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WTN News, 10.10.05
In dem Maße, wie China zu einer dominierenden
Wirtschaftsmacht in der internationalen Arena aufsteigt,
schrumpft der globale Handlungsspielraum für die Tibeter
und ihre Unterstützer rapide - ihre Möglichkeiten, gegen
die Besetzung Tibets durch die VR China tätig zu werden.
Die Ausgangsbasis für irgendwelche gegen China
gerichteten Aktivitäten wird darüber hinaus durch die
Führung der Exilgemeinschaft in Dharamsala gefährdet aus
Angst, die chinesische Regierung zu verärgern und die
versucht, den Protest der Tibet-Unterstützer gegen die
Menschenrechtsverletzungen der Chinesen in Tibet zum
Schweigen zu bringen.
Bei den Verhandlungen mit der VR China sieht sich die
tibetische Regierung-im-Exil (Tibetan
Government-in-Exile - TGIE) mit einer
“Alles-oder-Nichts” Situation konfrontiert, was heißt,
daß China den Verlauf des Dialogs bestimmt und sich über
den Status der TGIE als einem gleichrangigen Partner und
Treuhänder der tibetischen Ansprüche bei dem Konflikt
einfach hinwegsetzt.
Man kann sich kaum vorstellen, daß Nelson Mandela seine
Anti-Apartheid-Aktivisten jemals aufgefordert hätte,
Proteste zu unterlassen, weil sie damit das damalige
südafrikanische weiße Regime eventuell hätten kränken
können. Die chinesische Regierung zeigt gegenüber dem
Dalai Lama nicht den geringsten Respekt, denn sie
beschimpft Seine Heiligkeit und setzt ihn persönlich und
als Staatsmann ständig herab. Welchen Einfluß haben nun
die sino-afrikanischen Beziehungen auf den Kampf um ein
freies Tibet in der heutigen politischen Konstellation?
Während sich die Entscheidungsträger in Dharamsala bei
ihren Bemühungen, einen gangbaren Weg für Tibet zu
finden, ständig im Kreis drehen und es dabei nicht an
Rücksichtnahme auf chinesische Empfindlichkeiten fehlen
lassen, wachsen Macht und Einflußnahme der VR China in
Afrika auf Grund von Handelsvereinbarungen und
historischen Verbindungen zu den Regierungen dort immer
mehr. Die VR China setzt auf Afrika, das ihr dabei
helfen soll, jegliche Debatte über Tibet, sei es nun in
den afrikanischen Ländern oder auf internationaler
Ebene, zu unterbinden. Eine Analyse diverser Reden
chinesischer Regierungsvertreter aus dem Jahr 2005 über
die Entwicklung der Beziehungen zwischen der VR China
und Afrika zeigt, daß die afrikanischen Staaten,
wissentlich oder unwissentlich, an der Gestaltung der
Zukunft Tibets mitwirken.
Die Tibeter werden niemals erleben, daß sich die
Südafrikaner mit der gleichen Energie, Leidenschaft und
Entschlossenheit für sie einsetzen, wie sie es für die
Palästinenser oder die verschiedenen Anti-Bush und
-Blair-Bewegungen tun. Warum protestieren die
Südafrikaner nicht zu Tausenden vor der chinesischen
Botschaft und den Konsulaten, so wie sie es vor den
diplomatischen Vertretungen der Amerikaner zu tun
pflegen? Werden Südafrikaner jemals Auslandsvertretungen
der chinesischen Regierung als “Konsulate des
Völkermords” bezeichnen, wie einige von ihnen die
amerikanischen und britischen diplomatischen
Einrichtungen tituliert haben? Wird der südafrikanische
Staatspräsident jemals das Recht der Tibeter auf ihre
eigene Nation und Entwicklung einfordern, so wie er es
für die Palästinenser getan hat?
Aus unerfindlichen Gründen gelingt es der
pro-tibetischen Bewegung in Südafrika nicht, über das
Elend der Tibeter eine auf emotionaler Ebene geführte
Debatte in Gang zu bringen, die den Aktivitäten und der
Unterstützung für die Sache der Palästinenser oder dem
Widerstand gegen westliche Regierungen hierzulande
gleichkäme. Eine der Ursachen mag sein, daß die
tibetische Regierung-im-Exil sich nicht in der Lage
sieht, mit den Südafrikanern eine gemeinsame politische
Ebene zu finden: Statt dessen stellt sie harmlose Themen
wie Buddhismus und tibetische Kultur oder Heilkunst in
den Vordergrund, damit die Südafrikaner mit der uralten
buddhistischen Tradition der Gewaltlosigkeit und
Verbundenheit aller Dinge vertraut gemacht werden.
Es ist schon tragisch, aber ein derart kraftloses
Vorgehen wird den Kampf der Tibeter um Selbstbestimmung
oder Befreiung von dem tyrannischen Besatzungsregime der
Chinesen nicht voranbringen. In der Tat behindert eine
solche Politik eher jegliches Vorwärtskommen, und je
mehr die Tibeter sowohl in Tibet als auch in der
Diaspora Isolation und Mißverständ-nissen ausgesetzt
sind, wird auch ihre gewaltfreie Haltung ignoriert
werden.
So vernünftig und sinnvoll diese Haltung auf den ersten
Blick auch erscheinen mag, sind ihr Schwung und ihre
Wirksamkeit durch den Sog widriger Umstände bedroht: die
Schwäche der tibetischen Präsenz in Südafrika. Es hat
den Anschein, daß die Tibeter und ihr geistliches und
weltliches Oberhaupt, der Dalai Lama, von Südafrika nur
so lange geduldet werden, als sie nicht den Zorn Chinas
erwecken. Gewiß hätte jede politische Kundgebung, auf
der die Freiheit für Tibet gefordert oder auf die
Menschenrechtslage hingewiesen wird, eine
wirtschaftliche Vergeltung der VR China gegen Südafrika
zur Folge oder würde doch zumindest zu handfesten
Drohungen in diese Richtung führen.
Man kann ohne weiteres annehmen, daß die südafrikanische
Öffentlichkeit nichts über die politische Lage Tibets
weiß und ihr die Zukunft Tibets egal ist. Diejenigen
weißen Südafrikaner, die den tibetischen Buddhismus
praktizieren oder ein vages Interesse an Tibet haben,
sind schon zufrieden, wenn sie ab und zu den Dalai Lama
oder einen tibetischen Mönch auf Vortragsreise zu sehen
bekommen und einige Vorstellungen tibetischer Kultur
genießen können. Diese kurzsichtige Hal-tung schafft ein
Vakuum, wenn es um die Unterstützung der tibetischen
Sache geht – und das in einem Land, das immer noch um
seine hart errungene Demokratie kämpfen muß. Den
schwarzen Südafrikanern, denen ihre eigenen Rechte
jahr-zehntelang vorenthalten wurden, ist nicht bewußt,
daß die Tibeter kurz vor der Auslöschung stehen. Die
südafrikanische Regierung wiederum weiß das sehr wohl,
kümmert sich aber nicht im geringsten um Tibet und die
Menschenrechtspraxis der Chinesen.
Am 17. Mai 2005 erklärte ein Vertreter Chinas, Jin
Yongjan, vor einem südafrikanischen Think-Tank: “Ohne die
standhafte Unterstützung der afrikanischen Länder wäre
die Niederschlagung der gegen China gerichteten
Resolutionen, die einige westliche Länder (und
pro-Tibet-Lobbyisten) bei der
UN-Menschenrechtskommission eingebracht haben, nicht
möglich gewesen.” Hier wird wenigstens offen zugegeben,
daß Heuchelei über jegliche Kritik erhaben ist, wenn es
um Handel und politische Allianzen geht.
Für diejenigen, die die Wahrheit kennen und sich um die
Zukunft Tibets Sorgen machen, ist es unerträglich,
beobachten zu müssen, wie schnell der südafrikanische
Staat und die Zivilgesellschaft mit der Verdammung des
britischen und amerikani-schen kolonialen Imperialismus
bei der Hand sind, während sie vor den kolonialen und
machiavellistischen Umtrieben Chinas in Afrika beide
Augen zudrücken. Die Tatsache, daß China die korrupte
Regierung im Sudan nur deshalb schützt und unterstützt,
weil sie umfangreiche Investitionen in die sudanesische
Ölindustrie getätigt hat, findet in den südafrika-nischen
Medien kaum Erwähnung. Es gibt auch fast keinen
Widerstand gegen die Vernichtung der südafrikanischen
Bekleidungs- und Textilindustrie durch China.
Die Tibeter werden bald erleben müssen, wie sich
südafrikanische Firmen in ihrem Land breitmachen, und
wie sie oben-drein bei der weiteren Marginalisierung der
einheimischen Bevölkerung ausgezeichnet mit der
chinesischen Regierung zusammenarbeiten. Dieses Szenario
deutete der chinesische Botschafter in Südafrika, Liu Guijin an, als er im Februar 2005 sagte: “Die
chinesische Regierung begrüßt und fördert Investitionen
und die Beteiligung an der Entwicklung der westlichen
Region (womit er Tibet meinte).” Für China ist der
Kontinent Afrika reif für Ausbeutung und wirtschaftliche
Kolonialisierung und zudem äußerst nützlich bei der
Erstickung der tibetischen Freiheitsbewegung.
Wenn sich am 7. Oktober die illegale Besetzung der einst
souveränen Nation Tibet zum 55. Mal jährt, wird es für
die Tibeter aus dem Westen höchstens zahnlose
Unterstützung geben, mit viel Händeschütteln auf
kulturellen Foren und bei interre-ligiösen Dialogen, aber
keine Empörung und keine diplomatische Mobilisierung bei
den weltlichen Mächtigen. Die ausge-beuteten,
gedemütigten Tibeter sind ohne Stimme und werden
erkennen müssen, daß der gesamte afrikanische Kontinent
im Würgegriff des roten Drachens ist – bereit, sich
ausbeuten, manipulieren und als nützliches Werkzeug
gegen das tibetische Volk und dessen Recht auf
Selbstbestimmung gebrauchen zulassen. Bald wird das
wirtschaftliche, kulturelle, spirituelle und
umweltpolitische Völkermordprogramm der VR China in
Tibet vollkommen sein und die globale Gemeinschaft kann
sich nur rückblickend schämen, und ihre Scham wird nicht
ausreichen und zu spät kommen
Renato Palmi – Gründer der Tibet
Society of South-Africa (http://www.tibet.org.za/about.htm)
Übersetzung: Irina Raba, Augsburg, Adelheid Dönges,
München
Revision: Angelika Mensching, Hamburg
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