Radio Free Asia,15.
Oktober 2005
Wie Radio
Free Asia (RFA) berichtet, haben die chinesischen
Behörden ca. 40 buddhistische Nonnen aus einem Kloster
in der tibetischen Hauptstadt Lhasa vertrieben, was von
zuverlässigen Quellen dort als ein erneutes scharfes
Durchgreifen gegen als Separatisten Verdächtigte in
tibetisch-buddhistischen Institutionen verstanden wird.
Wie jemand, der anonym bleiben möchte, versichert,
tauchen in den bekannten großen Klöstern neue Mönche
auf, die ohne den langen zur Vorbereitung auf das
Klosterleben notwendigen Prozeß von den Behörden
zugelassen wurden und mit Mobiltelefonen zur
Aufrechterhaltung der Verbindung mit den offiziellen
chinesischen Stellen ausgestattet sind.
Ein kürzlich nach Nepal geflohener Mönch berichtete der
tibetischen Sektion von RFA, im Juli seien 40 von 50
Nonnen aus dem Kloster Gyarak in der Stadt Dzongshul im
Kreis Phempo Lhundrup (chin. Linzhou Xian) vertrieben
worden. Der Mönch erklärte: “Im Juli [2005] bestanden
die chinesischen Behörden plötzlich darauf, dass sie an
dem patriotischen Umerziehungsprogramm teilzunehmen und
dessen Bestimmungen zu beachten hätten. Eine dieser
Vorschriften war, sich mit einem Foto registrieren zu
lassen. Dies befolgten nur sechs der Nonnen (sie
bekleiden höhere Positionen), die anderen verweigerten
diese Aufforderung. Die Behörde für
Religionsangelegenheiten in Lhasa war zwecks
Stellungnahme zu diesen Berichten nicht zu erreichen.
Erneut scharfes Vorgehen der Behörden
Ein anderes
Interview mit einem Mann, der ebenfalls namentlich nicht
genannt werden möchte, bekräftigte diesen Bericht. Er
meinte, die “patriotischen Umerziehungskampagnen”
zielten darauf ab, das tibetische Oberhaupt im Exil, den
Dalai Lama, zu kritisieren, der, wie die Behörden seit
langer Zeit überzeugt sind, die Loyalität zum
chinesischen Staat untergrabe. Der Mann erklärte: “Die
chinesischen Behörden starteten die Kampagne in der
Gegend, und alle Teilnehmer mussten sich fotografieren
lassen, aber nur sechs Nonnen in verantwortlichen
Positionen ließen sich fotografieren. Dieses
Nonnenkloster untersteht dem Talung Kloster. Der Mann
berichtete weiter, dass die chinesischen Behörden in der
Region erneut eine Kampagne durchgeführt hätten, um
potenzielle tibetische Separatisten unschädlich zu
machen. Nach diesen Quellen ist es einer der
Hauptbestandteile dieser Kampagne, die Mönche und Nonnen
eine schriftliche Erklärung unterzeichnen zu lassen, in
der sie den Dalai Lama verdammen.
Kampagne “auf vollen Touren“
“Alle
Mönche und Nonnen müssen ein Formular ausfüllen – der
wichtigste Teil ist die Verurteilung des Dalai Lama und
in anderen Teilen des Formulars geht es um die Ablehnung
des Separatismus usw.”, hieß es von einer Quelle aus
Lhasa. In einem Nonnenkloster in Lhasa widersetzte sich
eine Gruppe von Nonnen dem Ausfüllen dieser Formulare,
daraufhin wurden die Nonnen einzeln aufgefordert,
entweder die Formulare auszufüllen oder das Kloster zu
verlassen.“Diese Kampagne ist in allen Klöstern auf
vollen Touren. Sie läuft sogar im Tsuklakhang (Jokhang)
Tempel (Tibets Hauptheiligtum)”, wie aus dieser Quelle
verlautet. “Fünf neu in das Kloster aufgenommene Novizen
füllten das Formular aus und stimmten der Verurteilung
des Dalai Lama zu, so dass die anderen Mönche im Tempel
dies auch tun mussten – sie alle waren sehr traurig, und
es war ihnen sehr unangenehm.” Nach dieser Quelle wurde
die Kampagne durch die Einsetzung neuer Mitarbeiter in
einer Reihe von Regierungsstellen erneut verstärkt. Sie
fügte hinzu, dass diese neuen Mitarbeiter sich
gegenseitig nicht genügend vertrauen, um geringfügige
Verstöße übersehen zu können.
Neue Mönche trugen Mobiltelefone bei sich
Wie der
Informant erklärte, habe die Taskforce die Aufgabe “das
Kloster von allen zu säubern, die dem Dalai Lama die
Treue halten“. Normalerweise werden nur solche Mönche in
den berühmten Klöstern in Lhasa zugelassen, die 5 bis 10
Jahre studiert haben. Jetzt aber stellen die
chinesischen Behörden neuen Mönchen rote Bescheinigungen
aus, die dann mit Mobiltelefonen in den Klöstern
auftauchen. “Diese neuen Mönche rufen die chinesischen
Stellen an, sobald im Kloster irgendeine Aktivität oder
ein Gebet auch nur den geringsten Bezug zum Dalai Lama
hat. Die Behörden werden sogar bei Opferhandlungen für
Verstorbene sofort informiert, wenn der Dalai Lama dabei
erwähnt wird. Es gab Fälle, in denen die chinesischen
Behörden noch während des Gebetes in den Klöstern
auftauchten, um eine Razzia zu machen, wenn irgendein
Bezug auf den Dalai Lama festgestellt wurde.”
Ehemalige politische Häftlinge werden schikaniert
Nach
lokalen Quellen haben ehemalige politische Häftlinge
zunehmend mit Schikanen von Seiten der Behörden zu
rechnen, indem sie an Fest- und Feiertagen verstärkt
überwacht werden – offensichtlich, um öffentlichen
Protestaktionen zuvorzukommen. “Steht die Feier eines
Ereignisses von nationaler Tragweite bevor, suchen
Beamte der Sicherheitsbehörde jedes Mal diese ehemaligen
Häftlinge auf und schikanieren sie mit allen möglichen
Einschränkungen. Sie dürfen sich nicht mehr frei
bewegen. Während des Ereignisses kommen die Beamten
täglich zu ihnen nach Hause, um sie zu überprüfen und
zermürben. Reagiert der ehemalige Häftling ärgerlich,
dient ihnen das als Vorwand, seine Wohnung genau zu
untersuchen und wenn sie dabei irgendeine Konterbande
finden, wie z.B. Fotos des Dalai Lama, muss er zurück
ins Gefängnis.”
Das Tibetan Center for Human Rights and Democracy
(TCHRD), eine Nichtregierungsorganisation unterstützt
von der Tibetischen Regierung-im-Exil in Nordindien,
veröffentlichte ebenfalls diese Woche Meldungen, nach
denen vor kurzem im Exil angelangte Mönche über eine
verstärkte “Patriotische Erziehungskampagne” in den
tibetischen Klöstern berichten.
Übersetzung:
Irina Raba, Augsburg, Imke Haufschild, München, Angelika
Mensching, Hamburg