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93 Jahre voller Abenteuer  Salzburger Nachrichten, 9.1.06


Der Alpinist und Autor Heinrich Harrer ist am Samstag gestorben. Berühmt machten ihn "sieben Jahre in Tibet" und die Freundschaft mit dem Dalai Lama.

Klagenfurt (SN, APA, dpa). Heinrich Harrer ist am Samstag mit 93 Jahren im Krankenhaus in Friesach in Kärnten gestorben. Er war Generationen ein Begriff als Lehrer des Dalai-Lama, als Buchautor, Bergsteiger, Forscher und wohl auch Abenteurer. Er wird am kommenden Samstag in seiner Heimatgemeinde Hüttenberg beigesetzt werden.

"Wenn ich die Zivilisation hinter mir lasse, fühle ich mich sicher", hatte er seine Gefühle bei all seinen Forschungsreisen beschrieben. Und als Rückblick auf seine weltumspannenden Expeditionen erklärt: "Ich hatte noch das große Glück, Menschen zu begegnen, die mit ihrem einfachen Dasein zufrieden waren und Hass und Neid, wie sie zu unserer viel gepriesenen Zivilisation gehören, nicht kannten."

Die Begegnung, die sein Leben verändern sollte, war wohl die mit dem Dalai Lama. In Lhasa war Harrer von 1946 bis 1951 Erzieher und Berater des jungen Dalai Lama gewesen. Harrers Buch "Sieben Jahre in Tibet" wurde ein Welterfolg.

Die Geschichte, wie er nach Tibet gelangt war, ist an Abenteuern kaum zu überbieten. Am Tag als Harrer 1938 die letzte Prüfung seines Staatsexamens im Sport- und Geographiestudium ablegte, fuhr er nach Grindelwald in die Schweiz. Gemeinsam mit dem Wiener Fritz Kasparek sowie den Deutschen Anderl Heckmair und Ludwig Vörg schaffte er am 24. Juli die Erstbesteigung der fast 2000 Meter hohen Eiger-Nordwand im Berner Oberland, an der in den Jahren zuvor zahlreiche Alpinisten gescheitert waren.

Dieser Erfolg brachte Harrer zunächst eine Berufung in die deutsche Himalaja-Expedition 1939 zum Nanga Parbat. Zwar wurde bei dieser der Gipfel nicht erreicht, doch fanden die beteiligten Alpinisten eine neue Aufstiegsroute durch die Diamir-Wand. Auf dem Rückweg Anfang September wurden Harrer und seine Gefährten vom Ausbruch des Weltkrieges überrascht und von den Engländern interniert. Der Österreicher nützte diese Zeit, um Hindostani, Tibetisch und Japanisch zu lernen.

Nach vier Ausbruchsversuchen aus der britischen Internierung hatte Heinrich Harrer beim fünften Mal Erfolg und entkam am 29. April 1944 mit einem Kameraden aus dem Lager in Indien. Es folgte eine 21 Monate dauernde Flucht über rund 2000 Kilometer bis nach Tibet. Dort trat er in den Dienst des Dalai-Lama, des weltlichen und geistigen Oberhaupts der Tibeter.

Ein Schatten aus der NS-Zeit fiel auf Harrer Die Jahrzehnte seit Tibet führten Harrer zu Forschungsreisen rund um die Welt, unter anderem nach Südamerika, Grönland, Alaska, Afrika, Hawaii, Tahiti und Neuguinea, wo er 30 Gipfel zum ersten Mal bestieg und mit den Papuas zusammenlebte. Es folgten Nepal, Surinam, Französisch-Guyana, Sudan und Borneo. In mehr als 20 Büchern verarbeitete Harrer seine Eindrücke. Zuletzt kam im Sommer 2005 der Bild-Textband über den Himalajastaat Bhutan heraus: "Denk ich an Bhutan" (Herbig).

Ende Ende der neunziger Jahre wurde eine Schattenseite im Leben von Heinrich Harrer bekannt. Er räumte ein, nicht nur Mitglied der NSDAP, sondern auch der SS gewesen zu sein. "Ich glaube, ich muss nicht extra betonen, dass ich ein reines Gewissen habe", sagte er damals. Gleichzeitig betonte er, dass er im Rahmen der SS niemals irgendwelche Tätigkeiten ausgeübt habe. Aus heutiger Sicht stelle seine damalige Partei- und SS-Mitgliedschaft jedoch eine "äußerst unangenehme Sache" dar, die er "schlucken und überstehen" müsse, hatte Harrer erklärt.

Die Freundschaft zwischen Harrer und dem 14. Dalai-Lama, Tenzin Gyatso, hielt bis zuletzt: Das geistige und weltliche Oberhaupt der Tibeter erwies Harrer an dessen 80. und zuletzt im Jahr 2002 zum 90. Geburtstag die Ehre und besuchte ihn in seiner Geburtsgemeinde. Das dort geplante Europäische Tibet-Zentrum, für das der Spatenstich im Mai vorgesehen ist, kann Harrer nicht mehr erleben.

Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und LH Jörg Haider würdigten den Verstorbenen am Wochenende als große Persönlichkeit.

 

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