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Peking nach Lhasa
Berliner Zeitung, 01.07.2006
Kritiker
fürchten um Tibets Kultur und Umwelt
Bernhard Bartsch
Wer mit der Bahn nach Tibet fahren will, muss dem Schaffner vorher
eine Gesundheitserklärung unterschreiben. Schließlich ist die Reise
aufs Dach der Welt selbst im Liegewagen eine körperliche Belastung.
Der Zug, der an diesem Sonnabend zu seiner Jungfernfahrt startet,
klettert bis auf 5 068 Meter Höhe. Wegen der dünnen Luft werden die
Wagons mit Sauerstoff bepumpt; Rauchen ist verboten. Da
Höhenkrankheit lebensgefährlich sein kann, fährt in jedem Zug
medizinisches Personal mit. Die Außentemperaturen auf der
zweitägigen Fahrt schwanken zwischen 30 Grad plus und 30 Grad minus.
Doch die höhenbedingten Kopfschmerzen der Fahrgäste sind klein,
misst man sie an den Strapazen der Eisenbahnbauer. Vor 40 Jahren
fingen sie an, Pekings Traum von der höchsten Bahnlinie der Welt zu
verwirklichen. Das entscheidende letzte Teilstück von Golmud nach
Lhasa schafften sie nun in weniger als fünf Jahren. Die Trasse
entstand größtenteils auf vereistem Boden, streckenweise mussten
Tunnel durch gefrorene Erde getrieben werden. Da sich die
Dauerfrostzone durch die globale Erwärmung verschiebt, mussten auf
manchen Abschnitten Kühlvorrichtungen unter den Gleisen verlegt
werden, damit der Grund nicht auftaut und die Trasse in sumpfigem
Terrain versackt.
Chinas Staatsmedien loben die technische Großleistung euphorisch als
"Jahrhundertereignis" und "Wunder". Staatspräsident Hu Jintao, von
1988 bis 1992 Parteisekretär von Tibet, sprach von einem "Triumph
ohnegleichen". Aber ein Triumph für wen?
Die Kommunistische Partei und ihre Kritiker sind sehr
unterschiedlicher Ansicht darüber, wessen Interessen die Bahn nützt.
"Der Zug wird der lokalen Wirtschaft einen gewaltigen Schub
verleihen und den Menschen vor Ort nützen", referiert Zhu Zhensheng,
Vizedirektor der Tibetabteilung im Pekinger Eisenbahnministerium.
"Der Lebensstandard der Tibeter wird sich erhöhen." Der Zug soll den
Güterverkehr um 75 Prozent billiger machen. So könnten etwa günstige
Kohleeinfuhren Tierdung als gängigen Brennstoff ablösen. Auch
dürften die Preise für Lebensmittel und Baumaterialien deutlich
sinken. Außerdem werde die Zahl der Touristen bis 2010 von heute 1,8
Millionen auf 5,28 Millionen steigen, schätzt die Regierung. Das
entspreche Mehreinnahmen von umgerechnet 400 Millionen Euro.
Geld, das nach Überzeugung der Kritiker allerdings weniger den 2,4
Millionen Tibetern als den Peking-treuen Han-Chinesen zugute kommt.
Sie sind in Tibet zwar nur eine kleine Minderheit, dominieren aber
trotzdem Wirtschaft und Politik. Auch in den neuen Zügen wird so gut
wie kein tibetisches Personal beschäftigt, offenbar aus
Sicherheitsgründen.
"Der Zug bedeutet für Tibet mehr Umweltzerstörung, mehr
Arbeitslosigkeit unter den Tibetern. Und unsere Kultur wird
natürlich zerstört", warnt Ngawang Woeber von der Aktivistengruppe
Gu Chu Sum, die sich für tibetische politische Gefangene einsetzt.
Auch andere Pro-Tibet-Organisationen fürchten, dass Tibet 56 Jahre
nach dem Einmarsch der Volksbefreiungsarmee unwiderruflich in die
Volksrepublik eingliedert werden soll. Die Strategie, ethnische
Minderheiten durch Infrastruktur eng an den Rest des Landes
anzubinden, habe Peking bereits in anderen Unruheregionen wie der
Inneren Mongolei und der muslimischen Westprovinz Xinjiang
erfolgreich eingesetzt. Die tibetische Exilregierung des Dalai Lama
im indischen Dharamsala warnte allerdings vor "provozierenden
Demonstrationen." "Die Bahnstrecke an sich ist für die Tibeter kein
Grund zur Sorge", sagte der Informationsminister Thupten Samphel,
"aber die Frage ist, wofür sie genutzt wird."
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