HomeZielsetzungVeranstaltungskalenderLinksGästebuchKontakt
 
«Das Leben ist ein Leiden»

Artikel vom St.Galler Tagblatt

Seit 40 Jahren leben viele Tibeter in der Schweiz - in Flawil sind es etwa 120

Flawil. Kelsang Nezam aus Bichwil, ehemalige Präsidentin der Schweizer Abteilung der weltweiten «Tibeter Frauen-Organisation», war vier Jahre alt, als sie mit der Familie von Tibet flüchtete. Sie erzählt von der tibetischen Kultur.

franziska salazar

Anfang der Sechzigerjahre hat die Schweiz gut 2000 tibetische Flüchtlinge aufgenommen. Heute leben rund 3000 Tibeter und Tibeterinnen in der Schweiz, in Flawil sind es etwa 120. Die erste Familie wurde 1965 aufgenommen. Die Tibeter waren anfänglich vor allem in der Textilbranche tätig. Da die Textilindustrie sehr zufrieden mit der Arbeit der Tibeter war, war Flawil bereit, eine ganze Siedlung aufzunehmen.

Neben vielen anderen reisten auch die Flawiler Tibeter und Tibeterinnen neulich für mehrere Tage nach Zürich, um den Dalai Lama zu begrüssen. Er feierte dieses Jahr seinen 70. Geburtstag. Gerade 24 Jahre alt war er, als er die Flucht von Tibet nach Indien unter die Füsse nahm. Gut hunderttausend Tibeter und Tibeterinnen folgten ihm. China besetzte damals gewaltsam Tibet. Bis heute ist die politische Situation schwierig, unbefriedigend und nicht gelöst.

Tibetische Exil-Regierung

Ohne ein eigenes Land zu besitzen, konnten die Tibeter jedoch ihre Exil-Regierung mit 46 Parlamentariern aufrechterhalten. Früher war Tibet eine Monarchie. Durch die Exil-Regierung entwickelten sich demokratische Strukturen. Es gibt verschiedene Ministerien, eine Exekutive und eine Judikative. Das tibetische Parlament trifft sich zweimal im Jahr. Zwei Parlamentarier sind jeweils aus Europa, einer davon ist aus der Schweiz.

Permanente Kontrolle

Trotz den politischen Fortschritten sei es oftmals nicht genau so, wie China die Situation darstelle, erklärt Kelsang Nezam. Es würden viel mehr Chinesen als Tibeter in Tibet leben. Auf der Reise in ihre verlorene Heimat bekämen sogar Tibeter einen chinesischen Dolmetscher. Nur in Begleitung des Dolmetschers dürfen Tibeter ins Land einreisen. «Das bedeutet eine permanente Kontrolle des Volkes, nicht mal innerhalb der eigenen Familie kann man ungestört plaudern.» Auch für die Frauen sei es schwierig. Sie müssten, wie in China, mit der Geburtenkontrolle leben. Es bestehe die Gefahr, dass die tibetische Kultur ganz aussterbe. Auch bei Arbeitsplätzen haben oft Chinesen den Vorrang. «In vergangener Zeit wurde von China eine Eisenbahnlinie in den Tibet gebaut. Das bringe Gefahren zu ungunsten des tibetischen Volkes mit sich», zeigt sich Nezam überzeugt.

Mit der Religion verwurzelt

Kelsang Nezam erklärt: «Das tibetische Volk ist tief mit der Religion verwurzelt. Ein Grundsatz im Buddhismus bedeutet das positive Denken. Es bedeutet, eine positive Geisteshaltung zu entwickeln. Nicht nur für sich selbst soll man denken, sondern an sämtliche Lebewesen auf der Welt.» Auseinandersetzungen oder gar Kämpfe sollten gewaltlos gelöst werden. Egoistisches Denken mache die Menschen unglücklich und es füge der Welt Leid zu. «Das tibetische Volk glaubt an die Wiedergeburt der Seele», sagt Kelsang Nezam. Der Grund der Wiedergeburt sei das Leiden. «Das Leben ist ein Leiden. Und mit der Wiedergeburt bekommen die Seelen Chancen, zu lernen, das Leiden zu verringern.» Das Leben sei ein stetiges Lernen und ein Sich-Weiter- oder aber auch ein Sich-Zurückentwickeln, je nach dem. Das Sich-Weiterentwickeln bedeute ein Wachsen in Mitgefühl, Liebe, Achtsamkeit und der Geisteshaltung. Somit sei die Religion eine ganze Philosophie und Lebensweise.

Farbige Gebetsfahnen

Die Tibetergemeinschaft Flawil/Uzwil feiert nicht nur das alljährliche Tibeterfest (siehe Text oben), sondern auch das Neujahrsfest. Es wird je nach dem Laufe des Mondes im Februar oder März rituell durchgeführt. Das Fest dauert mehrere Tage. Am dritten Neujahrstag werden im Wald hoch oben an Bäumen die farbigen Gebetsfahnen aufgehängt. Ebenso werden Rauchopfer dargebracht und gemeinsam gegessen und gebetet. Für das leibliche Wohl bringen alle etwas zum Teilen mit.

 

zôh-»ÛGDeutsch


© Tibetan Community in Switzerland and Liechtenstein, 2002 | Designed by Tsokhang Tenzin Losal