Die zentralistische Buddhokratie und was davon blieb
Erst seit einigen Jahrzehnten haben Forscher genauere Einblicke in die Geschichte und die Geschichten Tibets bekommen. Dadurch entstand auch ein sehr differenziertes Bild von der Gesellschaft des alten Tibet.

Das Hochplateau Tibets ist wüstenhaft; der trockenste Teil ist der westliche Bereich der als Chang Tan bezeichneten alpinen Steppen.
"Der Weg nach Tibet war nie einfach", sagt der Wiener Tibetologe Hans Peter Mathes: "Vielleicht liegt es an der Abgeschlossenheit Tibets, dass sich bis heute in der tibetischen Kultur Vieles erhalten hat, was in anderen Traditionen durch die Modernisierung verschwunden ist". Vor allem in den Grenzgebieten zu Tibet haben sich noch viele alte Traditionen gehalten - Traditionen, die älter sind als der Buddhismus.
Geza Bethlenfalvy, Professor für Tibetologie in Budapest, ist einer der wenigen Kenner der nicht-buddhistischen Traditionen Tibets. Er erzählt beispielsweise, dass bis heute die alten Naturgötter eine wichtige Rolle in der tibetischen Kultur spielen. In Ladakh etwa, das im heutigen indischen Bundesstaat Jammu und Kashmir liegt, glauben die Menschen an die so genannten Cem - an Geister, die in den Bergen wohnen und nachts durch die Dörfer sausen. Bethlenfalvy dazu:
"Man muss ein Mandala mit Opfergaben für vier Götter in den vier Himmelsrichtungen aufstellen, vor allem Essen, aber auch Alkohol, zum Beispiel das tibetische Gerstenbier Tschang, um den Geist einzuladen, damit der sich am Essen gütlich tut und die Kranken in Ruhe lässt", erklärt Bethlenfalvy.
Die Bön-Religion
Aber nicht nur Ladakh, sondern auch die Mongolei
gehört zum tibetischen Kulturraum. Wer sich hier
niederlässt, muss sich offenbar mit den
Berggeistern gut stellen. Für einen modernen
westlichen Menschen ist das vielleicht ein
bisschen schwierig nachzuvollziehen, dass zum
Beispiel der Ackerboden ein lebendiges Wesen ist
und dieses Wesen durch Opfer wohlwollend
gestimmt werden muss.
Alle diese Vorstellungen gehören zu der
vorbuddhistischen Naturreligion, die als
Bön-Religion bekannt ist. In Tibet gibt es
nämlich neben den buddhistischen auch
Bön-Klöster. Erst in den letzten Jahren ist die
Bön-Religion auch im Westen bekannt geworden.
Berg- und Wassergeister werden bis heute auch
von buddhistischen Mönchen angerufen, auch wenn
sie im Exil leben. Zum Beispiel Mönche aus dem
Kloster Drepung - einem der wichtigsten
tibetischen Klöster, das in Südindien neu
gegründet wurde.
Mythen und Legenden der Tibeter
Über die frühen Zeiten der Geschichte Tibets ist
nur wenig bekannt: "Man weiß, dass die Menschen
an Naturgeister und Dämonen glaubten und dass
König Söngtsen Gampo im 7. Jahrhundert den
Buddhismus als Staatsreligion einführte", sagt
Hanspeter Matthes. Politisch motiviert waren
damals auch die Ehen des Königs mit zwei
chinesischen Prinzessinnen, wie in dem Buch von
Andreas Gruschke "Mythen und Legenden der
Tibeter" zu lesen ist:
Als der Brautzug der schönen chinesischen
Prinzessin Wengcheng nach dem fernen Tibet
aufbrach, zählte die staunende Volksmenge
fünfhundert Pferdelasten mit den fünf
Getreidearten, eintausend Pferdelasten mit
Pflügen und einige hundert Handwerksmeister -
ein prächtiges Gefolge für eine Kaisertochter.
Seither floriert in Tibet die Landwirtschaft und
das Handwerk, wird erzählt. Die zweite
Prinzessin, die König Söngtsen Gampo ehelichte,
stammte aus Nepal und soll eine kostbare
Buddha-Statue mitgebracht haben, für die ein
eigener Tempel gebaut wurde - der Jokhang.
Das wichtigste Heiligtum der Tibeter
Der Jokhang liegt im Zentrum der tibetischen
Hauptstadt Lhasa. Er ist bis heute das
wichtigste Heiligtum der Tibeter: "Damals hieß
es, das Land Tibet sei eine Dämonin, die man
unterwerfen müsse. Der Jokhang und zwölf weitere
Tempel sollten der Beherrschung dieser Dämonin
dienen", berichtet Per Sörensen, Tibetologe an
der Universität Leipzig.
Daher wurde zu jener Zeit auf Anraten der
chinesischen Prinzessin Wengcheng dieser Jokhang
in der Mitte eines trockengelegten Flussbettes
errichtet. Denn dort - so hatte sie mit Hilfe
geomantischer Analysen herausgefunden - sei das
Tor zur Unterwelt, und daher könne man hier die
Geister bannen. Dass dies nicht gelang, beweisen
die zahlreichen Überschwemmungen im Land. Die
Tibeter schrieben jene Naturkatastrophen
allerdings nicht dem Monsun, sondern den
örtlichen Wassergeistern - den Nagas - zu, die
sich ihrer Meinung nach durch das Treiben der
Menschen gestört fühlten.
Avalokithesvara
So nennen die Tibeter den Bodhisattva des
Mitgefühls. Er ist nicht nur eine transzendente
Gottheit, sondern erscheint auch in
verschiedener Form auf der Erde unter den
Menschen.
Als Verkörperung des Bodhisattvas des Mitgefühls
gelten die Dalai Lamas. Der jüngste von ihnen -
Tenzin Gyatso - der 14. Dalai Lama -
unterscheidet sich jedoch in vielem von seinen
Vorgängern. Seit mehr als 50 Jahren lebt er im
Exil und bemüht sich auf gewaltlosem Weg um die
Befreiung Tibets. Ob es nach ihm noch einmal
einen Dalai Lama geben wird, lässt er offen:
"Sicher ist eines: Wenn es eine Reinkarnation
gibt, wird diese sicher nicht in China
auftreten. Vielleicht wird es eine Frau sein -
vielleicht auch nicht. Bisher hat sich seine
Heiligkeit da nicht festgelegt", sagt der
EU-Beauftragte des Dalai Lama, Kelsang
Gyaltsens.
Erziehung so tibetisch wie möglich
Die Situation im Exil erfordere auch einen neuen
Blick auf die tibetische Kultur, meint Kelsang
Gyaltsen weiter: "Viele der jungen Tibeter von
heute sind Exil-Tibeter. Manche sind schon im
Westen geboren, aber pro Jahr kommen hunderte
Kinder als Flüchtlinge aus Tibet über die hohen
Pässe ins indische Dharamsala - zum Sitz der
tibetischen Exilregierung. Ihre Eltern haben sie
aus dem chinesisch besetzten Tibet nach Indien
geschickt, weil sie wollen, dass sie als Tibeter
aufwachsen".
Vor allem durch die Hilfe westlicher Sponsoren
gibt es dort mehrere Schulen und Heime für diese
Kinder. Verantwortlich dafür ist die Schwester
des Dalai Laima, Jetsun Pema: "Wir versuchen,
unsere Kinder und jungen Erwachsenen so zu
erziehen, dass sie so tibetisch bleiben wie
möglich und den Weg der tibetischen Kultur
einschlagen, nämlich ein sinnvolles Leben zu
führen. Für einen Buddhisten ist die Geburt als
menschliches Wesen das Kostbarste. Denn wir
glauben an Wiedergeburt: Man kann auch als Tier
wiedergeboren werden, als Insekt etwa. Als
Mensch geboren zu werden, ist nicht so einfach.
Wenn man aber einmal das Leben als Mensch
erlangt hat, muss man es gut und sinnvoll
nützen".
