Gleichgültigkeit der Behörden
Ein anderer
Flüchtling, Sonam Topden, 30, aus dem Distrikt Ngari, berichtete dem
TCHRD: “In der Nähe des Dorfs Parab, Gemeinde Chusum, Distrikt Ngari,
gibt es einen Fluß Nugmagyalri. Infolge der anhaltenden Erosion und
der Erdrutsche staute sich der Fluß allmählich auf. Die Dorfbewohner
informierten die Behörden, welche die Lage zwar mehrmals in
Augenschein nahmen, jedoch nichts unternahmen, um den Stau zu
beseitigen. Im Mai 2005 wurde eine große Menge Baumstämme den
Fluß hinunter geflößt, wodurch die Sperre barst und das Wasser auf
einmal abfloß. Die Häuser im Dorf wurden zwar kaum beschädigt, aber
die Felder der Bewohner mit einer Fläche von etwa von 1000 mu wurden
überschwemmt, und ihre gesamte Ernte war vernichtet. Für die
Familien, die sowieso schon von der Hand in den Mund lebten, war die
plötzliche Überflutung ihrer Felder ein großer Schicksalsschlag.
Umsiedlung wegen eines neuen Wasserkraftwerks
2004 wurde mit
den Arbeiten für den Bau eines neuen Wasserkraftwerks im Kreis
Meldrogungkar begonnen, das als “Elektrizitätswerk Drikung”
bezeichnet wird. Wie aus chinesischen Quellen hervorgeht, wurde 128
Bauernfamilien eine amtliche Mitteilung zugestellt, daß sie
umgesiedelt und dafür finanziell entschädigt würden. Diese
Entschädigung wird ihnen aber nicht sehr lange helfen, und danach
werden sie große Schwierigkeiten bekommen, denn sie verfügen über
keine anderen Einkommensquellen, und es wird einige Zeit dauern, bis
sie ihre Landwirtschaft wieder voll aufnehmen können.
Das sogenannte “Western Development Programme” der chinesischen
Regierung, das Tibet zu wirtschaftlichem Aufschwung verhelfen soll,
hat in den ländlichen Gebieten bisher mehr Schaden angerichtet als
Nutzen gebracht. Umsiedlung, Vernichtung der Lebensgrundlagen und
mangelnde Partizipation sind einige der Grundprobleme, die dieses
Programm für die Tibeter mit sich bringt. Das TCHRD appelliert an
die chinesische Regierung, sämtliche Aktivitäten einzustellen, durch
die das Leben der ohnehin schon marginalisierten Tibeter auf dem
Land noch mehr erschwert wird. Die ortsansässige Bevölkerung sollte
bei jedem Entwicklungsprojekt angehört und an dessen Durchführung
beteiligt werden, denn eine ihr aufgezwungene Entwicklung sorgt
langfristig nur für Ängste in der Bevölkerung und Hunger.
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