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Ansturm auf Tibets Heiligtümer
derStandard.at, 16.07.06
Mengke
ist seit November mit seiner Familie auf Pilgerreise. Nun trennen
sie nur noch zehn Tage Fußmarsch von ihrem Ziel Lhasa
In Lhasa fürchtet man um den 13-stöckigen Palast Potala, der lange
als Sitz der Dalai-Lamas diente.
Lhasa - Der Pilger steht am Rande der Straße und kümmert sich nicht
um die hupenden Lastwagen. Er lässt sich auf seine Knie fallen und
schlittert mit ausgestreckten Armen auf dem Asphalt nach vorn. Seine
Hände schützen umgeschnallte Holzbretter. Dann steht er wieder auf,
geht einige Schritte und beginnt sein Ritual von Neuem. Meter um
Meter rutscht er so voran. Vorn ziehen seine Eltern einen voll
bepackten Karren mit der Pilgerfahne: "Vor acht Monaten brachen wir
auf. Es war noch kalt,"sagt sein 50-jähriger Vater Mengke. Seit
November ist die Familie auf Pilgerzug nach Lhasa. Sie kommen aus
einem 2000 Kilometer entfernten Dorf im tibetisch-autonomen Gebiet
Ganzi. Viele zehntausende Male hat sich der Sohn bereits auf den
Boden geworfen.
Wir überholen die Gruppe zwischen Naqu und Lhasa, 150 Kilometer vor
der tibetischen Hauptstadt. Naqu ist seit 1. Juli Station der neuen
Tibet-Eisenbahn. "Die Familie hat noch zehn Tage Fußmarsch vor
sich"erklärt unser Fahrer. Ihre Religiosität lässt sie die Strapazen
auf sich nehmen. "In Lhasa gehen wir einmal um den Stadtring", sagt
Mengke. Sie wollen auch den Potala umrunden. Ihr Ziel ist aber der
Jokhang Tempel, wo sie ihre Opfer bringen wollen.
Gefahr für den Potala
Andere Gläubige, vor allem aus der Umgebung Lhasas, suchen dagegen
immer wieder den Potala-Palast als Stammsitz von Generationen der
Dalai-Lamas auf. Sie zahlen als symbolischen Eintritt einen Yuan
(zehn Cent). Qiangba Gesang, Verwaltungsdirektor des zum
Weltkulturerbe zählenden Potala, ist inzwischen froh über jeden
ausbleibenden Besucher. Er fürchtet um die Sicherheit des
13-stöckigen Bauwerks aus Holz und Lehm. Seit Eröffnung der
Tibeteisenbahn am 1. Juli "schlafe ich nicht mehr ruhig."2005
besichtigten im Durchschnitt täglich 1000 Menschen den Potala. Ab
nächstem Sommer werden täglich 6000 Reisende per Flugzeug und vor
allem mit der Bahn in Lhasa einfallen. Die meisten wollen den Potala
sehen. "Schreibt nicht mehr, wie schön er ist"bittet Qiangba die
Journalisten. "Sonst kommen noch mehr."Tibets Planer rechnen ab 2010
mit mehr als 2,7 Millionen Touristen pro Jahr, mehr Menschen als auf
der gesamte Hochebene derzeit leben.
Die Auswirkungen sind sichtbar. Die Gänge im Potala, die zu den
Kammern mit Kleinodien des Lamaismus führen, sind durch Seile
unterteilt. Pilger und Besucher schieben sich auf der einen Seite
vor und kehren auf der anderen zurück. Die Eintrittskarten sind
streng kontingentiert. Die Obergrenze liegt bei 2300 Besuchern.
Massentourismus
1300 Jahre nach seinem Bau bedroht der Massentourismus den "Berg des
Buddha". Peking ließ sich die Renovierung des einsturzgefährdeten
Potala, dessen Holzträger von Würmern zerfressen waren, bisher 25
Millionen Euro kosten. Es wäre paradox, wenn ausgerechnet
chinesische Touristen, die sich für tibetische Religion und Kultur
begeistern, nun vollenden, was Pekings kommunistischer Partei nie
gelang. In den ersten drei Jahrzehnten ihrer Schreckensherrschaft
über Tibet versuchte sie immer wieder die religiösen Tibeter von
ihrem Glauben und ihrer Verehrung des Dalai-Lama abzubringen, der
1959 ins indische Exil floh. Der Potala, der Winterpalast des Dalai
Lama, sollte ein seelenloses Museum werden.
Vergebens. Der Lamaismus und seine besondere Aura hat Chinas neues
Bildungsbürgertum für die tibetische Hochkultur angesteckt. Bei den
83 Mönchen, die im Potala Dienst tun, sieht man ebenfalls
Veränderungen. "Unter uns sind weniger falsch als noch vor drei
Jahren"wispert einer der Mönche. Er spielt auf die früher im Potala
herumstehenden Beamten der Staatssicherheit in Mönchskutten an.
Auch aus dem heiligen Jokhang-Tempel meldet Vizedirektor Qu Zha
einen Ansturm. 150.000 Touristen waren es bisher pro Jahr. Mit
doppelt so vielen rechnet er 2007. Besucher dürfen nur nachmittags
in den Jokhang. Der Vormittag ist dem Studium der 118 Mönche
vorbehalten. Wahre Pilger dürfen aber auch vormittags hinein; Mengke
und seine Familie etwa. Sie sind noch Tage vom Jokhang entfernt -
Schritt um Schritt, Kniefall um Kniefall. Wer sich dem Tempel so
nähert, dem stehen alle Türen offen.
(Johnny Erling, DER STANDARD Printausgabe,
17.07.2006)
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