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Radio Free Asia,
www.rfa.org,
18.
November 2005
Washington
– Wie von RFA berichtet, wiesen die chinesischen
Behörden in Tibet im Verlauf einer großen gegen die
Unterstützer des Dalai Lama gerichteten Razzia den
Zuchtmeister (disciplinarian) eines bedeutenden Klosters
aus und nahmen einen seiner Mönche in Haft. Dem
tibetischen Dienst von RFA wurde unter der Bedingung der
Anonymität berichtet, dass Sicherheits- beamte des
Public Security Bureau in das bekannte in der Nähe von
Lhasa gelegene Kloster Sera eindrangen und dort eine
Gebetszeremonie unterbrachen.
"Sie entrissen dem Zuchtmeister des Klosters ein Blatt
mit einer ‚Gebetsbitte’ und verwiesen ihn mitten in der
Zeremonie des Klosters. Ferner ordneten sie an, daß er
ein Jahr lang unter Überwachung zu stehen habe",
verlautet aus der Quelle.
Tsering Dhondup, 30, und ein weiterer Mönch aus dem
Distrikt Phenpo Lhundup verschwanden unmittelbar nach
diesem Vorfall. Tsering Dhondup soll seit Juli in der
Haftanstalt Gutsa im Norden von Lhasa inhaftiert sein.
All das geschah im Juli, wurde aber erst diese Woche
bekannt, nachdem einigen Augenzeugen die Flucht aus der
Autonomen Region Tibet gelungen war.
Keine Besuchserlaubnis: Weiter heißt es, Verwandte von
Tsering Dhondup, die ihn in Gutsa besuchen wollten,
hätten zwar Kleidung und Essen für ihn abgeben können,
seien aber daran gehindert worden, ihn zu besuchen.
Weitere Einzelheiten zu dem Fall wurden bisher nicht
bekannt. „Die meisten Mönche vermuten, daß er insgeheim
festgenommen und zum Verhör abgeführt wurde.
Höchstwahrscheinlich sind die ‚neuen Mönche’, die
kürzlich mit Handys ausgestattet im Kloster ankamen und
offensichtlich Spione sind, hierfür verantwortlich“.
Zu Tsering Dhondups angeblichen Vergehen gehört auch das
Aufschreiben einer "Gebetsbitte“, in welcher das im Exil
lebende Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama, Erwähnung
findet, sowie der Besitz und das Verteilen von Papieren,
in denen die chinesische Herrschaft über traditionell
tibetische Gebiete kritisiert und die Unabhängigkeit
Tibets befürwortet wird.
In der tibetisch-buddhistischen Tradition wird eine
„Gebetsbitte“ üblicherweise von dem für die Ordnung im
Kloster zuständigen Zuchtmeister niedergeschrieben und
verlesen. Die Gläubigen bringen Opfergaben dar und
nennen dabei die Namen bedeutender Lamas, darunter auch
den Dalai Lama, um ihren Segen zu erbitten oder um ein
langes Leben für sie zu beten. In der Regel werden diese
Blätter in den Teepausen während der Gebetszeremonien
verlesen. Changchup Gyaltsen, der Zuchtmeister von Sera,
der die Gebetsbitte laut vorlas, soll aus dem Kloster
ausgewiesen worden sein.
Erneute Razzia: Andere Quellen, auch chinesische
Behörden, berichteten bereits über eine neue Kampagne,
bei der bedeutende religiöse Würdenträger, die dem Dalai
Lama nahe stehen, auf eine schwarze Liste gesetzt und
die buddhistischen Mönche umerzogen werden, womit ihre
Loyalität dem chinesischen Staat gegenüber gefestigt
werden soll.
Am 26. Oktober 2005 wurde in der tibetischen Präfektur
Chamdo mit der Kampagne begonnen, als erstes wurde dem
bekannten Lama Oser die Rückkehr aus Indien in seine
Heimat verwehrt. Oser, der in Südindien lebt, ist der
Abt eines Klosters in Kham, das denselben Namen trägt
und das zum politischen und religiösen Herzland des
Dalai Lama gehört. Außerdem steht er 22 kleineren
Klöstern in der Präfektur Chamdo vor.
Umerziehung in vollem Gang: Aus einer Quelle in China
erfuhr der tibetische Dienst von RFA, daß die
patriotische Umerziehungskampagne vehement durchgeführt
wird. "Wir werden in kleine Gruppen von 20 Mönchen
eingeteilt. Manchmal befiehlt man uns, Formulare
auszufüllen oder wir erhalten Fragebogen und müssen die
leeren Stellen darin ausfüllen. Für die patriotische
Umerziehung müssen wir sechs Bücher durcharbeiten." Dem
in Indien ansässigen TCHRD zufolge haben diese Bücher
folgende Titel: Handbuch für die Zermalmung von
Separatisten, Handbuch für zeitgenössische Politik,
Handbuch für Religionspolitik, Handbuch für Recht und
Gesetz, Handbuch zur Ethik für die Massen und Handbuch
zur Geschichte Tibets. "Die Umerziehung wird von Kloster
zu Kloster durchgeführt. Die dafür zuständige
Kader-Brigade kommt täglich während der Arbeitszeit ins
Kloster", berichtete ein Informant.
Nach einem gescheiterten Aufstand gegen die chinesische
Herrschaft floh der Dalai Lama 1959 aus Lhasa und führt
heute die tibetische Regierung-im-Exil in Dharamsala in
Indien. Fotos, Schriften und Videos des Dalai Lama, der
von den Tibetern hoch verehrt wird, sind in Tibet
verboten, und Personen, bei denen diese gefunden werden,
müssen mit längeren Gefängnisstrafen rechnen. Der Dalai
Lama hat den chinesischen Behörden "kulturellen Genozid"
in der Himalayaregion vorgeworfen, und viele Tibeter
klagen, da sie von der zunehmenden wirtschaftlichen
Entwicklung ausgeschlossen sind, über ethnische
Diskriminierung als Folge der Masseneinwanderung von
Han-Chinesen.
Hohes Maß an religiöser Unterdrückung: In dem diesen
Monat veröffentlichten jährlichen Bericht des
US-Außenministeriums zur religiösen Freiheit in aller
Welt wird der Grad der religiösen Repression in Tibet
als "hoch" bezeichnet.
"Buddhistische Würdenträger wie Gedhun Choekyi Nyima und
Tulku Tenzin Delek werden immer noch festgehalten oder
sind im Gefängnis, und die wichtigsten religiösen
Persönlichkeiten des tibetischen Buddhismus wie der
Dalai Lama und der Karmapa Lama leben weiterhin im
Exil", heißt es darin. "Dutzende von Mönchen und Nonnen
verbüßen Haftstrafen, weil sie sich der patriotischen
Umerziehung widersetzt haben."
Übersetzung: Irina Raba, Augsburg,
Adelheid Dönges, München
Revision: Angelika Mensching, Hamburg
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