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Dem Himmel ganz
nah
Kölner
Stadtanzeiger, 5.7.06
VON PETRA
PLUWATSCH
Die junge
Reiseleiterin wirkt erleichtert. „Sie sehen ja ganz gesund aus“,
zwitschert sie fröhlich und rollt das handgeschriebene Plakat, mit
dem sie uns soeben auf dem Flughafen von Lhasa empfangen hat, zu
einer handlichen Röhre zusammen. Lilli, wie wir unsere Begleiterin
schon wenig später nennen dürfen, legt uns zwei weiße Gebetsschals
um den Hals und dirigiert uns aus dem Flughafen heraus.
Himalaya-Berge
türmen sich entlang der erst kürzlich gebauten Schnellstraße nach
Lhasa, jeder von ihnen mindestens 4000 Meter hoch und so kahl wie
ein Maulwurfshügel. Niedrige, weiß gekalkte Häuser, die Fenster mit
schwarzer Farbe umrandet, säumen die Straße. „Der schwarze Rahmen
zeigt, dass das Haus Kraft hat“, erläutert Lilli, die drei Jahre
lang in Xian Deutsch studiert hat. Wir nicken müde und lauschen dem
schnellen Pochen unserer Herzen. Lhasa, die „Stadt der Götter“,
liegt 3600 Meter über dem Meeresspiegel. In diesen Höhen ist die
Luft dünn und der Sauerstoff knapp. Heute Nacht - noch wissen wir
das nicht - werden wir mörderische Kopfschmerzen bekommen. Wir
werden aufrecht im Bett sitzen, um unserer zeitweiligen Atemnot Herr
zu werden, und morgen früh wird uns bereits das Bürsten der Zähne
außer Puste bringen.
Schnellimbisse,
Supermärkte und Billigboutiquen mit Ramsch aus Hongkong begrüßen die
Besucher in Lhasa. In den Straßen tobt der Verkehr. Rund 250 000
Menschen leben hier, die Mehrzahl von ihnen Zugezogene aus dem Osten
Chinas. Kaum 30 000 Einwohner zählte die Stadt, als 1950 chinesische
Truppen in Tibet einmarschierten. Wie Fettringe haben sich moderne
Wohn- und Geschäftsviertel um den alten Stadtkern von Lhasa gelegt,
und nur noch wenige Straßen der Altstadt sind unberührt geblieben
vom Zugriff einer gesichtslosen Schnellbau-Architektur.
Der erste
Eindruck bestätigt sich schnell: Unwiderruflich hat die Moderne
Einzug gehalten in die „chinesische Autonome Region Tibet“. Erst vor
vor wenigen Wochen, nach fünfjähriger Bauzeit, fand eines der
ehrgeizigsten Projekte der Regierung seinen Abschluss: der Bau der
Eisenbahnstrecke nach Lhasa. Am 1. Juli wurde das milliardenschwere
Megaprojekt feierlich eingeweiht. Gleichzeitig nahm ein weiterer
Zivilflughafen seinen Betrieb auf. Und dennoch - die Seele Tibets
scheint mancherorts vollkommen unberührt vom 21. Jahrhundert.
Gelassen schieben sich alte Frauen in staubigen Kleidern über die
dicht befahrenen Straßen und lassen unermüdlich ihre Gebetsmühlen
rotieren. An den Hauswänden sitzen kahl rasierte Mönche in blutroten
Gewändern. Ihr eintöniger Singsang, nur unterbrochen von der Bitte
um eine milde Gabe, begleitet uns durch die Straßen.
„Viel Pause
machen“, bittet Lilli besorgt am nächsten Morgen. Langsam steigen
wir hoch zum Potala, dem traditionellen Arbeits- und Wohnsitz des
Dalai-Lama seit mehr als 300 Jahren. Majestätisch thront der
rot-weiße Palast über der Stadt, seit Jahrzehnten unwiderruflich
verlassen von seinem letzten Hausherrn. 1959 floh der 14. Dalai Lama
aus seinem Land, das die Chinesen neun Jahre zuvor ihrem Riesenreich
einverleibt hatten. Sechs Jahre später wurde Tibet zur „Autonomen
Region“ erklärt.
Oben auf dem
Berg Marpori, 110 Meter über der Stadt, warten 999 Zimmer auf die
Besucher, doch nur ein Bruchteil ist zu besichtigen. Die Luft in den
dunklen Räumen ist geschwängert vom Geruch heißen Fetts, fremd und
schwer legt er sich auf die Lungen. Unzählige Butterlampen
erleuchten kostbare Buddha-Statuen, von der Zeit zerschlissene
Throne und meterhohe, goldglänzende Stupas, in deren Inneren die
Gebeine verstorbener Dalai-Lamas ruhen. Schier betrunken kann man
werden vom Hören und Schauen - oder ist es die Höhe, die die Sinne
vernebelt?
Zehn Yuan,
umgerechnet ein Euro, kostet am Abend die Taxifahrt zum
Barkhor-Platz im Herzen der Altstadt. Wir haben uns - ein Rat von
Lilli - das Ziel in chinesischen Schriftzeichen auf einem Zettel
notieren lassen, auf einem weiteren steht der Namen des Hotels.
Golden glänzt das „Rad der Lehre“ auf dem Jokhang-Tempel im Licht
der Abendsonne. In seinen dunklen, erst vor wenigen Jahren von den
Schäden der Kulturrevolution bereinigten Hallen beherbergt der
Jokhang das am meisten verehrte Heiligtum des Landes: die Statue des
Jobo, des „edlen Herrn“ Shakyamuni (Buddha). Unablässig rotiert ein
Strom von Pilgern im Uhrzeigersinn durch die engen Gassen um das
Kloster. Die Kora, der Pilgerweg um den Jokhang, ist der berühmteste
des Landes. Junge und Greise werfen sich im Sekundentakt bäuchlings
zu Boden und rutschen mit den Händen über das Pflaster. Nur das
Schaben der Pappe, mit der sie ihre Hände schützen, und die
gemurmelten Gebete der Pilger sind zu hören.
Wasserdampf
steigt unablässig aus einem Schnellkocher im nahen „Snowlands
Restaurant“. Er soll die extrem trockene Höhenluft anfeuchten und
den Gästen das Atmen erleichtern. Wir trinken heißen Tee mit
geschmolzener Yakbutter. Salzig wie gekörnte Brühe rinnt das
ungewohnte Getränk durch unsere trockenen Kehlen. Tsampa steht
ebenfalls auf der Speisekarte, das mit Milch, Tee oder Joghurt
zubereitete Brot der Tibeter. Aber auch westliche Kost, Schnitzel
und Pommes frites, ist zu haben.
Feuchtigkeit
spendendes Wasser schüttet unser Fahrer drei Tage später im Auto auf
Lappen und Tücher, als wir uns aufmachen, Lhasa zu verlassen. Die
Klöster von Gyantse, Shigatse und Sakya sind unser Ziel. Winzige
Dörfer ducken sich neben der Straße unter einer sengenden Sonne. An
den Wänden der Häuser trocknen Fladen aus Yakdung, Heizmaterial für
kommende Wintertage. Breitbeinig stehen die Bauern auf ihren
primitiven Holzpflügen, die noch aus der Steinzeit zu stammen
scheinen, und drücken kraft ihres Körpergewichts einen Holzkeil tief
in den Ackerboden. Rote Wollquasten zieren die Hörner der Yaks, die
die Pflüge ziehen - Farbtupfer in einer an Farben armen Gegend. Doch
schon sieht man die ersten Traktoren auf den Feldern, die ersten
Satellitenschüsseln auf manchem Hausdach. Vorboten einer anderen
Zeit, die unaufhaltsam näher rückt.
„Kommen Sie
wieder“, sagt Lilli zum Abschied und zurrt energisch jenes kleine
weiße Hütchen fest, das sie stets aufsetzt, wenn ein Sonnenstrahl
droht. Machen wir gerne - schon aus Neugierde auf ein faszinierendes
Land, das morgen schon ganz anders aussehen kann.
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